Kirchheim. Früher war nicht unbedingt alles besser, aber definitiv vieles anders. Autoren, mit deren Texten man sich im Blick auf die Deutschprüfung für das Abitur „herumplagen“ musste, waren meist
WOLF-DIETER TRUPPAT
schon hundert Jahre oder noch länger tot und konnten daher auch gar nicht mehr „belangt“ werden für das, was sie geplagten Schülergenerationen an prüfungsrelevanten Aussagen hinterlassen haben.
Dass ein erst 1963 geborener Autor für die literarische Qualität seines Debütromans nicht nur vom Feuilleton gefeiert, sondern auch von einer für die Zukunft Richtungen vorgebenden Kultusbehörde offiziell anerkannt wird, ist eher neu, sehr erstaunlich und extrem erfreulich.
Dass ein 1998 erschienenes Buch, das sich neu und faszinierend mit dem klassischen Thema des Scheiterns einer Beziehung beschäftigt und zum abiturrelevanten Sternchenthema erhoben wird, ist großartig. Dass man dem sympathischen „Verursacher“ des künftigen Abi-Themas Auge in Auge gegenübersitzen konnte, ist der Buchhandlung Zimmermann zu verdanken, die neben Peter Stamm auch die von Sibylle Mockler als „Studiendirektorin, Fachbereichsleiterin und sehr engagierte Deutschlehrerin“ vorgestellte Karin Ecker zu einem kurzweiligen Abend ins Stadtkino eingeladen hatte.
Karin Ecker verstand es sehr gut, mit ihren Impulse gebenden Fragen den Verlauf des Abends vorwiegend in abiturrelevanten Bahnen zu halten, auch wenn ihr Gesprächspartner ihre Zensuren- und Korrektursorgen weder klären noch beschwichtigen konnte – oder wollte . . .
Peter Stamm überzeugte nicht nur mit seinem sensationell gefeierten Debütroman, der – handsigniert – eines Tages eine wichtige Erinnerung an das Abitur darstellen kann. Dass die Qualität des Buches nicht das Zufallsprodukt einer genialen Eingebung, sondern das Ergebnis intensiver Fleißarbeit ist, machte Peter Stamm deutlich. Immer wieder habe er an seinem Text herumgefeilt, wobei ihn nicht unbedingt die Frage eines Konjunktivs maßgeblich beeinflusst habe, sondern der stimmige Klang und Rhythmus.
Ganz besonders überzeugte Peter Stamm durch seine starke Bühnenpräsenz und Souveränität. Keine der von Karin Ecker gestellten und sowohl die Lehrer- als auch die Schülerperspektive abdeckenden Fragen wurde übergangen. Konkrete Antworten blieb er aber manchmal schuldig. Peter Stamm ist zu Recht überzeugt, dass ein guter Text unterschiedliche Lese- und Verständnismöglichkeiten zulassen muss.
Der geduldige Autor beantwortete auch viele aus dem Publikum gestellte Fragen. Ob seine Antworten immer den Erwartungen gerecht wurden, darf dahingestellt bleiben. Mögliche Prüfungsfragen wurden von ihm jedenfalls nicht verlässlich beantwortet, weil es nicht seine Intention ist, die kunstvolle Verbindung von Fantasie und Wirklichkeit aufzulösen und damit selbst den geheimnisvollen Zauber der Erzählung zu zerstören.
Der Roman „Agnes“ eckt an, öffnet Raum für vielfältige Fragen und dezidierten Widerspruch, gewährt aber vielfältige Interpretationsmöglichkeiten – und genau das ist gut. Peter Stamm verstand es ausnehmend gut, sich als keinesfalls allwissender Autor hinter seinen stets anonym bleibenden Ich-Erzähler zurückzuziehen, mit dem er ja eigentlich „überhaupt nichts“ zu tun hat . . .
Der gefeierte Autor hat den nur 150 Seiten starken, beeindruckenden Roman zwar geschrieben und freut sich vermutlich auch über den dank der vielen baden-württembergischen Abiturienten sich anbahnenden Nachfrageschub, ist aber nun einmal definitiv nicht der namenlose Ich-Erzähler, dessen Gedanken und Empfindlichkeiten er genauso wenig erklären kann, wie das Verhalten der von ihm ebenfalls frei erfundenen Agnes. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder passenden Biografien sind also rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt.
Da auch für literarische Täter die Unschuldsvermutung gelten muss, hat der bei seinem souveränen Auftreten überzeugende Erfolgsautor ganz recht, wenn er sich weigert, das, was er konturenscharf beschrieben, unendlich oft überarbeitet und teilweise sehr bewusst nur nebulös angedeutet und der Fantasie der Leser überantwortet hat, selbst zu erklären und zu interpretieren. Das können und das sollen andere tun – wenn es denn sein muss. Wenn die zu der ausverkauften Lesung gekommenen Schülerinnen und Schüler das alles stimmig und folgerichtig sich selbst erklären und auch die für die Arbeit zuständigen Korrektoren mit ihren Argumenten überzeugen können, haben sie ihre gute Note verdient.
Die Lesung mit Peter Stamm war trotz oder gerade wegen der vielen offen gebliebenen Fragen ein absoluter Gewinn und der Abend insgesamt eine gelungene, vergnügliche und kurzweilige Begegnung mit zeitgenössischer Literatur, die zuweilen eben leider mehr Fragen stellt – und damit dankenswerterweise zum Nachdenken anregt – als sie konkret beantwortet.
