Der Kirchheimer Ludwig Kirchner berichtet im Heimaturlaub von seiner Tätigkeit beim Aufbau afrikanischer Friedenskräfte
Stabilität für Länder mit schlechtem Image

Seit drei Jahren ist der Kirchheimer Ludwig Kirchner schon in Nairobi. Von der kenianischen Hauptstadt aus arbeitet er als Projektleiter am Aufbau einer afrikanischen Friedenstruppe für Krisenregionen. Über Weihnachten zu Besuch in der Heimat, hat er dem Teckboten von seiner Arbeit berichtet.

Kirchheim. „Und Friede auf Erden“ – das ist eine der zentralen Weihnachtsbotschaften. Ludwig Kirchner hat hauptberuflich damit zu tun, dass aus diesem frommen Wunsch Wirklichkeit werden kann, zumindest in einem Teil der Welt. Die Afrikanische Union (AU) ist mit der Europäischen Union (EU) vergleichbar. Allerdings geht es in Afrika noch längst nicht um Stabilitätspakte für eine gemeinsame Währung. Vielmehr geht es in manchen Regionen darum, überhaupt so etwas wie eine allgemeine Stabilität zu erreichen.

Dafür soll die African Standby Force (ASF) sorgen, die ihrerseits nach Regionen unterteilt ist. Ludwig Kirchner ist für das östliche Afrika zuständig, als Projektleiter des Eastern African Standby Force Coordination Mechanism (EASFCOM). Aus Spezialkräften, die aus den unterschiedlichsten Mitgliedsländern aller Himmelsrichtungen in Afrika stammen, sollen in absehbarer Zeit Eingreiftruppen entstehen, die in Krisenregionen intervenieren können.

Im Auftrag der deutschen „Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“ (GiZ) soll Ludwig Kirchner vor allem die zivilen Kräfte im östlichen Afrika betreuen und sie durch Ausbildung und Training an ihre künftigen Aufgaben heranführen. Gewisse Fortschritte in der allgemeinen Vorgehensweise hat er bei der letzten gro­ßen Übung im Sudan schon rein zahlenmäßig festgestellt: „Bei einer ähnlichen Übung vor zwei Jahren gab es unter 1 500 Teilnehmern nur 20 Zivilisten. Jetzt waren wir immerhin ein Drittel.“

Ein Drittel, das entspricht dem Anteil, der den Zivilkräften eigentlich zukommt. Denn zur dauerhaften Friedenssicherung braucht es zwar Militär und Polizei, aber eben auch Verwaltungsfachleute. Soldaten, Polizisten und zivile Kräfte sind die drei Säulen der ASF, und sie müssen reibungslos Hand in Hand arbeiten können, um Konflikte einzudämmen und um dauerhaft etwas Konstruktives aufzubauen.

Dabei sind Einsätze in Krisenre­gionen innerhalb des afrikanischen Kontinents genauso umstritten wie in Deutschland die Einsätze deutscher Soldaten für weltweite Friedensmissionen, wie Ludwig Kirchner erzählt. In den zehn Mitgliedsstaaten, die zur EASF gehören, sind längst nicht alle Einwohner davon überzeugt, dass es richtig ist, eigene Staatsangehörige ans Horn von Afrika zu entsenden, um dort für Stabilität zu sorgen.

Ludwig Kirchner selbst sieht das ganz anders. „In den letzten 20 Jahren waren die Aussichten für Somalia noch nie so gut wie heute.“ Dauerhaft könnte selbst dort wieder Normalität einkehren, wie es beispielsweise in Ruanda auch der Fall ist. Die Völkermorde in Ruanda seien „gut aufgearbeitet“, sagt Ludwig Kirchner – auch wenn die Ruander immer noch selbst schockiert seien, wenn sie mit dem konfrontiert werden, was vor 16 oder 17 Jahren in ihrem Land passiert ist: „Mehr als eine Million Menschen waren da innerhalb von hundert Tagen niedergemetzelt worden.“ Normalität sei da alles andere als selbstverständlich. Und trotzdem habe Ruanda derzeit eine Prosperität aufzuweisen, wie sie für Afrika eigentlich kaum vorstellbar ist.

Die Kehrseite der Medaille umschreibt Ludwig Kirchner mit dem Begriff „Entwicklungsdiktatur“. Trotz ihres relativen Wohlstands fehle es den Ruandern nämlich an „individueller Freiheit“. Im Gegensatz zu Kenia könne man in Ruanda nicht frei über politische Verhältnisse sprechen. Kenia selbst habe zwar auch erst vor drei Jahren eine ernsthafte Krise erlebt. Aber inzwischen sieht Ludwig Kirchner in dem Land, in dem er seinen Dienstsitz hat, „echte Fortschritte“. Als besten Beweis dafür nennt er die Unabhängigkeit der Gerichte. Sie sollte eigentlich selbstverständlich sein. Aber in Kenia gebe es jetzt immerhin starke Signale für wirklich unabhängige Rechtsprechung.

Grundsätzlich stellt Ludwig Kirchner fest: „Die Verfassungen in Afrika sind oft gut. Aber die Verfassungspraxis ist häufig ganz anders. Die Frage ist immer: Ist es wirklich so, wie in der Verfassung vorgesehen?“

Selbst innerhalb der EASF sei zu beobachten, dass es noch einiges zu verbessern gebe, was in diese Richtung geht. Ludwig Kirchner nennt hier „das Problem des Nepotismus“. Nepotismus bedeutet so viel wie „Vetterleswirtschaft“. Die „wichtigste Erkenntnis“ der letzten großen Übung im Sudan sei folgende gewesen: „Die Rekrutierung muss noch verbessert werden. Im Moment wird es den Mitgliedsländern noch zu sehr selbst überlassen, wen sie schicken.“

Als Hauptproblem für die Friedens- und Sicherheitslage sieht Ludwig Kirchner mittlerweile nicht mehr bewaffnete Konflikte zwischen zwei Staaten an, sondern regionale Konflikte, die Gewinne für die Kriegswirtschaft bedeuten. Dazu kommt dann größtes Flüchtlingselend, wie derzeit in Dadaab im Osten Kenias nahe der somalischen Grenze.

Trotz aller Krisen und Probleme in einzelnen Regionen setzt sich Ludwig Kirchner vehement dafür ein, auch die positiven Entwicklungen und Bedingungen in den einzelnen Ländern zu betrachten. Ruanda und Kenia sind dafür ebenso Beispiele wie seine Prognose für das krisengeschüttelte Somalia. Ein weiteres Exempel ist der Sudan: „Der Sudan hat einfach ein schlechtes Image.“ Natürlich gebe es dort Kämpfe und Menschenrechtsverletzungen. Deshalb besteht das schlechte Image teilweise auch zu Recht. Aber der Sudan ist – selbst jetzt nach der Abspaltung des Südsudans – immer noch so groß, dass es falsch wäre, Vorstellungen von regionalen Konflikten einfach auf das gesamte Land zu übertragen.

Wenn Ludwig Kirchner auf den Sudan zu sprechen kommt, dann gerät er geradezu ins Schwärmen. Aber auch das ist ein Beispiel für das falsche Image dieses Landes, das immer im Schatten des nördlichen Nachbarn Ägypten liegt: „Die Nubier hatten eine Hochkultur, die der ägyptischen in nichts nachsteht.“ Auch am südlicheren Nil habe es Pharaonen gegeben, und bis heute habe der Sudan eine größere Anzahl an Pyramiden aufzuweisen als Ägypten.

Ob im Sudan oder in Nairobi –Ludwig Kirchner fühlt sich wohl und sicher. Grundsätzlich sei zwar immer auch mit Überfällen und sonstiger Kriminalität zu rechnen. Aber garantierten Schutz davor gibt es nirgends auf der Welt. Und doch gibt es etwas, was die Familie im östlichen Afrika vermisst: „Der Jahreszeitenwechsel fehlt uns ein bisschen. Der einzige Wechsel, den wir in Afrika haben, ist der der Trocken- und Regenzeiten.“ Aber dafür gibt es ja den Heimaturlaub an Weihnachten.