Kirchheim schafft Hochentaster an und lässt Schnittgut abfahren – Naturschutzstelle
Stadt hilft bei aktiver Baumpflege

Die Stadt Kirchheim will die Bürger unterstützen, die bereit sind, Hand anzulegen und ihre Streuobstbäume zu pflegen. Dazu schafft die Stadt Hochentaster an und wird das Schnittgut abfahren und energetisch verwerten lassen.

Kirchheim. „Jetzt ist die richtige Zeit, um das Signal zur Baumpflege zu geben. Dabei wollen wir die aktiven Menschen unterstützen“, sagte Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer gestern. Gernot Pohl, der Geschäftsbereichsleiter Planung der Stadt, ist sich dessen bewusst, dass es bei dem Streuobstprojekt „um die Quadratur des Kreises geht“. Doch gemeinsam mit der Gruppe Kirchheimer Streuobst (GKS), der Arbeitsgemeinschaft Prof. Dr. Christian Küpfer und Dr. Jürgen Deuschle, die das Streuobstprojekt entwickelte und begleitet, und weiteren Aktiven will die Stadt das vieldiskutierte Thema angehen.

„Wir können im Dunkeln sitzen und sagen, es ist dunkel, wir können aber auch eine Kerze anzünden“, ging es Bürgermeister Riemer um die Motivation und Unterstützung derjenigen, die ihre alten Baumbestände nicht verkommen lassen wollen.

Dr. Jürgen Deuschle, dessen Büro seit 2004 für Kirchheim die Streuobstpflege konzipiert, geht auf die lokalen Besonderheiten ein, „die wir durch landesweite Konzepte nicht in den Griff bekommen können.“ Ihm geht es darum, die Konflikte in den einzelnen Streuobstgebieten zu lösen, mit den Akteuren ins Gespräch zu kommen und das Know-how der Obstbaumbesitzer einzubinden. „Die eine Wiese ist zu steil, andere Gütlesbesitzer haben Probleme mit der Schnittgutabfuhr. Darum geht‘s.“

In Workshops stellte Deuschle fest, wo um die Teckstadt sogenannte Vorranggebiete liegen. Obstbaumwiesen, die noch mit der Hand am Arm gepflegt werden. Durch entsprechende technische Hilfsmittel will die Stadt die Baumpflege attraktiver machen. So wurden drei Hochentaster angeschafft, damit alte Männer nicht mehr auf alte Bäume steigen müssen. Sollten sich die Motorentaster als Erfolg herausstellen, so könnte über die Anschaffung von weiteren Geräten nachgedacht werden.

Mario Drexler, erster Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Jesingen (OGV) und Mitglied der GKS, griff das Stichwort Baumschnitt auf. Demnach besteht für die Obstbaumbesitzer auf Jesinger Markung im Frühjahr die Möglichkeit, ihr Schnittgut von der Firma Döbler abtransportieren zu lassen beziehungsweise bei ihr anzuliefern. Das Reisig und die Äste werden dann geschreddert und zu Holzhackschnitzeln verarbeitet. „Steuobstwiesen sind nicht nur ökologisch, sondern auch energetisch wertvoll,“ meinte Lindorfs Ortsvorsteher Stefan Würtele, den es bewegt, wenn ein 80 bis 100 Jahre alter Baum einfach mit dem Schlepper herausgerissen wird. „Wir sollten uns bewusst werden, was wir dabei zerstören“.

Die drei Hochentaster, die die Stadt anschafft, werden in Lindorf von der Firma Schwarz gegen eine Gebühr an Kirchheimer Obstbaumwiesenbesitzer mitsamt Benzin oder Akku entliehen und gewartet. Wie Würtele versicherte, können geübte Baumpfleger mit dem Hochentaster an einem Samstag rund zehn Obstbäume wieder auf Vordermann bringen. Für Ungeübte bietet der OGV eine Schnittunterweisung mit dem Hochentaster Ende Februar/Anfang März in Lindorf an.

Hightech in der Streuobstwiese, unterstützt vom Kirchheimer Gemeinderat, der insgesamt für dieses Projekt 30 000 Euro zur Verfügung stellte. „Die Bürgervertreter der Teckstadt haben Interesse daran, das Thema nicht einfach laufen zu lassen,“ sagte der Bürgermeister. Darum schreibt die Stadt in den nächsten Tagen auch die Stelle für Natur- und Klimaschutz aus, deren Arbeit zu 70 Prozent den Streuobstbereich betreffen wird. Alle Beteiligten sind sich bewusst, dass Hochentaster, Schnittgutabfuhr und Naturschutzstelle nur ein Anfang sein können. „Wir wollen zunächst einmal auf der Produktionsebene einsteigen“, sagte Günter Riemer. „Später kommt die Vermarktung.“

Eine andere Art, die Pflege von Streuobstwiesen zu unterstützen, geschieht über Gutscheine für die Fremdpflege im Rahmen des Life+ Projekts. „Hier war Kirchheim schon früh mit von der Partie,“ sagte Dr. Jürgen Deuschle. In der Jesinger und Ötlinger Halde stehen viele überalterte Bäume, die bereits seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt wurden. Das Land schießt nun für jeden Baum, der im Auftrag der Besitzer von einem Fachmann gepflegt wird, 50 Euro zu. Entsprechende Gutscheine erhalten Eigentümer bei der Stadt Kirchheim. Wie Bürgermeister Riemer sagte, fand das von der Europäischen Gemeinschaft aufgelegte Life+ Programm im vergangenen Jahr bei zahlreichen Gütlesbesitzer ein positives Echo. Rund 25 000 Euro wurden ausgeschüttet.

Auf ein Thema, das unter den Grundstücksbesitzern immer wieder debattiert wird und auch bereits in den Kreistag getragen wurde, machte Lindorfs Ortsvorsteher aufmerksam. „Die Eigentümer brauchen die Möglichkeit, auf ihren Wiesen Geräteschuppen unterzubringen.“ Eine Lösung des Problems sah Gernot Pohl in einem Gemeinschaftsschuppen „für unsere aktiven Partner“.

Weitere Informationen gibt es unter www.streuobst-teck.de.