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Adel verpflichtet

Angenommen, in der Burgerbude gibt es plötzlich gesundes, regionales und leckeres Bio-Essen: Welche Überraschung! Das wäre in etwa so, wie wenn Stuttgart plötzlich zur richtigen Radfahrstadt wird. Oder Esslingen. Beim noblen Restaurant, das damit wirbt, darf der Gast hingegen Regional und Co. erwarten, sonst ist das schrecklich peinlich. Der Wirt kann sich nicht damit herausreden, dass der Koch leider krank gewesen sei.

Acht „fahrradfreundliche Kommunen“ gibt es in Baden-Württemberg. Auch Kirchheim trägt seit 2012 diese Auszeichnung und hat sie jüngst erneut erhalten. Das ist ein Anspruch wie ein Michelin-Stern. Auch die gute Kampagne zur Radkultur hat bei den Radlern hohe Erwartungen erweckt. Werden sie nicht eingelöst, ist die Ernüchterung groß. Personelle Engpässe bei der Stadtverwaltung gelten da nur kurzfristig als Entschuldigung. Auszeichnungen adeln und Werbung ist wichtig, aber sichtbare Verbesserungen der Infrastruktur müssen umgehend folgen. Dass günstige Maßnahmen den Vorrang erhalten, ist verständlich, aber irgendwann müssen halt auch die dicken Bretter gebohrt werden.

Und dann gab es da autoaffine Kirchheimer Gemeinderäte. Denen war die Radkulturkampagne schon deutlich zu viel Fahrrad. Für sie kommt’s jetzt ganz hart: Will die Stadt Kirchheim ihr auf 2022 verschobenes Ziel, einen Radverkehrsanteil von 20 Prozent zu erreichen, tatsächlich erreichen? Was muss sie dann tun? Auch dem Auto hier und da ein klein wenig Platz wegnehmen, denn Platz ist halt nur einmal da. Adel verpflichtet eben - der Klimaschutz erst recht.

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