Kirchheim

Alles andere als unpolitisch

Demokratie 44 Jugendliche entwickeln bei der ersten Jugendkonferenz im Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde Projektideen für ihre Stadt. Von Antje Dörr

Jugendliche präsentieren im Mehrgenerationenhaus Linde ihre Projektideen.Foto: Markus Brändli
Jugendliche präsentieren im Mehrgenerationenhaus Linde ihre Projektideen.Foto: Markus Brändli

Wie können Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Kulturen in Kirchheim gut zusammenleben? Wie steht es um die Akzeptanz Homosexueller und Menschen, die sich nicht nur einem Geschlecht zugehörig fühlen? Wie können junge Menschen ermutigt werden, anderen zu helfen und Zivilcourage zu zeigen? Was brauchen Jugendliche, die kurz vor dem Schulabschluss stehen und nicht wissen, wie es weitergehen soll? Diese und andere Fragen schwirren am Freitagabend durch den Saal im Mehrgenerationenhaus Linde. 44 Jugendliche und junge Erwachsene suchen mithilfe von Moderatoren der Landeszentrale für politische Bildung und der zehnköpfigen Steuerungsgruppe von „Be Part“ nach Antworten - und nach möglichst konkreten Projektideen, die in Kirchheim umgesetzt werden sollen.

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Das Projekt „Be Part“ ist ein weiterer Versuch, Kirchheimer Jugendliche an der Politik zu beteiligen. Und zwar möglichst, ohne dass sie sich auf lange Zeit verpflichten müssen. Das Vorgängerprojekt Jugendrat hatte gezeigt, dass junge Menschen - in aller Regel Gymnasiasten - kaum mehr bereit sind, sich solche unflexiblen und arbeitsintensiven Ämter ans Bein zu binden (siehe Infokasten). In Zeiten von G8 eigentlich kein Wunder. „Der Vorteil an ‚Be Part‘ ist, dass man bei einzelnen Projekten mitmachen kann“, erklärt Nadine Blüse, hauptamtliche Mitarbeiterin im Mehrgenerationenhaus Linde und zuständig für „Be Part“. Wer Lust auf mehr Engagement hat, ist jederzeit in der Steuerungsgruppe willkommen.

Blüses Erfahrung nach sind Jugendliche für konkrete Projektideen am leichtesten zu begeistern. Das Konzept für das Mahnmal der zivilen Opfer des Holocaust, das seit 2017 auf dem Kirchheimer Alten Friedhof steht, wurde beispielsweise von Jugendlichen mit-entwickelt. Andere setzten sich für besseres Schulessen in einer Kirchheimer Mensa ein, verschönerten graue Wände am Schlossgymnasium oder ließen sich für die Fotokampagne „Wählen ab 16“ fotografieren.

Zurück zur Kirchheimer Kinder- und Jugendkonferenz im Saal des Mehrgenerationenhauses. Die 44 Jugendlichen teilen sich in Gruppen zu den Themen „Zivilcourage“, „Interkulturelles Kirchheim“, „Kreuz und Queer“ (sexuelle Identität) und „Zukunftschancen“ auf. Nun kommt der schwierigste Teil des Nachmittags: In anderthalb Stunden soll eine Projektidee entstehen. Die Moderatoren der Landeszentrale für politische Bildung stimmen die Jugendlichen auf die Themen ein. Weil es bei Interkulturalität und sexueller Identität um Vorurteile geht, sollen sich die Jugendlichen zunächst zu verschiedenen Aussagen positionieren. „Schwule spielen keinen Fußball“, liest die Moderatorin vor. „Das ist ein blödes Klischee“, findet ein Mädchen. Fußballspielen habe doch nichts mit der Sexualität zu tun. „Echt diskriminierend“, findet ein anderer. Er findet es schlimm, dass schwule Profifußballer sich oft nicht outen, weil sie Angst vor den Reaktionen haben. Auch Aussagen wie „Ausländer sind krimineller als Deutsche“ oder „Homosexuelle Paare können keine guten Eltern sein“ werden von den meisten Jugendlichen mit beeindruckender Faktenkenntnis zurückgewiesen und entlarvt.

Um 18 Uhr präsentieren alle vier Gruppen das Ergebnis ihrer anderthalbstündigen Arbeit. Die Gruppe „Zivilcourage“ möchte Mut machen, indem sie „Good News“ verbreitet, also Beispiele, in denen Menschen einander geholfen haben, ohne verletzt zu werden. Mögliche Verbreitungskanäle: Plakate, Flyer, Facebook oder Tageszeitungen. Eine andere Idee der Gruppe ist eine Art Straßentheater: Zwei Menschen prügeln sich. Greifen Passanten ein, oder gehen sie aus Angst, selbst Opfer zu werden, weiter?

Schulische Projekte haben sich die Teilnehmer von „Interkulturelles Kirchheim“ und „Berufsorientierung“ ausgedacht: Die einen wollen im Rahmen einer Projektstunde Bräuche und Feste vorstellen und über Diskriminierung sprechen, möglicherweise begleitet von Speisen der jeweiligen Kulturen. Die anderen planen zwei Tage zur Berufsorientierung, an denen Vorgesetzte und Azubis in Vorträgen und Workshops über verschiedene Berufe informieren sollen. Kreativ werden möchte die Gruppe „Kreuz und Queer“: Sie will ein interaktives Video drehen.

Der Anfang ist gemacht. Die Projektgruppen freuen sich auf Zuwachs. Weitere Treffen finden wieder im Mehrgenerationenhaus Linde statt. „Zivilcourage“ trifft sich am Mittwoch, 25. April, von 18 bis 19 Uhr, „Interkulturelles Kirchheim“ gleich im Anschluss von 19 bis 20 Uhr. Wer bei „Kreuz und Queer“ mitarbeiten will, ist am Mittwoch, 2. Mai, von 18 bis 19 Uhr in der Linde richtig. „Zukunftschancen“ trifft sich gleich danach von 19 bis 20 Uhr.

Vom Jugendgemeinderat zu „Be Part“

Der Kirchheimer Jugendgemeinderat vertritt zwischen 1993 und 2003 die Interessen der Jugendlichen. Für den Fraktionschef der Grünen im Landtag erweist sich das Gremium als Kaderschmiede: Andreas Schwarz war Mitglied des Jugendgemeinderats. 2003 scheitert das Gremium an zu geringer Wahlbeteiligung.

Nachfolgegremium ist der Kirchheimer Jugendrat, der im Jahr 2007 seine Arbeit aufnimmt. Abgesehen vom Namen unterscheidet sich der Jugendrat allerdings nicht von seinem Vorgänger. Die Jugendräte müssen viele Sitzungen absolvieren. Offenbar zu viele. 2013 endet das Projekt wegen Mangel an Bewerbern.

„Jugend BeWegt“ wird 2014 ins Leben gerufen. Die neue Beteiligungsform ist projektorientierter, um auch Jugendlichen, die sich nicht binden wollen, eine Chance zur Mitarbeit zu geben. Der Name wird 2017 in „Be Part“ geändert. Finanziert wird es von der Stadt und dem Bundesprojekt „Demokratie leben“. adö