Kirchheim

Am Wochenende gilt‘s

Kontaktsperre Sommerzeit, steigende Temperaturen und Ostern vor der Tür – für Polizei und Ordnungskräfte wird das Ausflugswetter zum Test, ob die Bevölkerung den Ernst der Lage begriffen hat. Von Bernd Köble

Wer Einsicht zeigt, kehrt hier um: Die Teck ist für Besucher abgeriegelt, die Grillplätze sind gesperrt. Polizei und Ortsbehörde
Wer Einsicht zeigt, kehrt hier um: Die Teck ist für Besucher abgeriegelt, die Grillplätze sind gesperrt. Polizei und Ortsbehörden wollen Menschenströme am Wochenende eindämmen. Foto: Carsten Riedl

Wirte stellen ihre Tische raus, die ersten Biergärten öffnen und beliebte Ausflugsziele wappnen sich für den Ansturm - angesichts von Temperaturen über 20 Grad, die am Sonntag vor Ostern erwartet werden, wäre das normal. Doch normal ist nichts in diesen Tagen. Wer sich außerhalb der Familie mit mehr als einer Person trifft, ohne Abstand zu halten, macht sich bereits strafbar. Zu kontrollieren, dass diese Regeln eingehalten werden, ist Aufgabe von Polizei und Vollzugsdiensten, die sich auf ein buchstäblich heißes Wochenende vorbereiten.

„Manche machen die Akzeptanz von Maßnahmen vom Wetter abhängig“, sagt Andrea Kopp, Sprecherin im Polizeirevier in Reutlingen, das auch für den Kreis Esslingen zuständig ist. Nach zahlreichen Verstößen gegen das Kontaktverbot bereits am vergangenen Sonntag rechnet sie damit, dass sich die Lage an diesem Wochenende zuspitzt.

Dennoch: Besonders krasse Fälle, wie zuletzt in Rottenburg, wo eine Gruppe feiernder Jugendlicher auf den Gemeindevollzugsdienst losging, sind selten. „Was angezeigt wird, sind Ordnungswidrigkeiten, keine Straftaten“, sagt Kopp. „Fast immer geht es um zu große Menschenansammlungen.“ Doch auch solche Verstöße können teuer werden. Ordnungsgelder bis zu tausend Euro, bei Wiederholungstätern wird auch rasch ein Vielfaches fällig. Die Polizei tut, was sie kann. „Es geht um sichtbare Präsenz“, sagt Kopp. „Aber wir können nicht überall sein.“ Schulhöfe, Grünanlagen - die üblichen Jugendtreffs hat die Polizei besonders im Visier. Oft reichten vernünftige Worte, um die Versammlungen aufzulösen. Doch die Beamten wissen: In manchen Fällen geht es später eben an anderer Stelle weiter. Jugendliche seien nicht das ausschließliche Problem, räumt die Sprecherin ein. Doch die Einsicht wachse mit zunehmendem Alter.

Teck und Grillplätze geschlossen

Die Coronakrise hat auch im Revier in Kirchheim den Dienstalltag fest im Griff. „Seit vier Wochen gibt es bei uns kein anderes Thema“, sagt Revierleiter Fabian Mayer, der knapp hundert Kollegen in Kirchheim und den drei Polizeipos­ten in Weilheim, Lenningen und Wernau befeh­ligt. Glück für ihn, dass auch mancher Einsatzbereich im Moment wegfällt. „Ladendiebstahl zu begehen, ist zurzeit ja eher schwierig“, meint der Chef. Froh sind die Beamten auch über jeden Brennpunkt, der wegfällt. Dass die Stadt Kirchheim nach dem Besucheransturm vor zwei Wochen die Zufahrt zu den Bürgerseen gesperrt hat, hat sich die Lage entspannt.

An diesem Wochenende werden Maßnahmen verschärft, der Zugang zu weiteren Ausflugszielen eingeschränkt. Die Grillplätze rund um die Teck sind bereits geschlossen, der Burghof seit Donnerstag für die gesamten Ferien gesperrt. Schon vor der Auffahrt unten in Owen soll eine Halbschranke Einsichtige zur Umkehr bewegen. „Wir müssen in dieser Situation reagieren“, verteidigt Owens Bürgermeisterin Verena Grötzinger den Kurs. Sie steht in engem Kontakt mit Polizei, Landratsamt und dem Albverein als Hausherr auf der Teck. Am Wanderheim finden zurzeit Sanierungsarbeiten statt, was den Raum im Burghof einschränkt. Bei entsprechendem Besucherandrang wäre es hier folglich eng geworden. Als Vertreterin der Ortspolizeibehörde hat sich die Rathauschefin inzwischen einen Dienstausweis ausstellen lassen. „Obwohl ich so etwas nie gebraucht habe“, sagt sie. Doch an diesem Wochenende will sie selbst dazu beitragen, dass die Situation unter Kontrolle bleibt. „Zeigt sich, dass die Appelle verhallen“, sagt Grötzinger, „dann werden wir an Ostern die Maßnahmen verschärfen müssen.“

Albranger, Polizisten, Ortsvertreter - für alle, die am Wochenende verstärkt kontrollieren, heißt es auch Augenmaß bewahren. „Draußen sein ist ja nicht verboten“, sagt Kirchheims Revierleiter Fabian Mayer, „solange jeder Abstand hält.“ Die Polizei verbreitet ihre Appelle auch über Twitter und Facebook, um Jüngere zu erreichen. Dass die Reviere an Belastungsgrenzen stoßen, lässt sich trotzdem nicht verhindern. In Kirchheim stehen ab dem späten Nachmittag täglich Zusatzschichten auf dem Dienstplan. Unterstützt werden die Beamten nicht nur von Sonderkräften des Präsidiums Einsatz, sondern auch von Studenten. Weil die Polizei-Hochschule in Villingen-Schwenningen den Betrieb bis 20. April eingestellt hat, helfen auch Kommissar-Anwärter im Streifendienst aus.

Infizierte gibt es im Kirchheimer Revier bisher keine. Während im Bereich des Präsidiums Reutlingen, das vier Landkreise abdeckt, 160 der mehr als 2 000 Beschäftigten unter Quarantäne stehen, ist hier noch alles ruhig. Die Ansteckungsgefahr ist trotzdem real. Zwar sind alle Beamte mit Mundschutz ausgestattet, doch der kommt nur bei engem Kontakt zum Einsatz. „Einen Mindestabstand auf Streife und in den Fahrzeugen einzuhalten, ist ohnehin unmöglich“, sagt Mayer. Steckt sich einer an, müsste die gesamte Dienstgruppe in Quarantäne. Dann könnte es personell schnell eng werden.

Bisher kein Anstieg häuslicher Gewalt

Im Raum Kirchheim und im Landkreis Esslingen ist laut Polizei und Beratungsstellen auch nach der zweiten Woche mit verschärften Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen keine Zunahme häuslicher Gewalt festzustellen. „Im Moment ist bei uns kein Anstieg erkennbar,“ sagt Fabian Mayer, der Leiter des Kirchheimer Polizeireviers. „Ich hoffe, dass das auch weiterhin so bleibt.“

Beim Verein Frauen helfen Frauen in Kirchheim ist von „verdächtiger Ruhe“ die Rede. „Nach all dem, was wir aus anderen Bundesländern wissen, rechne ich nicht damit, dass das so bleibt“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Irmgard Pfleiderer. Die Krisensituation hat auch Auswirkungen auf den Betrieb in den Frauenhäusern. In größeren Wohneinheiten, die sich sonst mehrere Frauen teilen, ist zurzeit nur Einzelbelegung möglich. In Kirchheim sind im Moment alle zwölf zur Verfügung stehenden Plätze belegt.

Müssen Platzverweise durch die Polizei ausgesprochen werden, ist es für den Aggressor zurzeit fast unmöglich, ein Ausweichquartier zu finden. Die Stadt Kirchheim stellt für diesen Fall deshalb eine Wohnung zur Verfügung. bk

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