Kirchheim

Anarchie mit Clownsnase

Kunst Rainer Splitt versteckt in seiner Ausstellung „colored identities“ die Köpfe von Kirchheimer Bürgern hinter bunten Luftballons. Die Aufnahmen sind noch bis Ende März im Kornhaus zu sehen. Von Kai Bauer

Rainer Splitt - colored identities

Die Wirklichkeit, die wir zu sehen glauben, besteht nur zu etwa einem Fünftel aus den Sinneseindrücken, die als Nervenreize von der Netzhaut ins Sehzentrum geleitet werden, der Hauptteil unserer Wahrnehmung wird vom Gehirn konstruiert. Es bedient sich dabei aus der riesigen Menge an Erinnerungen, die im Laufe des Lebens gespeichert werden. Fast könnte man sagen, das Gehirn rekonstruiert die Wirklichkeit und funktioniert dabei ebenso wie die künstlerischen Darstellungsweisen, etwa die Zeichnung oder die Malerei.

Das Spiel mit dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren bestimmt die Arbeiten des Berliner Künstlers Rainer Splitt, die seit Sonntag in der Ausstellung „colored identities“ im Kornhaus zu sehen sind. Seine Fotoporträts von Kirchheimer Bürgern zeigen nur an den Rändern Frisuren, Ohren oder Kleidung der Porträtierten, die Mitte der Fotografien wird von bunten Luftballons ausgefüllt.

Digitale Programme zur Gesichtserkennung sind heute immer noch nicht perfekt darin, jedem Foto die richtige Identität zuzuordnen. Angesichts Rainer Splitts „colored identities“ wird jedoch auch das beste Programm scheitern. Als menschlicher Betrachter mit den oben beschriebenen Fähigkeiten kann man jedoch ohne Weiteres die Mitbürger, die einem persönlich bekannt sind, hinter den grellbunten Gummiblasen erkennen.

Über hundert Köpfe

Für das Projekt „Colored Identities“ hat Rainer Splitt im November 2018 über hundert Passanten in Kirchheim zu einem Foto-Shooting vor die Städtische Galerie im Kornhaus gebeten, um von ihnen ein Porträt mit einem Ballon in ihrer Lieblingsfarbe anzufertigen. Rainer Splitt möchte ein farbiges, vielfältiges Porträt der Stadt Kirchheim erstellen, das aus den beteiligten Personen und deren individuellen Farben gebildet wird. Sieben ausgewählte Großformate beherrschen die lange Wand der Städtischen Galerie. Das Gros der Porträtierten findet sich an der gegenüberliegenden Stellwand.

Sein Verfahren, Sichtbares gegen Unsichtbares auszuspielen, setzt Rainer Splitt jedoch auch in anderen künstlerischen Techniken ein. Er fertigt beispielsweise „Tauchbilder“ an, indem er die Bildträger mit einem Handgriff versieht und in Farbeimern mit Kunstharzlack versenkt. Diese spiegelnden farbigen Oberflächen spielen dann in seinen Videoarbeiten die Hauptrolle. Sie werden in einer Aktion durch die Stadt getragen und füllen fast den ganzen Bildschirm aus. Aus den Spiegelungen in der Lackoberfläche und den visuellen Fragmenten der Straßen und Gebäude, die am Bildrand sichtbar sind, rekonstruiert sich ein neuartiges, intensives visuelles Erleben des urbanen Raums.

So wie sich aus den Spiegelungen der Videoaufnahme ein komplexes Bild der Wirklichkeit zusammensetzt, bei dem mehrere Realitätsebenen übereinandergelagert sind und sich gegenseitig durchdringen, tragen auch die Frauen und Männer auf den Fotos ihre individuelle Persönlichkeit teilweise verborgen durch den Stadtraum. Da dieser heute von einem digitalen Netz durchdrungen ist, das von Videoüberwachung des öffentlichen Raums bis zu gesammelten Smartphone-Daten, Autokennzeichen oder den Bewegungsdaten aller neueren Fahrzeuge konstruiert wird, bekommen die Ballonporträts etwas von einer anarchistischen Protestform. Sie verstoßen grellbunt gegen jedes Vermummungsverbot und drehen jeder Überwachungskamera eine Nase, sogar eine pneumatische, überdimensionierte Clownsnase.

Seit 40 Jahren organisiert der Kunstbeirat im Auftrag der Stadt Kirchheim Ausstellungen zeitgenössischer und überregionaler Kunst im Erdgeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus sowie Projekte im städtischen Außenraum. Nach dem interessanten Auftakt mit Rainer Splitts „colored identities“ darf man auf weitere Highlights gespannt sein.

Anzeige