Kirchheim

Argument statt Sentiment

Abitur 220 Schüler sind in Kirchheim mit dem Deutsch-Aufsatz in den schriftlichen Teil ihrer Reifeprüfung gestartet. Steppenwolf-Interpretation und Satire-Essay standen besonders hoch im Kurs. Von Andreas Volz

Unter strenger Aufsicht - selbst auf den Gängen - haben an den beiden allgemeinbildenden Gymnasien in Kirchheim die Abiturprüfun
Unter strenger Aufsicht - selbst auf den Gängen - haben an den beiden allgemeinbildenden Gymnasien in Kirchheim die Abiturprüfungen begonnen.Foto: Carsten Riedl

Der Druck, den sich die Abiturienten machen, hat am Dienstag bereits ein wenig nachgelassen: Beim Brüten über den Deutsch-Aufsätzen konnten sie sich schon einmal an die Prüfungsatmosphäre gewöhnen und dabei die erste Hürde auf dem Weg zur allgemeinen Hochschulreife meistern.

Dafür aber gab es vorgestern eine ganz andere Art von Druck: für die Organisatoren der Prüfungen vor Ort - an allen allgemeinbildenden Gymnasien Baden-Württembergs. Schon gegen 6 Uhr begann der Druck der Deutsch-Aufgaben, die per USB-Stick an die Schulen geliefert worden waren. 18 Seiten waren auszudrucken und anschließend zu vervielfältigen, sodass jeder Prüfungsteilnehmer pünktlich um 9 Uhr einen eigenen Stapel mit fünf möglichen Aufgaben vor sich liegen hatte.

In Kirchheim saßen 83 Abiturienten am Schlossgymnasium in den Prüfungsräumen - und 137 am Ludwig-Uhland-Gymnasium. Für ihre „Kollegen“ an den beruflichen Gymnasien dagegen war alles längst überstanden: Sie haben die schriftlichen Prüfungen bereits hinter sich und folgten wieder dem „normalen“ Unterricht, als es an den allgemeinbildenden Gymnasien richtig ernst wurde.

Voll „grauenhaften Ernstes“ steckte gleich die erste Aufgabe, zu der sich 93 der 220 Kirchheimer Abiturienten hingezogen fühlten: Zu interpretieren war jene Textstelle aus Hermann Hesses „Steppenwolf“, in der Hermine dem Titelhelden Harry Haller gegenüber erstmals ihren „letzten Befehl“ erwähnt, den er zu erfüllen habe. Nach einer genaueren Einordnung dieser Szene ging es darum, die Bedeutung Hermines für Harry mit derjenigen Gretchens für Faust zu vergleichen. In diesem Zusammenhang war noch folgende These von Antje Pedde zu überprüfen: „Die zentrale Figur […] ist der männliche Held, der auf seinem Weg der Selbstfindung Frauenfiguren als Stationen seiner Vervollkommnung passiert.“

Thematisch vermeintlich lockerer ging es beim Gedichtvergleich zu, an den sich nur 16 Abiturienten wagten: Zu vergleichen war die „Sommersonate“ des Expressionisten Georg Trakl mit der „Sommerfrische“ seines Zeitgenossen, des Kabarettisten und Humoristen Joachim Ringelnatz. Beide Texte hatten gleichwohl ihre Tücken, denn bei Trakl lastet der Sommer schwer auf dem Land - samt „schwarzen Fliegen“, „schwülen Matten“ und „jähen Liebesschreien“, zu denen sich noch ein grinsend geigendes Gerippe gesellt. Bei Ringelnatz dagegen geht es darum, sich von aller Schwere freizumachen, in der Faulheit das Vergessen zu suchen und die Gedanken höchstens in der allernächsten Nähe schweifen zu lassen.

Gespenstisches Abmühen

Dem Tod als „Störenfried“ begegnet ein eigenbrötlerischer, einsamer Spaziergänger ausgerechnet auf dem Friedhof - in einer Kurzgeschichte Brigitte Kronauers, für die sich 27 Aufsatz-Schreiber erwärmten. Allerdings kommt der Tod in der höchst lebendigen Gestalt eines Joggers daher, dem nicht einmal der Friedhof heilig ist. Den Tod als einen „gespenstisch sich abmühenden Jüngling“ zu sehen, hat etwas ganz Eigenes, erst recht im Zusammenhang mit einer schriftlichen Abiturprüfung.

Ernst und Scherz lagen bei Aufgabe IV nahe beieinander, die in Kirchheim immerhin 64 „Abnehmer“ fand: Anhand einer umfangreichen Materialsammlung - unter anderem zur „heute show“ und zu Jan Böhmermann - konnten die Abiturienten in einem Essay Tucholskys berühmter Frage nachgehen: „Was darf Satire? Alles?“

Beinahe an Realsatire erinnerte dagegen ein Text von Hilmar Klute aus der Süddeutschen Zeitung, dessen Inhalte in Aufgabe V zu erörtern waren: Der Autor klagt über die politische „Correctness“ der „Affektgesellschaft“, die jede abweichende Meinung „im Staubsauger der ethischen Raumpfleger“ verschwinden lasse. An die Stelle des guten alten Arguments sei das „Es-fühlt-sich-falsch-an-Sentiment“ getreten. Da bleibt für die 20 Schüler, die dieses Thema gewählt haben, zu hoffen, dass sie nicht nur gefühlt die richtigen Argumente gefunden haben.

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