Kirchheim

Artenschutz am Albtrauf und in Afrika

Ehrung Dorothea und Wulf Gatter sind mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Gewürdigt wird ihr Engagement an der Forschungsstation Randecker Maar. Von Iris Häfner

Dorothea und Wulf Gatter. Foto: Markus Brändli
Dorothea und Wulf Gatter. Foto: Markus Brändli

Das kommt selten vor: Ein Ehepaar erhält gemeinsam das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, das von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vergeben wird. Diese Besonderheit ist Dorothea und Dr. Wulf Gatter aus Kirchheim gelungen. Für ihre jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit an der Forschungsstation Randecker Maar wurden sie von Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk im Sitzungssaal des Kirchheimer Rathauses ausgezeichnet. „Zwei Mal 50 Jahre ehrenamtliches Engagement - das ist mehr als ein Hobby“, sagte der Minister. Die Arbeit für Mensch, Umwelt-, Natur- und Artenschutz der beiden reicht weit über Kirchheim hinaus. „Das Thema passt in die jetzige Zeit wie kein anderes. Es hat erneut eine gesellschaftliche Debatte darüber begonnen. Anfang der 80er-Jahre war das anlässlich des Waldsterbens schon mal der Fall“, so Peter Hauk. Selbst Forstwirt, kommt der Minister auf die berufliche Laufbahn von Wulf Gatter zu sprechen: „Sie waren ein Pionier. Von 1990 bis 2008 leiteten Sie das bislang einzige ökologische Lehrrevier der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg in Lenningen“, bekundet er dem Kollegen Respekt. „Als junger Forstrat war ich dort zu Gast und total beeindruckt.“

Die Bewahrung der Schöpfung im besten Sinne unter veränderten klimatischen Bedingungen sei die Aufgabe der Zukunft, an deren Analyse und Antworten das Ehepaar Gatter ein Leben lang vorbildlich gearbeitet hat. „Sie waren Ihrer Zeit weit voraus“, sagt er im Hinblick auf das Lebenswerk der beiden, die Forschungsstation Randecker Maar. Seit 1968 werden dort ohne Unterbrechung sämtliche Daten über den Vogelzug erfasst, wenig später kam der Insektenzug dazu. „Sie haben viel Zeit und Herzblut investiert. Ihre Zusammenarbeit und perfekte Aufgabenteilung ist symbiotisch“, so der Minister. Die Station wird bis heute rein ehrenamtlich betrieben und aus Spenden finanziert. „Eine weitere Herzensangelegenheit war, andere Völker für den Naturschutz zu begeistern. Sie beide haben sich am Albtrauf und in Afrika über die Maßen engagiert“, ging Peter Hauk auf die Arbeit in Liberia ein. Von zwei Bürgerkriegen in dem westafrikanischen Land ließen sie sich nicht schrecken.

Wulf Gatter ließ den Abend nicht ungenutzt, um über seine Arbeit an der Forschungsstation und die Veränderungen im Vogel- und Insektenzug zu berichten. Unglaubliche Datenmengen wurden von Anfang an erfasst. „Ohne EDV wirst du es nicht schaffen“, zitierte Wulf Gatter seinen Vetter Walter Gatter und sagte weiter: „So gab es 1974 bei der Firma MBB nicht nur Daten von Flugzeugen und Raketen, sondern auch von Insekten. Walter hat das ganze Material verwaltet - ohne ihn wären wir heute nicht hier.“ Doch gerade diese Zahlen treiben ihm große Sorgenfalten ins Gesicht. Bei den Schwebfliegen ist ein dramatischer Einbruch zu verzeichnen. „Das Ergebnis, das wir demnächst vorstellen, wird kein Lobgesang“, stellte er klar.

„Wir nehmen den Preis für all diejenigen entgegen, die sich mit Leidenschaft dafür einsetzen, die Welt lebenswerter zu machen“, sagte Dorothea Gatter. Sie erinnerte an die vielen ehrenamtlichen Mitstreiter an der Station. Auch ihre Kinder und Enkel wurden eingespannt - fürs Würstchenbraten beim Tag der offenen Tür, bei der Internetrecherche, der Bildbearbeitung und vielem mehr.

Musikalisch eröffnet wurde die Ordensverleihung vom Streicherquartett der Kirchheimer Musikschule unter der Leitung von Takashi Otsuka, ehe Oberbürgermeis­terin Angelika Matt-Heidecker als Hausherrin die zahlreichen Gäste begrüßte. Die Führung an der Forschungsstation vor eineinhalb Jahren ist ihr immer noch im Gedächtnis. „Es ist besorgniserregend, wie wenig Insekten es noch gibt“, sagte sie und zeigte sich beeindruckt vom Enthusiasmus und der Leidenschaft des Ehepaars.

Die weitere musikalische Unterhaltung übernahm Werner Dannemann an der Gitarre. „Den Musiker und Insektenfreund habe ich ausgewählt“, stellte Wulf Gatter klar. Gesanglich unterstützt wurde der Gitarrist von Daniela Epple, später gesellte sich Andreas Kenner, Kirchheimer Stadtrat und SPD-Landtagsabgeordneter, mit seiner Mundharmonika dazu. Somit waren auch die unterschiedlichen musikalischen Vorlieben des Ehepaars berücksichtigt - Dorothea Gatter spielt in einem Ensemble die Geige.

Wulf und Dorothea Gatter bei ihrem Festabend im Sitzungssaal des Rathauses - und Wulf Gatter bei einer Führung über Mauersegler
Wulf und Dorothea Gatter bei ihrem Festabend im Sitzungssaal des Rathauses - und Wulf Gatter bei einer Führung über Mauersegler an deren Brutkästen im Kirchheimer Spital. Fotos: Markus Brändli
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