Kirchheim
Basteln ist Pflichtunterricht

Projekt Schüler der Kirchheimer Konrad-Widerholt-Förderschule machen „Schule im Quartier“ im Treffpunkt „wirRauner“. Es ist ein kreativer Nachmittag, zu dem auch der beliebte Thekendienst gehört. Von Iris Häfner

Schon vor dem offiziellen Beginn des gemeinsamen Nachmittags herrscht reges Treiben im Treffpunkt „wirRauner“. Drei Schülerinnen stehen hinter der Küchentheke und freuen sich über die Kuchenspende einer Besucherin. Die Achtklässlerinnen der Konrad-Wider holt-Förderschule haben Küchendienst und sind ein bisschen aufgeregt, ob in den nächsten zwei Stunden wohl alles rund läuft. Derweil trudeln immer mehr Gäste ein und suchen sich ein Plätzchen am großen, frühlingshaft dekorierten Tisch, an dem schon ein Jugendlicher sitzt und konzentriert strickt. Den Nebentisch ziert ein buntes Sammelsurium: Wollebobbel und Filzwolle, Milchtüten, bunte Tapetenreste, Nadeln und Styropor-Eier.

Es ist Montag, kurz vor 14.30 Uhr, und damit Zeit für „Schule im Quartier - Quartier macht Schule“. Noch bis kurz vor 16 Uhr dreht sich in der Eichendorffstraße 73 alles rund ums Basteln. Nicht alle elf Schüler der KW-Schule sind an diesem Nachmittag da. Jeden Montag laden sie und ihre beide Lehrerinnen Hildegard Maier und Dorothea Habdank zum kreativen Nachmittag ein. Dazu gibt es eine Tasse Tee oder Kaffee, wer will, bekommt auch ein kühles Getränk. Hier begegnen sich Jung und Alt, Grob- und Feinmotoriker, die der Spaß am Basteln eint. „Wir wollen rauskommen aus der Schule und mit unseren Schülern am Gemeinwohl teilhaben“, sagt Dorothea Habdank. Montags ist für die Achtklässler AG-Tag, im Treffpunkt „wirRauner“ ist es die Sozial-AG. Im vergangenen Jahr waren die Schüler des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums (SBBZ) mit Förderschwerpunkt Lernen im Pflegeheim. „Kunst integriert“, ist Hildegard Maier überzeugt und hat das aktuelle Projekt mit Schulleiterin Susanne Schöllkopf ins Leben gerufen.

„Am Anfang wussten wir noch nicht, wohin die Reise geht. Aber unserer Schule ist es wichtig, mit anderen Partnern zu kooperieren“, sagt Hildegard Maier. Mittlerweile ist es eine feste Basteltruppe, die jederzeit auch Neulinge willkommen heißt. Christian hat zur Überraschung aller, seine Leidenschaft fürs Stricken entdeckt. Mit viel Geduld und einer großen Portion Nächstenliebe hat eine Quartiersbewohnerin den Schüler in die Geheimnisse der Strickkunst eingeweiht. Konzentriert ist er bei der Sache und strickt mit Hingabe Masche für Masche. Fällt dann doch eine runter, ist stets eine hilfreiche Hand zur Stelle, um das kleine Malheur zu beheben. Sein Strickwerk ist Teil eines großen Projekts: Der Baum vor dem Treffpunkt soll mit bunten Restwolle-Flecken umhüllt werden.

Direkt neben ihm wird aus einem hübschen Rest-Tapetenstück eine schmucke Geschenktasche. Wie falten, wie kleben, das erklärt Hildegard Maier. Komplizierter zu knicken ist da das Portemonnaie aus penibel gereinigten Milchtüten. Die besondere Herausforderung besteht dazu noch darin, den aufgedruckten Schneemann perfekt bei dem Faltkunstwerk zur Geltung bringen zu können.

Lenny ist ein begeisterter Bastler und mit seiner Mutter und Schwester samt Freund gekommen. Er wagt sich ans Trockenfilzen. Ausdauer ist dabei gefragt. Unzählige Male sticht er dabei mit einer Nadel auf farbige Wolle ein, die ein Styroporei umhüllt - und geht mit einer schönen Osterdeko nach Hause.

Derweil ist der Thekendienst voll in Fahrt und wagt sich sogar an die Kür. Voller Stolz bringt Enie einen Kaffeebecher an den Tisch, den ein Herzchen-Milchschaum krönt. „Viele Schüler freuen sich auf den Thekendienst. Das Praktische macht ihnen Spaß. Hier müssen sie nicht stillsitzen wie in den Mathe- oder Deutschstunden“, sagt Dorothea Habdank. Zwei bis drei Schichten dauert es, bis die Abläufe einstudiert sind, dann läuft die Sache rund, und die Schüler können die Arbeit selbstständig bewältigen. Auch wenn es eine AG ist, sind die Montagnachmittage Pflichtunterricht - auf den sich alle freuen.