Lokale Kultur

Besinnlich bis heiter

Gelungener Auftakt des Sommerprogramms der Stadtbücherei mit „Divertimento“

Kirchheim. Wer zwischen Büchereiregalen gegen die Verführungen einer mehr als lauen Sommernacht

Wolf-Dieter Truppat

unter freiem Himmel, das Sommernachtskino und das Weindorf anspielen muss, sollte gut aufgestellt sein.

Dass sich das „Ensemble Divertimento“ mit „Poesie und Musik“ behaupten wird, war abzusehen. Als gern gesehene Gäste haben sich die Rezitatorin Dr. Waltraud Falardeau, Gabriele Hermann (Klavier) und Sabine Bartl (Querflöte) längst einen guten Namen gemacht und im vergangenen Jahr umfassend und kurzweilig über Hermann Hesse und seine kurze, aber bei ihm und seiner angebetenen „Lulu“ ein Leben lang nachwirkenden Kirchheimer Zeit berichtet.

Beim „Heimspiel“ mit dem Titel „Besinnlich bis heiter“ bezog das gut aufeinander eingestimmte Ensemble auch Sabine Bartls Neffen Simon Greiner mit ein, der das mit Mozart-Variationen und Vivaldi-Klängen beginnende Duo mit dezenter Cajon-Begleitung zum zusätzlich rhythmisierten Trio erweiterte.

Das auf eine peruanische Volksweise des 18. Jahrhunderts zurückgehende „El condor pasa“ und ein später auch als Zugabe wiederholter Tango setzten überzeugende musikalische Akzente in einem klar strukturierten und doch bunt zusammengewürfelten originellen Poesieabend, der kurzweiliger nicht hätte sein können. Harmonien und thematische Brücken bestimmten den Ablauf des Poesieprogramms genauso wie bewusst eingesetzte Brüche.

Was mit Schillers Gedicht „Teilung der Erde“ ernsthaft und bedeutungsschwer begann, das Goethe einst als „ganz allerliebst, wahr, treffend und tröstlich“ bewertet hatte, wurde mit einem Klassiker der Moderne mutig kontrastiert und fortgeführt. Robert Gernhardts Loblied auf das Buch hätte wohl kein aufmerksameres Pub­likum finden können als zu dieser Stunde an diesem Ort.

Ums Buch ist ihm nämlich „nicht bange“, denn „das Buch hält sich schon lange. Man kann es bei sich tragen und überall aufschlagen. Sofort und ohne Warten, kann man das Lesen starten. Im Sitzen, Stehen, Knien, ganz ohne Batterien. Beim Fliegen, Fahren, Gehen. Ein Buch bleibt niemals stehen. Beim Essen, Kochen, Würzen. Ein Buch kann nicht abstürzen. Die meisten andern Medien, tun sich von selbst erledigen. Kaum sind sie eingeschaltet, heißt‘s schon, sie sind veraltet.“ Seiner Überzeugung, dass sie auch „noch in hundert Jahren, das sind, was sie einst waren. Schön lesbar und beguckbar“. – schloss sich das Publikum sicher gerne an.

Tiziano Terzianis provozierender Frage „Wer liest denn heute noch Gedichte?“ folgte die Erkenntnis von Novalis: „Die Poesie heilt alle Wunden.“ Ob in Khalil Gibrans Reimen „Vom Geben“ die Rede war, Erich Kästners „Hymnus auf die Bankiers“ kritische Töne anstimmte oder Fontanes Klassiker über den „Herrn von Ribeck auf Ribeck im Havelland“ und den in seinem Garten stehenden Birnbaum Erinnerungen weckte – Waltraud Falardeau machte Appetit auf mehr und lud an den variantenreich gedeckten Tisch.

Friedrich Schillers mundender „Wirttemberger“ und Wilhelm Buschs virtuos gezauberter „Braten“, die von der im Publikum weilenden Beatrice Fabricius beschriebenen Verführungskräfte des Kuchens und Eugen Roths „Starker Kaffee“ beflügelten die Gedanken des Publikums. Robert Gernhardt erinnerte dagegen lieber an eine dramatische Episode im Leben des Philosophen Kant, der sich nicht – wie Gregor Samsa – eines Tages in einen Käfer verwandelt, sondern genauso plötzlich und überraschend „keine Worte fand“. Erst als man zum Essen rief, wurd‘ er wieder kreativ, und er sprach die schönen Worte: „Gibt es hinterher noch Torte.“

Bei der sich spürbar verschärfenden Unernstigkeit der musikalisch-poetischen Lesung war es dem zwar nicht zu höchsten literarischen Ehren, aber für sein allumfassendes dichterisches Werk doch zu großem Erfolg gekommenen Heinz Erhardt vergönnt, gleich einen gesamten Programmblock bestreiten zu dürfen. Neben dem Porträt seiner musikalischen Familie mit einem Pianoträger als Vater und einer emsig auf ihrer Singer-Maschine nähenden Mutter beschrieb er eine kreative Familie, die immer umzog, wenn es nicht mehr möglich war, beim Metzger länger anschreiben zu lassen.

Die Klassiker der Weltliteratur hatten es dem kleinen Heinz schon damals angetan, und so schreckte er in reiferem Alter nicht davor zurück, sich etwa an eine Neudichtung des Erlkönigs heranzuwagen. Bei ihm beginnt das Gedicht leicht variiert mit „Wer reitet so spät durch Wind und Nacht? Es ist der Vater, es ist schon acht.“ Beim Schluss sind die Unterschiede deutlicher, denn bei Heinz Erhard überlebt das Kind, aber das Pferd ist tot.

Um vom Schicksal eines des Spuckens nicht fähigen „Lama aus dem Land des weißen Brahma“ abzulenken, dribbelte die Literaturwissenschaftlerin Waltraud Falardeau weiter zu einem Rasenspiel, das mit vierundvierzig Beinen am Laufen gehalten wird, und „nicht mit dem Kopf, obwohl‘s erlaubt ist“.

Erwartet wurde auch aktive Mitarbeit des Publikums, das etwa erraten musste, an was Schiller dachte, als er einst sein Gedicht „Zwei Eimer“ schrieb. Dauernde Beifallsbekundungen wurden gleich zu Beginn freundlich in Schranken gewiesen, am Ende des ersten Teils und ganz am Schluss dafür umso reichlicher gespendet – für einen vorwiegend heiteren Abend, der mit irischen Segenswünschen und Hermann Hesses „Stufengedicht“ besinnlich endete und mit der Vorfreude auf den Zauber eines neuen Anfangs ausklang.

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