Kirchheim
Bin ich noch zu retten?

Service Ehrenamtliche Helfer des Kirchheimer Repair Cafés im Treffpunkt „wirRauner“ machen in entspannter Atmosphäre lieb gewonnene Dinge wieder funktionsfähig. Von Sabine Ackermann

Noch zehn Minuten bis 14 Uhr, die ersten sind schon da. Auch Inge Bös vom Organisationsteam ist vorbereitet: Laut ihrer Anmelde-Statistik wird heute, vier Jahre nach der Eröffnung, der 1 000. Gast erwartet. Vom stummen Anrufbeantworter bis zur defekten Zitronenpresse: In Repair Cafés werden Dinge wieder zum Laufen gebracht, die sonst im Müll landen würden.

Dann ist er da, „Neukunde“ Frank Volkner aus Neidlingen. Mitgebracht hat der Filialleiter eines Elektrogeschäfts ein Röhrenradio aus den Sechzigern. Jahrelang erfreute er sich sowohl an der Optik des einstigen Flohmarkt-Schnäppchen als auch am nostalgisch anmutenden Klang - doch das sei jetzt vorbei. „Beim Einschalten kommt kurz der Sender, dann fängt plötzlich ein technisches Brummen an“, lautet die Diagnose des Besitzers, der bei „Dr. Google“ auf die Kirchheimer „Selbsthilfe-Werkstatt“ gestoßen ist. Daraufhin habe er bei Klaus Fernow nachgehakt, ob auch bei einem älteren Gerät eine Reparatur möglich sei. Na klar, alles wird versucht. Der Tüftler, der im März 2015 gemeinsam mit Peter Bös und Herbert Dufner-Falk das Repair Café ins Leben gerufen hat, wurde fündig. Während Frank Volkner ständig am Lautstärke-Regler drehen musste, lüfteten Klaus Fernows unterschiedliche Messungen das ominöse Brumm-Geheimnis - wahrscheinlich ist die Endverstärker-Röhre kaputt. Und diese könne man bei einem bekannten Online-Fachhandel bestellen. Strahlende Gesichter auf beiden Seiten. Vermutlich wäre ein junger Mechaniker mit dieser angestaubten Technik überfordert gewesen, meint der erfahrene Reparateur.

„Sollte eigentlich funktionieren, aber da tropft‘s noch raus“, stellt Erhard Wielandt ein paar Tische weiter bei einem Kaffeevollautomat fest. Besitzerin Johanna nimmt’s gelassen. Die Maschine sei noch von vor der Jahrtausendwende und wurde mindestens fünf, sechs Jahre nicht mehr benutzt, verrät sie und ergänzt augenzwinkernd: „Ich dachte, ich probier’s mal, bevor ich die wegschmeiße“. Oft seien es nur Kleinigkeiten, weiß Erhard Wielandt aus Erfahrung. Der Geo-Physiker und Hobbybastler, dem man seine 79 Jahre nicht ansieht, wurde gleich zu Anfang gefragt, ob er mitmachen will. „Und jetzt bin ich hier, zu mir kommen eigentlich immer die Nähmaschinen“, verrät er lachend und wendet sich motiviert seinem nächsten „Problemfall“ zu.

All diejenigen, die warten müssen, vertreiben sich die Zeit bei Kaffee und Kuchen. Brigitte Poris aus Lenningen hat ihr Schmuckkästchen ausgeräumt. Mitgebracht hat sie drei Modeschmuck-Halsketten, die sich verheddert haben und denen der Verschluss oder einzelne Glieder fehlen. „Wenn ihr mir alle zuguckt, wird das nichts“, droht Beate Wolf scherzhaft und „operiert“ dennoch mit gelassener Ruhe. Die Seniorin hat gut zu tun. Ihre „Stammkundin“ aus Owen, Maria Fischer, hat diesmal mehrere dekorative Klöppelbilder aus Tschechien im Gepäck, deren Rahmen leider etwas aus dem Leim gegangen sind.

Weiter geht‘s, die Auftragszettel im Repair Café sind voll mit funktionsuntüchtigen Gebrauchsgegenständen, die bis dato so manchen Besitzer zur Verzweiflung brachten. Ob sich das heute ändert? Das hofft nicht nur Annette Christian aus Kirchheim. „Die sind hier einfach alle extrem hilfsbereit und supernett“, lobt die Hauswirtschaftsmeisterin, die sich als „durch und durch öko“ beschreibt. Total begeistert ist sie von den Tüftlern, die die Problemstellen ausfindig machen. Ihre hat sie selbst verursacht. Weil sie zu stark am Staubsaugerkabel gezogen habe.

Helmut Arzberger aus Wendlingen ärgert sich, dass nach etwa eineinhalb Jahren der Dimmer seiner Stehlampe kaputt ist, der größere von zwei Strahlern geht nicht mehr. Normalerweise ein Garantiefall, aber er habe leider die Rechnung verschlampt.

„Dann krieg ich halt‘nen Neuen“, ist dagegen Emilie Wiens aus Kirchheim überhaupt nicht enttäuscht, dass ihr Weihnachtsbogen nicht mehr leuchten wird. Auch Heidi Halm hat vorgesorgt und noch vor der Reparatur eine neue Dampfbügelstation gekauft. Dabei war nur der elektrische Kontakt unterbrochen. Doch die Seniorin aus Ochsenwang hat schon eine nachhaltige Lösung parat, ihre Tochter soll das Vorgängermodell bekommen.

Einen besonderen Fall hat der selbsternannte „Allround-Dilettant“ Ulrich Reiter auf seinem „Sezier-Tisch“. Für ihre etwa 25 Jahre alte Stereoanlage von Pioneer habe sie in jungen Jahren in den Ferien lange „geschuftet und gespart“ und nun habe das teure Teil ein Eigenleben entwickelt. „Die macht, was sie will, der Klang ist aber noch gut“, sagt Steffi aus Reichenbach an der Fils. Für sie habe die „alte“ Anlage mit Kassettendeck, Platten- und CD-Spieler einen ideellen Wert: „Ich habe von zu Hause gelernt, nichts wegzuschmeißen.“