Coronavirus

„Bleibt zu Hause, geht nicht raus“

Corona Die Kirchheimerin Johanna Leonardi lebt im Epizentrum der Krise in Mailand und blickt mit großer Sorge auf die Situation in ihrer alten Heimat. Von Peter Eidemüller

Seit einem Monat isoliert: Johanna Leonardi, ihr Mann Alessandro und Töchterchen Matilde erleben dieCorona-Pandemie in Mailand hautnah mit. Foto: privat

Die Botschaft ist klar, die Worte fast schon flehentlich: „Bleibt zu Hause, geht nicht raus. Wenn ihr die Chance habt, die Sache so zu umgehen, dann umgeht sie. Auch wenn es einen Monat oder länger dauert. Passt auf euch auf!“

Dieser Appell stammt von keinem deutschen Politiker oder Virologen, sondern von einer Exil-Kirchheimerin aus Italien, die aus dem Epizentrum der Coronakrise mit Sorgen auf ihre alte Heimat blickt: Johanna Leonardi, geborene Dreyer, lebt mit Ehemann und Tochter in Mailand, wo das öffentliche Leben bereits vor Wochen zum Erliegen gekommen ist. Seit Ende Februar Schulen und Kindergärten geschlossen wurden und der Alltag von Dekreten und Erlassen bestimmt wird, lebt die 41-jährige Industriedesignerin mit ihrer Familie in selbst verordneter Isolation. „Seit 30 Tagen sind wir in der Wohnung“, erzählt sie. „Vor drei Tagen habe ich zum ers­ten Mal wieder kurz die Nase aus der Haustür gesteckt. Als ich sah, dass die Bäume inzwischen Blätter haben, kamen mir die Tränen.“

Den Frühlingsbeginn nicht draußen in der Natur erleben zu können, ist vor allem für Töchterchen Matilde hart. Die Sechsjährige vermisst Freunde, Kindergarten und das unbeschwerte Spielen im Freien. „Wir versuchen so gut es geht, Routine in den Alltag zu bringen, indem wir gemeinsam lesen, backen, kochen oder nähen“, schildert Johanna Leonardi das Leben in ihrer Wohnung, einer von acht in einem Mehrfamilienhaus mitten in Mailand.

Die 1,3-Millionen-Einwohner-Metropole liegt keine 30 Kilometer entfernt von Bergamo, das seit dem Wochenende mit Bildern von Militärkonvois voller Särge ins kollektive Bewusstsein gerückt ist. „Allein am Samstag sind 800 Menschen gestorben“, sagt Johanna Leonardi mit belegter Stimme, „die waren alle allein im Krankenhaus, ohne Angehörige, und wurden in Särge gesteckt, um verbrannt zu werden - egal, ob sie das wollten oder nicht.“ In ihrem Bekannten- und Freundeskreis gibt es mittlerweile niemanden mehr, der nicht bereits ein Todesopfer zu beklagen hat.

Vor diesem Hintergrund ist die 41-Jährige, deren Eltern in Kirchheim leben, auch erschüttert, wenn sie von Freunden die Situation aus ihrer alten Heimat geschildert bekommt. „Dass Menschen an die Bürgerseen zum Grillen fahren oder auf die Teck wandern, ist unfassbar“, sagt sie, „ich war am Anfang der Krise hier auch so drauf, aber ich habe mittlerweile verstanden: Je früher der Ernst der Lage begriffen wird, desto mehr Menschen kann man retten.“

Eben weil sie die Regeln strikt befolgt, macht sie sich um ihre Gesundheit oder die ihrer Liebs­ten keine Sorgen. „Für uns wird es schon gehen“, betont sie. Sorgen bereiten ihr eher die Eltern, die sie im Notfall nicht besuchen und versorgen könnte.

Mehl ist Mangelware

Die eigene Versorgung ist über Umwege sichergestellt. Ehemann Alessandro (38), der als selbstständiger Unternehmer eine Schneiderei leitet, kauft Lebensmittel in kleinen Läden um die Ecke, um so die Warteschlangen vor den Supermärkten zu umgehen. „Das ist zwar ein bisschen teurer, aber dafür muss man keine Dreiviertelstunde anstehen“, sagt Johanna Leo­nardi. Unabhängig, wo man einkauft, werden erste Mängel sichtbar: Bäckereien haben in und um Mailand geschlossen, weil kein Mehl mehr zu bekommen ist.

Was es ebenfalls nicht mehr gibt, sind die spontanen Balkonkonzerte, bei denen sich die Italiener seit Wochen gegenseitig Mut und Hoffnungen zugesungen hatten. „Der Bürgermeister von Bergamo hat gebeten, dass man das aus Respekt vor den Toten nicht mehr machen soll“, sagt Johanna Leonardi.

So bleibt ihr und ihrer Familie nichts anderes übrig, als der Krise selbst mit kleinen Ritualen zu trotzen: Im Haus Leonardi gibt es jeden Abend einen „Aperitiv-Uno“: Bei einem gemeinsamen Drink und Knabbereien wird zusammen eine Partie „Uno“ ge­spielt - das schweißt zusammen, sorgt für Kurzweil und lenkt ab. „Nachrichten“, seufzt Johanna Leonardi, „will ich seit Tagen ganz bewusst nicht mehr sehen.“

Der ältere Bruder steht in Schanghai unter Quarantäne

Alexander Dreyer ist der ältere Bruder von Johanna Leonardi. Der 45-Jährige aus Kirchheim lebt seit elf Jahren im chinesischen Schanghai und steht dort bereits seit mehreren Wochen unter staatlich verordneter Quarantäne. Kontakt zu ihm ist schwierig, weil die Kommunikationskanäle nicht immer funktionieren, wie die Schwester aus Mailand berichtet. Nur so viel: „Ich weiß von ihm, dass in China die Schulen erst im September wieder öffnen sollen“, sagt Johanna Leonardi, die sich angesichts der sinkenden Infektionszahlen in Fernost zwar freut, aber auch die Kehrseite der Medaille erahnt: „In China wurde das alles ja viel disziplinierter gehandhabt als in Europa. Und wenn dort immer noch alles unter Quarantäne steht, mag man gar nicht dran denken, was uns hier noch bevorsteht.“ pet

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