Kirchheim

„Bummeln heißt noch lange nicht einkaufen“

Einzelhandel In den Modegeschäften ziehen die Umsätze langsam wieder an. Wegen fehlender Anlässe sind Anzüge und schicke Kleider kaum gefragt. Von Anke Kirsammer

Einzelhändler wie Karl-Michael Bantlin haben aufgrund der Corona-Pandemie ein schwieriges Jahr zu meistern. In seinem Modehaus u
Einzelhändler wie Karl-Michael Bantlin haben aufgrund der Corona-Pandemie ein schwieriges Jahr zu meistern. In seinem Modehaus und in anderen Kirchheimer Läden finden Schnäppchenjäger jetzt oft Frühjahrs- und Sommerbekleidung heruntergesetzt. Foto: Jean-Luc Jacques

Modegeschäfte gehören zu den Läden, die wegen der Corona-Krise besonders über Einbußen klagen. „Die ersten Monate waren eine Katastrophe. Was wir da verloren haben, werden wir nie wieder reinholen“, sagt Karl-Michael Bantlin, Vorsitzender des City Rings. „Die Leute kaufen jetzt nicht zwei T-Shirts statt einem, nur weil im April der Laden geschlossen war.“ Verkäufe über Facetime oder Skype hatten sich auf Stammkunden beschränkt. Nach wie vor sind die Mitarbeiter seiner Läden in Kurzarbeit. Abends werden die Türen eine halbe Stunde früher als sonst zugesperrt. Von der vorübergehend eingeführten einstündigen Mittagspause ist der Geschäftsinhaber aber wieder abgerückt.

Peu à peu herrscht inzwischen wieder mehr Leben in Kirchheims Innenstadt. Davon profitieren auch die Bekleidungsgeschäfte. Karl-Michael Bantlin hat den Eindruck, dass es langsam wieder anzieht. „Wir sind aber noch nicht wieder bei den Umsätzen, die wir vor Corona hatten“, sagt er. Der Freizeitbereich gehe wieder ganz ordentlich. Anders sieht es bei eleganter Mode aus: Abendmode, Kleider für Konfirmationen oder andere Feste seien in diesem Frühjahr so gut wie gar nicht gefragt gewesen. „Seit drei Wochen merken wir aber, dass es wieder ein paar Hochzeiten gibt“, erzählt der Ladeninhaber. Er geht davon aus, dass Feiern im nächsten Jahr boomen und hofft, davon zu profitieren.

„Mit der Maske einkaufen zu gehen, fällt manchen schwer“, hat Karl-Michael Bantlin festgestellt. Er erinnert sich beispielsweise an eine Kundin, die an der Kasse warten musste. Sie sei schließlich gegangen, weil es unter dem Mundschutz zu unangenehm geworden sei. „Das Shirt, das sie kaufen wollte, hängt heute noch“, so der Ladenbesitzer. Er würde sich eine Verordnung wünschen, die es erlaubt, in den Läden auf eine Maske zu verzichten, wenn der Abstand von anderthalb Metern gewahrt werden könne. „Das könnten wir gut einhalten.“

Anders sieht das Ralf Gerber, Chef des Modehauses Fischer. Er bemerkt zwar auch, dass der „Spaßfaktor“ beim Einkaufen mit Maske fehlt, sagt aber trotzdem: „Lieber mit Maske offen als ohne Maske zu.“ Käme eine zweite Infektionswelle, geht er davon aus, dass es nicht nötig sei, die Läden wieder zu schließen. „Die Leute würden selbst zu Hause bleiben“, mutmaßt er. Deutschland habe sich durch eine hohe Disziplin ausgezeichnet. Bis vergangene Woche wurde bei Ralf Gerber in zwei unabhängigen Teams gearbeitet, um zu gewährleisten, dass der Laden offen bleiben kann, sollte ein Mitarbeiter an Covid-19 erkranken. Ralf Gerber ist optimistisch, dass Kirchheim als Einkaufsstadt gestärkt aus der Krise hervorgeht. „Wir haben einen guten Zusammenhalt von Händlern und Gastronomen“, betont der Ladenbesitzer, der das Geschäft in der Marktstraße bereits in der vierten Generation betreibt. Auch der „Kirchheimer Kultursommer“, den die Stadt mit 20 000 Euro unterstützt, werde die Menschen in die Teckstadt locken.

Dazu leistet auch das schöne Wetter der vergangenen Tage seinen Beitrag. „Bummeln heißt aber noch lange nicht einkaufen“, sagt Ralf Gerber. Viele Leute würden dieses Jahr ihre Garderobe nicht großartig neu bestücken, weil sie den Urlaubskoffer nicht packen. Home-Office und eine Saison ohne Familienfeiern oder andere Feste machen dem Herrenausstatter zu schaffen. „Der Freizeitbereich geht, aber bei Anzügen und Sakkos liegen die Umsätze weit, weit, weit unter dem Vorjahr“, so Ralf Gerber. Auch am letzten Tag vor der Ladenschließung Mitte März hatte er ein Minus in der Kasse, weil viele Kunden Konfirmandenanzüge zurückbrachten.

Pünktlich zum Beginn des Julis wurde der Rotstift auf den Preisschildern angesetzt. Davor seien die Händler mit Preisnachlässen zurückhaltend gewesen, so Karl-Michael Bantlin. Bei Sommerware geht er von üblichen Rabatten aus. Etwas mehr Prozente gebe es tendenziell bei Übergangsmode. Davon liegt aufgrund der Schließung im Frühjahr noch mehr in den Regalen als sonst. Klassiker wie Jeans, „die im Sommer sowieso keiner kauft“, hat er eingelagert. Auch Ralf Gerber setzt darauf, dass sich manches in der nächsten Saison gut verkaufen lässt. „Ein Lieferant bringt seine Sachen erst nächstes Jahr.“

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