Kirchheim

Chamäleonhaftes Saxofon

Konzert Nach dem erfolgreichen Konzert im Frühjahr spielte das Tübinger Saxofonensemble nochmals in der Kirchheimer Christuskirche. Von Ernst Leuze

Das Tübinger Saxofonensemble spielte in der Kirchheimer Christuskirche.Foto: pr
Das Tübinger Saxofonensemble spielte in der Kirchheimer Christuskirche.Foto: pr

Ein Saxofonorchester in der Christuskirche Kirchheim unter Teck: Nach dem durchschlagenden Erfolg des Konzertes im Frühjahr war die Kirche auch diesmal wieder rappelvoll. Und wie es das heutige Termingestrüpp so mit sich bringt: genauso wenig wie damals das Bachsche Oster-Oratorium in die Passionszeit passte, wirkte am evangelischen Totensonntag das Weihnachtsoratorium von Bach nicht gerade ideal, genauso wenig wie die von den Weihnachtsbräuchen inspirierte Nussknacker-Musik von Tschaikowsky. Doch wie damals die vitale Musik Bachs alle Bedenken im Nu hinwegfegte, so ging es auch diesmal. Wer könnte sich auch dem Schwung des „Jauchzet, frohlocket!“ entziehen, mit dem Bach sein sechsteiliges Oratorium einleitet.

Die Saxofoniker pickten sich in einer Art „Best of“ acht Stücke heraus, Eingangs- und Schlusschor samt der Hirtensinfonia, wobei sich die vier „Oboen“ Yannick Frey, Tizian Dederer, Steffen Sauter und Tim Eisele besonders rühmlich hervortaten. Dazu kamen zwei Choräle und als spektakulärster Teil drei berühmte Arien, nicht gesungen, sondern vom Solo-Saxofon gespielt. Rainer Pfister verlieh in der berüchtigten Bassarie „Großer Herr, o starker König“ auf seinem Tenor Saxofon den tiefen Tönen die herrliche Fülle, die man bei Bass-Solisten oft so schmerzlich vermisst. Noch spektakulärer geriet die Echo-Arie, von Sabine und Martina Pfister, sowie Yannick Frey so lupenrein ausgeführt, dass man beim Hören der Originalbesetzung immer dieser exquisiten Saxofonversion nachtrauern wird.

Wie unter einem Röntgenstrahl

Der ersten Arie „Bereite dich Zion“ begegnete man noch mit großer Skepsis. Doch bei der instrumentalen Wiedergabe schimmerte die ursprüngliche Version auf den unwirschen Text: „Ich will dich nicht sehen, ich will dich nicht hören“ (aus einer weltlichen Kantate) so deutlich durch, dass einen die ungestüme Musik viel mehr beeindruckte als wenn ein Frauenalt übertriebene Herzenswärme mimen muss, die einfach nicht in der Musik angelegt ist. An diesem Beispiel wurde besonders klar: Der chamäleonhafte Saxofonklang bringt die Bachsche Musik zum Leuchten und macht musikalische Strukturen wie unter einem Röntgenstrahl glasklar sichtbar.

Natürlich, man kann es nicht genug betonen, bedarf es dazu eines extrem großen Könnens. Dass eine Amateurgruppe wie das Tübinger Saxofonensemble dieses Niveau erreicht und zuverlässig hält, ist auch der enormen Begabung und Erfahrungen seines langjährigen Leiters Harry D. Bath zu verdanken; wir können stolz sein auf ihn, denn in ganz Deutschland wird man ein vergleichbares Saxofonorchester nicht finden. Umso schöner, dass Kirchheimer auch mitspielen dürfen, unter anderen die vielseitige Katharina Sommer, die auch am Schlagzeug fabelhaft „ihre Frau stand“. Spätestens hier ist das Sonderlob fällig für den zweiten Allrounder, Stefan Pfister, Tuttispieler, Solist und Conférencier in einem. Was bei vielen Bläserkonzerten ein notwendiges Übel ist, die Zwischentexte, machte er zu Kabinettstückchen, die man von Mal zu Mal kaum erwarten konnte. Wie er mit leichter Zunge Texte las, historische Zusammenhänge klärte, Anekdoten einbrachte und tiefsinnige musikwissenschaftliche Einzelheiten ausplauderte, alles war von tiefer Einsicht in das Thema geprägt. Wann hat man je einen Liturgen eine Choralstrophe so lebendig, anrührend und erstaunt sprechen hören?

Der Programmzettel war arg einfach. Warum wurde die leere Rückseite nicht verwendet für Informationen über die so schön renovierte Kirche, das Ensemble, die Solisten und für Angaben zu den Stücken? So wäre es doch wert gewesen, zu erfahren, dass die Bach-Arrangements vom renommierten Multitalent Thomas Krause aus Bochum stammten, während die Nussknackerstücke von verschiedenen Ensemblemitgliedern selbst arrangiert waren.

Apropos Nussknacker. Die bekannte Ballettmusik Tschaikowskys wurde mit derselben treffsicheren Perfektion dargeboten wie die Bachsche zuvor. Allerdings wirkte, nach jedem Stück zu applaudieren, ausgesprochen deplatziert. Wer kann schon achtmal in kurzer Zeit frenetisch klatschen und wer lässt sich so oft und oft aus der Musik herausreißen? Doch wer wusste schon, dass die literarische Vorlage für den Nussknacker von E.T.A. Hoffmann stammt? Wenigstens vom Ansager erfuhren wir es. Vielleicht tut es auch einmal gut: ein Programm ohne gedruckten bildungsbürgerlichen Ballast? Genug der Fragezeichen! Das Konzert selbst war ein einziges riesengroßes Ausrufezeichen. Wir haben noch lange nicht genug von Harry D. Baths Saxofonen.

Anzeige