Kirchheim

Chorfenster sind auf „Kur“ in Würzburg

Martinskirche In Unterfranken werden die über hundert Jahre alten Gläser aus Kirchheim gereinigt, restauriert und mit neuen Bleieinfassungen versehen. Von Andreas Volz

Petra Ullrich (links) führt ihren Besuchern aus Kirchheim die Restaurierungsarbeiten an den Chorfenstern der Martinskirche vor.F
Petra Ullrich (links) führt ihren Besuchern aus Kirchheim die Restaurierungsarbeiten an den Chorfenstern der Martinskirche vor. Foto: Andreas Volz

Es ist zwar nicht das, was man normalerweise als „gläserne Manufaktur“ bezeichnet. Aber in Würzburg haben Mitglieder der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Kirchheims tatsächlich eine Manufaktur besichtigt, in der sich alles ums Glas dreht. Der Besuch war gleich in mehrfacher Hinsicht „gläsern“. Nur in zweiter Linie galt er der Firma Rothkegel. Zuallererst handelte es sich nämlich um so etwas wie einen Besuch bei guten Bekannten im Sanatorium.

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Die „Bekannten“ sind die drei Chorfenster der Martinskirche, und das „Sanatorium“ ist eben Rothkegel in Würzburg, eins der renommiertesten Unternehmen in Deutschland, wenn es um die Sanierung alter Glasfenster geht. So richtig alt sind die Martinskirchenfenster eigentlich noch gar nicht. Aber doch haben sie bereits deutlich mehr als hundert Jahre hinter sich und waren schon seit längerer Zeit dringend auf diese „Kur“ angewiesen.

Diplom-Restauratorin Petra Ullrich führt die Besuchergruppe ein in ihre Kunst - oder auch in ihr Handwerk. Zunächst erzählt sie, wie das farbige Glas überhaupt hergestellt wird: Glasbläser fabrizieren erst einmal Zylinder, die anschließend aufgeschnitten, neuerlich erhitzt und dann plattgewalzt werden. So kommt es dazu, dass flache Scheiben die Bezeichnung „mundgeblasen“ tragen.

Diese Arbeit findet aber nicht in Würzburg statt. Rothkegel kauft das fertige Glas als Rohstoff ein. Die Firma stellt Leuchten her, gestaltet aber auch moderne Glasfenster. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist die Restaurierung historischer Kirchenfenster. Zu den Restaurierungsarbeiten gehören das Ersetzen der Bleifassungen, das Reinigen des Glases, das Kleben von Rissen oder auch das Einpassen neu geschaffener Ersatzstücke.

Bei der interaktiven Führung dürfen sich einige an der speziellen Schablonenschere versuchen, aber auch im Schneiden von Glas. An einzelnen Arbeitstischen sind die Mitarbeiter gerade am Kitten oder am Neugestalten von Bleifassungen. Dabei ist in jeder Hinsicht Vorsicht geboten.

Zum Kitten beispielsweise sagt Petra Ullrich: „Der Kitt muss wirklich überall ganz gleichmäßig verteilt sein. Sonst müsste schnell unser Chef antanzen, wenn‘s in der Kirche durch die Scheiben regnet.“ Beim Blei wiederum müssen die Mitarbeiter nicht nur auf Präzision achten, sondern auch auf ihre eigene Gesundheit: „Wir sind ständig unter Kontrolle, wegen der Gefahr von Bleivergiftungen. Einmal jährlich werden Werte genommen, ob bei jedem von uns noch alles im grünen Bereich ist.“

Schutz vor „Schallgewittern“

Einen adäquaten Ersatz für das Blei gibt es nicht: Gemischt mit einem gewissen Zinkanteil, sorgt das weiche Metall dafür, dass die Gläser eine stoßsichere Fassung haben: „Das Glas kann die Stöße ins Blei abgeben.“ Bei den Stößen muss man nicht gleich an Erdbeben denken. Petra Ullrich bemerkt dazu nämlich Erstaunliches: „Eine Kirche hat viele Erschütterungen - und sei es durch die Orgel.“ Von der Orgel könnten regelrechte „Schallgewitter“ ausgehen.

Einen gewissen Nachteil hat Blei aber doch: Nach ungefähr hundert Jahren wird es alt und spröde. Die Restauratoren erkennen sogar, ob es an der Innenseite der Fenster angebracht war oder an der Außenseite, speziell an der Wetterseite: „An der Innenseite lässt es sich meist besser löten.“

Für die künftigen Restauratoren der Martinskirchenfenster - also für die zu Beginn des 22. Jahrhunderts, um das Jahr 2120 herum - dürfte das allerdings schwerer zu erkennen sein: Die Fenster erhalten nämlich erstmals einen besonderen Schutz: Wenn sie im Herbst wieder eingesetzt werden, kommen in ein paar Zentimeter Abstand nach außen hin durchsichtige Glasscheiben dazu. Das durchscheinende Licht wird dadurch nicht gestört, die Wirkung der farbigen Gläser im Kircheninneren bleibt also bestehen. Aber der Witterungsschutz für die Außenseite ist von größter Bedeutung.

Zum Putzen der Scheiben erklärt Petra Ullrich abermals Überraschendes: „Das geht ganz ohne Wasser. Wasser ist nämlich der größte Feind der farbigen Fenster.“ Bei einer früheren Restaurierung müsse jemandem „die Reinigungsarbeit entglitten sein“. Darum wurde der „Schmutz“ nachträglich wieder aufgemalt. Das wird jetzt behutsam zurechtgerückt - immer in enger Absprache mit dem Denkmalamt.

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Foto: Andreas Volz
In der Aufsicht zeigen die Scheiben eher den Schmutz. Um die leuchtenden Farben zur Geltung zu bringen, braucht es die Durchsich
In der Aufsicht zeigen die Scheiben eher den Schmutz. Um die leuchtenden Farben zur Geltung zu bringen, braucht es die Durchsicht. Foto: Andreas Volz
In der Aufsicht zeigen die Scheiben eher den Schmutz. Um die leuchtenden Farben zur Geltung zu bringen, braucht es die Durchsich
Foto: Andreas Volz