Kirchheim

„Das Ergebnis ist spitze!“

Arche Der Tag der offenen Tür in Notzingen zieht mehrere Hundert Besucher an. Führungen vermitteln einen Eindruck vom Alltag der Bewohner. Im „Hirsch“ ist ein Raum für Begegnungen entstanden. Von Helga Single

Impulsreferate und gemütliches Beisammensein prägten den Tag der offenen Tür bei der Arche in Notzingen.Fotos: Arche/Helga Singl
Impulsreferate und gemütliches Beisammensein prägten den Tag der offenen Tür bei der Arche in Notzingen.Fotos: Arche/Helga Single

Wer ankommen will, muss sich auf den Weg machen.“ Mit diesem chinesischen Sprichwort beschreibt Alfred Gscheidle, Geschäftsführer der Arche seit 2018, in seiner Eröffnungsrede das Gefühl, es trotz Hindernissen geschafft zu haben. Die Arche, die seit 1984 Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen betreut, hat sich auf den Weg gemacht. Nach dem Neubau 2014 des Wohnheims ist nun die Innensanierung des ehemaligen Gasthauses Hirsch in der Ortsmitte von Notzingen abgeschlossen. Während der Umbauphase habe es für die Bewohner und Beschäftigten der Arche einige Einschränkungen gegeben. Gscheidle würdigte die Verantwortlichen, die improvisieren mussten, „denn das Ergebnis ist spitze!“

Die zahlreichen Gäste, die zum Tag der offenen Tür in die Arche nach Notzingen gekommen sind, stimmen ihm mit einem spontanen Applaus zu. Viele gutgelaunte Menschen sind der Einladung der Arche gefolgt. Bei angenehmen Temperaturen sitzen mehrere Hundert Besucher im Garten bei Kaffee und Kuchen. Neben Führungen im angegliederten Neubau, in dem man einen Eindruck vom Alltag der Bewohner gewinnen kann, gibt es Informationen über die Tagesstruktur und Führungen durch den Altbau, das ehemalige Gasthaus Hirsch.

Der Verein hat sich mit seinem Wohnheim und dem betreuten Wohnen zum Ziel gesetzt, die Lebenssituation psychisch erkrankter Menschen zu verbessern. Beim Kauf des ortsprägenden Gebäudes im Jahr 2008 sei von Anfang an klar gewesen, dass das Gebäude sinnvoll genutzt werden soll. Nach der grundlegenden Sanierung der zwei oberen Stockwerke unter dem Dach im Jahre 2016, erfolgte die Vermietung an die Stiftung Tragwerk. In den Räumen werden zurzeit in zwei Wohngruppen vier unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge betreut, ein weiterer Platz ist für eine Inobhutnahme kurzfristig verfügbar, und ein Platz ist frei. Im Erdgeschoss sind drei Ein-Zimmer Appartments entstanden, die für das Ambulant Betreute Wohnen vermietet werden können.

Komplett saniert wurde das Herzstück, der große Saal des ehemaligen Gasthauses Hirsch, im Obergeschoss. Es ist ein Ort der Begegnung und für Veranstaltungen. So finden hier Gesprächsgruppen, Trainingsseminare, Kreativangebote oder Sportangebote statt. Der Saal lässt sich je nach Bedarf durch Schiebetüren erweitern oder verkleinern. Die Räume stehen auch den Mitarbeitern und Vereinsmitgliedern zur Verfügung und eignen sich für Konferenzen und Fachtagungen, aber auch zur privaten Nutzung. Manch einer der älteren Besucher fühlt sich in die eigene Vergangenheit zurückversetzt und erinnert sich an Familienfeiern oder sogar an die eigene Hochzeit, die er im Hirsch einst erlebte. „Es sieht fast so aus wie früher, würden die älteren Besucher sagen“, freut sich Wolfgang Kalmbach, Vorstandsvorsitzender der Arche. „Da die Kosten für den Brandschutz jedoch sehr hoch waren, konnten wir das Dach, die Fenster und die Außenfassade nicht sanieren. Dazu hätte es einen höheren Zuschuss der Gemeinde benötigt“, bedauert Wolfgang Kalmbach.

Am Tag der offenen Tür kommen auch die Jüngsten nicht zu kurz. In der Holzwerkstatt machen manche die ersten Erfahrungen im Sägen, Hobeln, Schleifen und in anderen Techniken. Natürlich können an diesem Nachmittag Dinge erworben werden, die die Bewohner in liebevoller Handarbeit produziert haben. In der Werkstatt arbeiten sowohl Interessierte aus dem Wohnheimbereich als auch jüngere Bewohner. Die Anforderungen an die Tätigkeit mit Holz sind immer den individuellen Fähigkeiten angepasst. Ziel der Beschäftigung ist, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern. Somit leistet die Arche Inklusion auf höchstem Niveau. Allerdings fielen neue bürokratische Herausforderungen an, wie in einem der zwei „Impulsreferate“ erläutert wurde. Das Referat erklärte die rechtlichen Herausforderungen, die vom Bundesteilhabegesetz (BTHG) an die Arche herangetragen werden. Am Abend sorgte die Band „Die Zwei zu Dritt“ mit ihren stimmungsvollen Rockballaden für einen schönen Ausklang.

Impulsreferate und gemütliches Beisammensein prägten den Tag der offenen Tür bei der Arche in Notzingen.Fotos: Arche/Helga Singl
Impulsreferate und gemütliches Beisammensein prägten den Tag der offenen Tür bei der Arche in Notzingen.Fotos: Arche/Helga Single

Hilfen können nun bedarfsgerecht angeboten werden

Im Bundesteilhabegesetz (BTHG) ist die Umsetzung der UN Menschenrechtskonventionen für Menschen mit Behinderung verankert. Ziel des Gesetzes ist, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung an der Gesellschaft und eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen.

Soziale Leistungen werden nicht mehr institutionsbezogen gezahlt. Sie sind personenzentriert ausgerichtet, die ganzheitliche Bedarfsermittlung steht im Vordergrund. Zudem gelten neun neue Themenfelder, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) vorgegeben werden: Dazu gehören Themen des Lernens, der Arbeit und der Bewältigung des häuslichen Lebens. In den neuen Räumlichkeiten der Arche werden nun je nach Bedarf der Bewohner Hilfen sehr gezielt angeboten.hs

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