Kirchheim

Der fast vergessene Hass

Autorenlesung In einer gut besuchten Matinée im Max-Eyth-Haus klärt Dr. Birgit Ebbert über die ungeheuerlichen Vorgänge an den Universitäten auf. Von Andrea Barner

Birgit Ebbert las im Kirchheimer Max-Eyth-Haus aus ihrem Roman „Brandbücher“. Darin thematisiert sie die großen Bücherverbrennun
Birgit Ebbert las im Kirchheimer Max-Eyth-Haus aus ihrem Roman „Brandbücher“. Darin thematisiert sie die großen Bücherverbrennungen, die während der NS-Zeit stattfanden.Foto: Günter Kahlert

Ein Besucher hat sein eigenes Exemplar von „Brandbücher“ dabei und lässt es sich von der Autorin signieren. Offiziell ein „Krimi“, aber gespickt mit Informationen über die Geschehnisse rund um den 10. Mai 1933. Damals brannten die Bücher von Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Karl Marx oder auch Sigmund Freud. Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ ist einer der Handlungsstränge, die Birgit Ebbert in ihrem 2013 erschienenen Buch eingebettet hat. Eine Autorenlesung der etwas anderen Art mit viel Sachinformation, veranstaltet vom Kirchheimer Literaturbeirat im Max-Eyth-Haus.

Anzeige

Birgit Ebbert arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit über Erich Kästner, als sie auf das Thema stößt. 1998 beginnt sie mit den Recherchen, in den Archiven gibt es damals nur wenig Material. Sie sammelt Stück für Stück, am Ende hat sie ordnerweise Informationen und Belege über die Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933. Sie erkennt, dass Auslöser der Aktion nicht direkt die NSDAP war, sondern die „intellektuelle Elite“ des Landes, die Studenten. „Man sagt, dass die sich schon sehr früh an Hitler und dessen Organe anbiedern wollten. Vielleicht war der eine oder andere vorher schon in der Partei.“ Eine genauere Erklärung dafür gibt es Birgit Ebbert zufolge nicht. Mittlerweile wird die Rolle der Studentenschaft an vielen Universitäten aufgearbeitet. Als das Buch entstand, gab es aber nur wenige Informationen, ganze drei Abhandlungen fand sie im Internet, und die kamen aus den USA. Ebbert durchforstete Archive, auch in alten Zeitungen kam einiges Material ans Licht.

Hass verbreitet sich rasend

Kurz nach Hitlers Machtergreifung beginnt die Mobilisierung der Universitäten für den Nationalsozialismus. Ein Kernthema: die „Ausmerzung“ des Judentums. Besonders erschreckend findet Birgit Ebbert die Geschwindigkeit, in der sich die Thesen und die „schwarze Liste“ der Studentenorganisationen an Universitäten verbreiteten: „Wenn das damals innerhalb weniger Wochen passierte, wie schnell könnte das heute übers Internet gehen?“, fragt die 55-jährige Westfalin.

Ihren Recherchen nach schreibt die Studentenschaft als erstes Rundbriefe an alle Universitäten und verbreitet ihre zwölf Thesen gegen alles „Undeutsche“ und eine Liste mit zunächst etwa 125 Buchtiteln meist jüdischer Schriftsteller. Innerhalb von fünf Wochen wird eine „Säuberungsaktion“ durchgeführt, die auch das Entfernen jüdischer Studenten und Professoren aus den Hochschulen umfasst. In Bibliotheken, Buchhandlungen und Privathaushalten sammeln die Studenten tonnenweise Bücher ein. Die Begeisterung scheint groß. Kleinere Läden, die von den Studenten „vergessen“ werden, melden ihre Bestände sogar freiwillig und bringen sie selbst zu den Sammelstellen.

Das Ganze gipfelt dann in riesigen Scheiterhaufen, auf denen in Berlin und 21 weiteren Universitätsstädten Bücher lichterloh brennen. Dazu gibt’s markige Worte wie „gegen Dekadenz und moralischen Verfall“, „gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat“ oder „gegen volksfremden Journalismus“. An fünf Universitäten stellen die Studenten groteske Schandpfähle auf, an die sie verhasste Bücher nageln. In Tübingen, Freiburg und Stuttgart finden am 10. Mai 1933 allerdings keine Bücherverbrennungen statt. Der Leiter der württembergischen Studentenschaft, Gerhard Schumann, will sich nicht beteiligen. „Im Nachgang finden später noch viele kleinere Verbrennungsaktionen statt, auch in Freiburg oder Stuttgart“, sagt Birgit Ebbert: „Aber das hatte nichts mehr mit der großen Studentenaktion zu tun, das war dann schließlich Sache der HJ, SA und SS.“

Das Buch „Brandbücher”, das als Aufhänger der Matinée im Max-Eyth-Haus dient, handelt von Karina, einer jungen Frau, die auf dem Speicher geheimnisvolle alte Postkarten entdeckt. Sie findet heraus, dass ihre Großtante vor 70 Jahren bei einem jüdischen Buchhändler arbeitete. Dort erlebte die Tante, wie der Einfluss der Hitler-Getreuen wuchs und in Münster die Bücherverbrennung vorbereitet und durchgeführt wurde. Die junge Frau stößt bei ihren Recherchen auf bisher unentdeckte Machenschaften und bringt sich selbst in Lebensgefahr. Der Roman spielt in zwei Zeitebenen und liefert viele detailgetreue, authentische Informationen über die Zeit um 1933.