Kirchheim

Der Kapitän nimmt seinen Hut

Tragwerk Manfred Sigel war ein Vierteljahrhundert lang Chef der Paulinenpflege und der Stiftung Tragwerk. Jetzt dürfen die anderen mal machen. Von Antje Dörr

Er geht mit einem Lächeln im Gesicht: Manfred Sigel.Foto: Carsten Riedl
Er geht mit einem Lächeln im Gesicht: Manfred Sigel.Foto: Carsten Riedl

Er ist dann bald weg. Noch zwei Wochen, dann kehrt Manfred Sigel, der ein Vierteljahrhundert lang die Geschicke der Paulinenpflege und der Stiftung Tragwerk gelenkt hat, dem Gebäude im Bodelschwinghweg endgültig den Rücken. Mitte Juli endet die dreimonatige Übergangsfrist, in der er seine beiden Nachfolger Jürgen Knodel und Andrea Dreizler eingelernt hat. Schon vorher wird „der Kapitän“, wie er sich selbst gerne nennt, mit einem großen Sommerfest feierlich verabschiedet. Ohne Wehmut. „Ich lasse eine konzeptionell und finanziell gut aufgestellte Einrichtung zurück“, sagt Sigel. Er gehe nicht mit einem weinenden Auge, sondern voller Dankbarkeit all jenen Mitarbeitern, Ehrenamtlichen, Spendern und Mitgliedern des Stiftungsrats gegenüber, die ihn unterstützt haben.

Manfred Sigel wird 1956 in Dettingen geboren, „eine Hausgeburt“. Draußen liegt viel Schnee, der Weg ins Krankenhaus ist versperrt. Ein abenteuerlicher Start ins Leben. Sigel ist das „Sandwichkind“ zwischen zwei Geschwistern. „Die Brutstätte für Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen“, sagt er und lacht. Seine Eltern erziehen ihn im christlichen Glauben. Er engagiert sich in der Jugendarbeit, leistet Zivildienst, studiert Sozialpädagogik. Sein erster Job führt ihn nach Kirchheim in die Paulinenpflege: Dort beginnt er 1984 in einer Wohngruppe für Heimkinder. Erfahrungen, die prägen. „Zu zwei dieser ehemaligen Kinder habe ich heute noch Kontakt“, sagt er.

Sigels Anfangsjahre fallen in eine Zeit, in der es den allermeisten Eltern schwer fällt, zuzugeben, dass sie mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Sich Hilfe zu holen, das ist nicht normal. Sigel kämpft dafür, dass es das wird. „Wenn Ihr Auto ein komisches Geräusch von sich gibt, fahren Sie spätestens am nächsten Tag in die Werkstatt. Wenn es in der Erziehung knirscht, wird das oft ignoriert“, sagt er. Allerdings habe sich in 34 Jahren viel bewegt. „Zum Psychologen zu gehen, ist heute kein Stigma mehr. Immer mehr Menschen kommen in unsere psychologischen Beratungsstellen“, sagt er.

Auch die Hilfen zur Erziehung würden zunehmend in Anspruch genommen - sicher auch, weil die Unterstützung immer häufiger zu den Menschen kommt. „1984 hat sich noch alles hier auf dem Gelände der Paulinenpflege abgespielt“, erinnert er sich. 1994 gab es bereits sieben Außenstellen, mittlerweile sind es 43.

An der Basis bleibt Manfred Sigel nicht lange. Nach nur anderthalb Jahren übernimmt er die Vertretung der damaligen Heimleitung. 1994 wird er zum Leiter der Stiftung Paulinenpflege ernannt, die 2008 aus wirtschaftlichen Gründen mit dem Wächterheim fusioniert. „Wir wollten mit unserem ähnlichen Leistungsangebot lieber zusammengehen, als Wettbewerber zu sein“, sagt er im Rückblick. Ganz ohne Streit geht das Ganze allerdings nicht über die Bühne: Aus der anfänglichen Vorstands-Doppelspitze wird am Ende eine Einzel-Spitze mit Manfred Sigel als Vorsitzendem. „Die Leitungen haben nicht harmoniert“, sagt er diplomatisch.

Manfred Sigel ist ein Macher, einer, der vor Ideen sprüht und andere mit seinem Enthusiasmus mitreißt. Der weiß, wie Öffentlichkeitsarbeit geht. Die Zahl der Presseberichte, die über seine Arbeit und die seiner Mitarbeiter erschienen ist, füllt einen ganzen DIN A4-Ordner. Die Kindertagesstätte TOPKIDS mit christlichem Profil, flexiblen, langen Öffnungszeiten sowie der Möglichkeit dort zu übernachten, brachte ihm und der Stiftung Tragwerk bundesweite Schlagzeilen. Dass das Übernacht-Angebot kaum noch genutzt wird, ist eine andere Geschichte. Im Garten des Wächterheims entstand aus Spendenmitteln der „Park der Begegnung“, der Jung und Alt zur Verfügung steht. Neue Projekte sind der Aufbau einer Kita nach TOPKIDS-Vorbild in Nürtingen und Ausflüge auf den Bauernhof einer Bekannten für Kita-Kinder und Wächterheim-Bewohner. „Solche Dinge für andere Menschen umsetzen zu können, und dafür auch noch bezahlt zu werden, ist doch fantastisch“, sagt Manfred Sigel, und seine Augen leuchten.

Wie geht einer, der so für seinen Job gebrannt hat? Der oft von morgens 5 bis abends 21 Uhr im Büro gesessen hat? Der von sich selbst sagt, eine Trennung von Privatem und Beruflichem habe er nicht gebraucht? „Es war eine absolut erfüllende, aber auch extrem intensive Zeit“, sagt Manfred Sigel. „Jetzt kommt die Zeit der nächsten Generation“.

Ob er mit seinen 62 Jahren tatsächlich in den Ruhestand geht oder sich noch einmal etwas Neues aufbaut, will er nach dem Sommerurlaub entscheiden. „Vielleicht wäre es nicht schlecht, sich mal so richtig zu langweilen“, sagt Sigel und muss selber lachen, weil er vermutlich ahnt, dass es dazu nicht kommen wird. Denn da gibt es ja auch noch seine Frau und die beiden Enkelkinder, für die er sich Zeit nehmen will, dazu Haus, Hof, Wald und Wiese, die Pflege brauchen. Reisen und schreiben stehen ebenfalls auf der Agenda. Kurz und gut: Jetzt dürfen die anderen mal machen.

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