Kirchheim

Der „Mann mit dem Maßband“ hört auf

Geschäftsleben Helmut Locher schließt nach 50 Jahren seine „Herrenkommode“ in der Kirchheimer Markstraße. Mit seinen extravaganten Ideen war er über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Von Günter Kahlert

Das Maßband ist sein Markenzeichen: Helmut Locher. Rechts zu ­sehen ist die Eröffnungsanzeige im Teckboten aus dem Jahr 1969.
Das Maßband ist sein Markenzeichen: Helmut Locher. Rechts zu ­sehen ist die Eröffnungsanzeige im Teckboten aus dem Jahr 1969.

So was nennt man wohl „Urgestein“ - seit 50 Jahren betreibt Helmut Locher seine „Herrenkommode“ in Kirchheim. In der schnelllebigen Modebranche ist das wohl rekordverdächtig für ein relativ kleines Geschäft mit Herrenausstattung. Doch demnächst wird er endgültig schließen, denn das Haus in der Marktstraße 52 wird verkauft. Sein Mietvertrag ist bereits am 31. Dezember ausgelaufen, aber Helmut Locher kann noch eine Zeit lang weitermachen.

Im Fokus stand vor allem der 9. Januar, das Datum, an dem 1969 seine Eröffnungsanzeige im Teckboten erschien. „Ich wollte unbedingt die 50 Jahre voll kriegen, das war mir einfach wichtig“, erklärt er seinen Ehrgeiz. Seitdem hat er zweimal den Standort gewechselt. Vom Start in der Henriettenstraße ging es in die Paulinenstraße und schließlich 1989 zum heutigen Domizil in die Marktstraße.

Viele kennen den heute 78-Jährigen, der optisch locker als Mitte 60 durchgehen könnte, seit Jahrzehnten als den „Mann mit dem Maßband“. Selten kommt er ohne das um den Hals hängende Arbeitsmittel aus seinen Arbeitsräumen nach vorn in den Laden zur Kundschaft. Was wie eine Marotte aussieht, ist ganz simpel erklärt. Nach wie vor macht der Schneidermeister für seine Kunden notwendige Änderungen an der Bekleidung. Viele Menschen schätzen das, Locher selbst sieht es einfach nur als Service für seine vielen Stammkunden. Da gibt es auch noch die andere Seite der „Herrenkommode“: Sie war viele Jahre lang ein echter „In-Store“ und sogar über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus bekannt. Ein Markenzeichen: die völlig ungewöhnlichen, bunten Hemden. Die Leidenschaft dafür brachte Helmut Locher mit, „die sind halt völlig verrückt gewesen. Das war mein avantgardistischer Geschmack“. Woher der kommt? „Keine Ahnung“, meint er, „den habe ich halt in mir.“ In heutigen Online-Zeitalter würde die „Herrenkommode“ dafür wohl reichlich „Likes“ einheimsen, Anfang der 90er-Jahre nannte man das allerdings noch Mundpropaganda. In Künstlerkreisen jedenfalls machte Helmut Locher die Runde, und die extravaganten Hemden waren der Renner.

Beeindruckend war auch die Geschichte mit den Metallkrawatten. „Das war unglaublich“, erzählt Helmut Locher, „wir konnten gar nicht so viele her tun, wie die Kunden wollten.“ Heute kennt den außergewöhnlichen Schlips zwar keiner mehr, aber damals in den 90er-Jahren waren die Krawatten aus Metallgliedern absolut „in“ - witzig, pfiffig, provozierend und mit etlichen Einfällen der Designer.

Legendär ist nach wie vor seine Idee, Boxershorts in Wurstdosen zu verpacken. Rose und Helmut Locher müssen lachen, wenn sie an die Aktion zurückdenken. „Helmut hatte oft so verrückte Ideen“, meint seine Ehefrau dazu, „wir hatten Leberwurst, Schinkenwurst, Lyoner und Blutwurst.“ Die Leute hätten es sogar daheim zelebriert, auf einem „Veschperbrettle“ angerichtet. Das machte wieder mal die Runde und die Nachfrage stieg enorm. Ergebnis: Helmut Locher besorgte sich eine ausgemusterte Wurstdosenmaschine bei der Kirchheimer Metzgerei Hepperle und produzierte in Eigenregie. „Das war eine verrückte Zeit damals, in jeder Hinsicht“, erinnert sich Rose Locher. Erstaunlicherweise sind in den letzten Wochen etliche Kunden auf die beiden zugekommen und wollten noch mal Boxershorts in der Wurstdose kaufen oder Metallkrawatten.

Trotz aller origineller Ideen blieb Helmut Locher immer traditionell. Der Name „Herrenkommode“ wurde nie „relauncht“. Auch seinen Werbeslogan hat er seit 50 Jahren: „Gut gekleidet aus der Herrenkommode“. Wann endgültig Schluss ist, darauf mag sich Helmut Locher nicht festlegen: „Ende März, vielleicht auch Ende April - mal sehen.“ Welches Gefühl ihn wohl erwarten wird, wenn er das letzte Mal die Ladentür abschließt? „Wehmut“, sagt Helmut Locher spontan, „die Kommunikation mit den Menschen wird mir fehlen.“ Das Rausgehen in die Fußgängerzone, das Reden, das morgendliche Ritual des Aufbauens vor dem Laden, das Beraten, das Verkaufen - alles Dinge, die Helmut Locher vermissen wird.

Die vergangenen Wochen haben ihm die Sache nicht leichter gemacht. „Seit es die Runde macht, dass wir schließen, kommen unglaublich viele Leute her“, erzählt er. „Im Moment macht die ‚Herrenkommode‘ richtig viel Spaß.“ Was er danach macht, weiß Helmut Locher noch nicht so genau. Da sind dann jedenfalls noch zwei Söhne, sechs Enkel und sein geliebtes Tischtennis, das er immer noch aktiv im Verein betreibt. Außerdem unterhält der Pianist ehrenamtlich in Seniorenheimen immer wieder die Bewohner. Langweilig dürfte es Helmut Locher dann doch nicht werden.

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