Kirchheim

Der „türkische Schwob“ genießt jetzt die Rente

Kult-Lokal Das Gastronomen-Urgestein Hüseyin Yurtseven vom „Scharfen Eck“ hört nach 40 Jahren auf. Sein Sohn Deniz führt künftig das Restaurant weiter. Von Günter Kahlert

„Showtime“ im „Scharfen Eck“ bei einer Bauchtanzveranstaltung in den 90er-Jahren.Archiv-Foto: Jörg Bächle
„Showtime“ im „Scharfen Eck“ bei einer Bauchtanzveranstaltung in den 90er-Jahren.Archiv-Foto: Jörg Bächle

Kann man nach 40 Jahren Vollgas als Gastronom so einfach aufhören? Das dürfte wohl vielen schwerfallen, Hüseyin Yurtseven aber offenbar nicht. Er war seit 1979 Wirt und das „Gesicht“ des Kirchheimer Gasthauses „Scharfes Eck“ - jetzt hat er Schluss gemacht. „Ich bin 63, Zeit für die Rente“, meint er schmunzelnd und wirkt dabei völlig entspannt. Ist auch nicht verwunderlich, denn für sein „Baby“, wie er das „Scharfe Eck“ liebevoll nennt, ändert sich nichts. „Mein Sohn Deniz führt das Restaurant weiter, und ich weiß, dass er das gut machen wird.“ Also nix mit Wehmut, eher Vaterstolz.

Hüseyins Anfang in Kirchheim ist so gar nicht gastronomisch. 1971 kommt er als Familiennachzügler mit 15 aus dem türkischen Izmir nach Kirchheim, lernt Automechaniker im damaligen Autohaus Rau und fährt später vier Jahre lang Bier für die Firma Mühlberger aus. Er lernt seine erste Frau Helga kennen, sie heiraten, und 1977 wird Sohn Deniz geboren.

Im November 1979 packen er und Helga dann die Gelegenheit beim Schopfe: Die Kneipe „Scharfes Eck“ wird zur Pacht angeboten, und die beiden greifen zu. „Ich war damals ganz schön mutig“, meint Hüseyin Yurtseven, „entweder erfolgreich oder es geht den Bach runter.“ Immerhin kann er die dringend notwendigen Renovierungsarbeiten im Lokal und die Pacht bereits aus eigenen Ersparnissen finanzieren.

Von türkischer Küche ist zu dem Zeitpunkt noch keine Rede. Die Speisekarte ist schwäbisch: Leberkäs, Kartoffelsalat, Schnitzel, Maultaschen. Ein Türke und schwäbischer Kartoffelsalat? Er lacht: „Meine Frau Helga war Ur-Schwäbin, und da hatten wir mit der schwäbischen Küche überhaupt keine Probleme.“

Hat funktioniert. Das „Scharfe Eck“ entwickelt sich relativ schnell zum „In“-Lokal für das Kirchheimer Seminar. „Da sind wir das erste Mal aufgeblüht“, erinnert sich Hüseyin Yurtseven. 1981 kauft er das Haus und bringt es auf Vordermann. „Ich habe die ganze Zeit angebaut und ausgebaut“, schildert der Gastronom seinen Ehrgeiz, das Restaurant perfekt in Schuss zu bringen.

Die Spezialisierung auf die türkische Küche erfolgt Ende der 80er-Jahre. Die Türkei wurde zum Boom-Land deutscher Urlauber, und immer mehr Gäste fragen nach den Gerichten, die sie dort kennengelernt haben. Typisch für Hüseyin Yurtseven: Er will den Gästen türkische Küche bieten, aber kein Pseudo-Zeug sondern so original wie möglich. Also besorgt er sich eine Sondergenehmigung der Bundesregierung und holt sich Köche aus Top-Restaurants in der Türkei. So gibt es verschiedene türkische Gerichte völlig authentisch.

Hüseyin Yurtseven muss lächeln, wenn er an die Zeiten denkt, als es im „Scharfen Eck“ auch ab und an „Showtime“ gab. Beispielsweise Bauchtanz: Das beginnt in den 90er-Jahren, und der Gastronom holt sich Könnerinnen aus dem Umkreis. Das sind ganz besondere Abende, an die sich manche Gäste von damals noch gerne erinnern, vor allem wenn Hüseyin Yurtseven zum Entertainer mutiert und Stimmung macht.

2005 dann ein schwerer persönlicher Schlag, Ehefrau Helga stirbt. 2007 tritt seine zweite Frau Türkan in sein Leben, und seitdem haben die beiden das „Scharfe Eck“ bis Ende vergangenen Monats erfolgreich geführt.

Da schließt sein Sohn Deniz quasi nahtlos an. Der 42-Jährige hat im Interconti in Stuttgart seine Ausbildung zum Koch absolviert, kennt das „Scharfe Eck“ bestens und ist dort seit langen Jahren Küchenchef. „Der hat schon als Kind immer geholfen“, erzählt sein Vater. Das gilt zwar auch für Tochter Jasemin, 1988 geboren, die aber keine weiteren gastronomischen Ambitionen hatte und Marketing studierte.

Jetzt also ist der „Riemen runter“, Schluss mit Gastronomie. Was kommt danach? „Wir sind jetzt erst mal ein paar Monate in unserem ‚Rentenquartier‘“, meint er ganz entspannt. Das „Rentenquartier“ ist das eigene Ferienhaus in Çesme, einem türkischen Urlaubsort westlich von Izmir. Ganz in die Türkei umziehen kommt für Hüseyin Yurtseven nicht infrage. „Ich bin Kirchheimer, bin seit 48 Jahren hier, bin hier aufgewachsen“, sagt er aus vollem Herzen, „das ist meine Heimat.“ Ehefrau Türkan schaut ihn an und lächelt, „er ist halt ein türkischer Schwob - das haben auch die Gäste immer wieder gesagt.“

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