Kirchheim

Frauenliste tritt nicht mehr an

Politik Die Kirchheimer Frauenliste verzichtet bei der Kommunalwahl auf eine eigene Liste.

Das Team der Frauenliste im Jahr 2011 bei der Übergabe einer gespendeten Sitzbank. Archivfoto: Deniz Calagan
Kirchheim. Die erste Bombe im Blick auf die Kommunalwahl im Mai ist geplatzt: Nachdem Dr. Silvia Oberhauser und Eva Frohnmeyer-Carey nicht mehr antreten, hat sich die Frauenliste entschlossen, keine Liste aufzustellen. Stadträtin Sabine Lauterwasser wechselt auf die Liste der Grünen. Dies teilt die Frauenliste in einer Pressemitteilung mit und nutzt die Gelegenheit, ihre knapp 15-jährige Geschichte Revue passieren zu lassen.
Damals fand sich eine Gruppe Frauen zusammen, die nicht mehr akzeptieren wollte, dass Frauen in der Politik massiv unterrepräsentiert sind. Es ging bald konkret darum, sich als eigene Liste, als Frauenliste, in die Kommunalpolitik einzumischen, denn bis dato waren gerade einmal 6 der 34 Gemeinderäte in Kirchheim weiblich. Und die Frauenliste hat sich eingemischt: Von 2004 bis 2018 haben die Stadträtinnen Birgit Müller, Dr. Silvia Oberhauser, Eva Frohnmeyer-Carey und Sabine Lauterwasser engagiert in allen Bereichen mitgewirkt und Akzente gesetzt.
Zur Kommunalwahl im Mai tritt die Liste nicht mehr an. Als Grund nennen die Frauen, dass die beiden erfahrenen Mandatsträgerinnen nicht mehr zur Verfügung stehen. Aus dem Kreis derer, die die Frauenliste unterstützen, war keine ausreichende Zahl von Frauen bereit, „in die erste Reihe“ aufzurücken. Dies hätte im Hinblick auf die Kommunalwahl in erster Linie bedeutet, wieder eine Liste von 35 Frauen zusammenzustellen und den Wahlkampf zu meistern.
„Es bleibt nichts anderes übrig, als das so zu akzeptieren“, bedauert Dr. Silvia Oberhauser, die sich nach 15 Jahren nicht mehr zur Wahl stellt: „Das war eine tolle Zeit, ich bereue nichts, und der Einsatz hat sich gelohnt. Es ist unglaublich, was man auf kommunalpolitischer Ebene alles bewirken kann. Ich denke, es gibt einige Beschlüsse, die deutlich die Handschrift der Frauenliste tragen. Aber es ist auch gut, wenn man weiß, wann die Zeit zum Aufhören gekommen ist.“
Stadträtin Eva-Frohmeyer Carey kommt zwar „erst“ auf zehn Jahre im Ratsrund, ist aber zur selben Entscheidung gekommen. Als politischer Mensch stellt sie sich in Zukunft ein deutlich weniger durch Gremienarbeit geprägtes Engagement vor, auch weit über frauenpolitische Themen hinaus. „Was für eine spannende und erlebnisreiche Zeit“, bilanziert sie, „mit Einblicken in alle Bereiche der Kommunalpolitik. Besonders hat mich die Menge von ehrenamtlichem Engagement beeindruckt. Ich habe großen Respekt für die aktiven Menschen entwickelt.“
Ein Stück Frauenliste kann auch im neuen Gemeinderat weiterwirken: Stadträtin Sabine Lauterwasser hat sich entschlossen, wieder zu kandidieren. Die vielseitig vernetzte jüngste Stadträtin der Frauenliste ist Mitglied im Technik- und Umweltausschuss. Sie hat sich in ihrer ersten Amtszeit gründlich in die verschiedensten Sachgebiete eingearbeitet. „Ich bin mit den Grünen übereingekommen, auf ihrer Liste zu kandidieren. Da gab es auch in den letzten Jahren die meisten Gemeinsamkeiten und eine stets gute Zusammenarbeit. Ich bin motiviert, mich weiter in der Kommunalpolitik zu engagieren.“
Wie wird es nun mit der Frauenliste weitergehen? Auch wenn sie im Gemeinderat nicht mehr vertreten ist, wird sie ihr Engagement fortsetzen. Gleich im Februar beginnen die Frauenkulturtage, die die Frauenliste initiiert hat, mit einem Programm so umfangreich und breit gefächert wie noch nie – Ehrensache in dem Jahr, in dem sich das Frauenwahlrecht zum 100. Mal jährt. „One Billion Rising“ wird auch dieses Jahr unter Anleitung der Frauenliste am 14. Februar wieder viele begeisterte Menschen vor das Rathaus bringen, um gegen Gewalt an Frauen weltweit aufzustehen.
Am 16. März ist die Frauenliste zum Equal Pay Day mit einem Stand in der Innenstadt präsent, um wie auch in den Vorjahren ihrer Empörung über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen Ausdruck zu geben. pm
Anzeige

Drei Fragen an Birgit Müller, Mitbegründerin der Frauenliste

Vom Fraktionsstatus auf null. Warum?
Die ganze Kraft des Frauenliste-Teams steckt in der Gemeinderatsarbeit – auf Kosten der Energie, eine neue gute Liste aufzustellen. Die Liste kostet enorm Kraft, das wissen auch die anderen Parteien. 2004 haben wir eine solche Liste in wenigen Wochen fast aus dem Ärmel geschüttelt.
Die Frauenliste erhielt viel Zuspruch, der Anteil der Frauen im Gremium erhöhte sich von 6 auf heute 11. Ist genug erreicht?
Wir haben viele Akzente gesetzt, und natürlich gingen von uns viele Impulse aus, beispielsweise wurden auch in anderen Fraktionen Frauen bewusst auf der Liste weiter vorne platziert. Dennoch leben Frauen nach wie vor im Spannungsfeld des alten Rollenmodells, vor allem dann, wenn sie Mütter und berufstätig sind. Als ich in den Gemeinderat gewählt wurde, war ich die Einzige, die nicht berufstätig war. Und als ich zurück in den Beruf ging, bin ich nicht mehr zur Wahl angetreten. Jede Einzelne von uns fragt sich: Wie viel Kraft habe ich überhaupt für dieses Amt?
Weichen mit der Frauenliste auch die Frauenthemen aus dem Gemeinderat?
Kommunalpolitik hängt stark an Personen. Ich hoffe und denke, dass unsere Themen weitergetragen werden. ist