Kirchheim

Die gefeierte Luftakrobatin ist Vegetarierin seit Geburt

Jubiläum Freya Widmaier-Jossé aus Kirchheim feiert am Montag ihren 90. Geburtstag. Von Ruhestand kann bei der einstigen Trapezkünstlerin nicht die Rede sein. Von Iris Häfner

Freya Widmaier-Jossé vor ihrem 90er-Plakat. Fotos: Markus Brändli
Freya Widmaier-Jossé vor ihrem 90er-Plakat. Fotos: Markus Brändli

Diese Frau sprüht vor Energie. Mit 90 Jahren wirbelt sie in ihrem Haus herum, erzählt lebhaft und ist immer noch häufig auf Achse. Zwischen Speyer und Kirchheim pendelt sie aus familiären Gründen ständig hin und her. Früher waren die Distanzen jedoch weitaus größer. „Vier Tage war ich mit der Propeller-Maschine unterwegs, um nach Australien zu kommen“, erzählt Freya Widmaier-Jossé. Von 1948 bis 1968 war sie eine gefeierte Trapezkünstlerin und in den 50er-Jahren auf Welttournee bei Zirkusunternehmen mit Weltruf, egal, ob in Europa, Australien oder Amerika. Im Royal Circus in London trat sie vor der Queen auf. Die war mit ihrem Mann und den Kindern Charles und Anne gekommen. Das sorgte gleich für eine doppelte Premiere: Die royalen Kinder besuchten zum ersten Mal einen Zirkus, und denen durfte auf keinen Fall ein schlimmer Anblick zugemutet werden. Deshalb wurde Freya Widmaier-Jossé das einzige Mal in ihrer Artistenkarriere mit einem Sprungtuch gesichert. „Das war rein optisch. Gebracht hätte es nichts, wenn ich runtergefallen wäre. Aber so waren alle zufrieden“, erzählt sie und lacht bei der Erinnerung. Eine unglaubliche Körperbeherrschung demonstrierte sie damals unter der Zirkuskuppel. Ein Bein in der Schlaufe, ließ sie sich von der Manege, an einem Seil hängend, in luftige Höhen ziehen. Dort zeigte sie ihr Können. Berühmt war sie für ihren Fersenhang. Zunächst hatte sie die Trapezstange in den Kniekehlen, dann übernahmen die Waden die Führung, bis sie nur mit den Fersen am schwingenden Trapez hing. Auch den Zahnhang beherrschte sie, für den ein gesundes Gebiss Grundvoraussetzung ist.

Freya Widmaier-Jossé schlegt in Erinnerungen.
Freya Widmaier-Jossé schlegt in Erinnerungen.

Schon als Kind war sie eine leidenschaftliche Turnerin. „Sonntagmorgens durfte ich bei den Männern mittrainieren“, sagt sie. Dort war auch Helmut Bantz, der bei den Olympischen Spielen 1956 die Goldmedaille im Pferdsprung gewann. In Speyer war er nicht nur Vereinskamerad, sondern auch Nachbar. „Ich komme quasi aus dem Turnverein. Reck, Ringe, Barren - alles habe ich gemacht. Der Schwebebalken war mein Vorläufer des Drahtseils. Ich mochte es gern, das Balancieren.“ Eines Tages hat ihr Vater dann ein Trapez an den Birnbaum gehängt, so konnte sie ihrem Bewegungsdrang auch zu Hause freien Lauf lassen. „Schon vor der Schule habe ich da meine Klimmzüge gemacht“, verrät sie. Ihr Elternhaus hat sie geprägt. „Wir waren Reform­anhänger, Frischluftfreunde und Vegetarier“, erzählt sie. Fleisch, Wurst und Fisch hat sie noch nie gegessen, mittlerweile ernährt sie sich vegan. Ihre Essgewohnheit sorgte vor allem in Amerika für ein gewisses Erstaunen und wurde in Artikeln thematisiert. Auf einem Foto ist zu sehen, wie die gefeierte Luftakrobatin aus einer großen Salatschüssel ihren Teller füllt.

Freya Widmaier-Jossé.
Freya Widmaier-Jossé.

„Freya will heiraten“

Auch in Deutschland füllte sie schon als 18-Jährige die Gazetten. In München sorgte sie für mächtig Wirbel, als sie unbekümmert davon sprach, dass sie heiraten und zwölf Kinder haben will. „Es war mir doch klar, dass es in der Weißwürschtl-Stadt garantiert keinen Vegetarier gibt“, sagt sie. Die Galane sind dann doch in Scharen gekommen, auch ein ältlicher Reformhausbesitzer, jedoch allesamt vergebens. „Sie bedauert, seit Jahren immer vergeblich auf die Teilnahme am ,Kongreß der Ideale‘ gehofft zu haben, wo sie leicht den Richtigen gefunden hätte“, ist in „Vegetarisches Universum“ zu lesen. Tatsächlich ist es so gekommen. Irgendwann gelang ihr doch ein Besuch - und sie fand den Mann ihres Lebens, einen Kirchheimer. Die Anzahl der Kinder erreichte sie nicht. Es sind drei. Dazugekommen sind vier Enkel.

In Amerika sorgte die Artistin nicht nur mit ihrer Akrobatik für Aufsehen, sondern auch wegen ihrer Ernährungsweise.
In Amerika sorgte die Artistin nicht nur mit ihrer Akrobatik für Aufsehen, sondern auch wegen ihrer Ernährungsweise.

Das Leben von Freya Widmaier-Jossé ist reich an Geschichten und Anekdoten. Vor dem komischen Pas de deux brachte sie eine komplette Fußballmannschaft durcheinander und sorgte für große Erheiterung. Es war das Pas de deux mit Pferden. Zuerst wird es formvollendet von zwei Reitern vorgeführt, dann folgt die Clownerie. „Ich musste mit meinem Pferd im Sattelgang bis zum Auftritt warten und habe das arme Tier wohl zu heftig am Zügel gezogen. Es ging mit mir durch, rannte über den Zirkusplatz und über den nahe gelegenen Sportplatz, auf dem die Fußballer trainierten. Als die mich und das Pferd sahen, amüsierten sie sich köstlich“, erzählt Freya Widmaier-Jossé. Ihr Mädchenname lautete Freya Jossé. „Ich brauchte gar keinen Künstlernamen“, sagt sie stolz.

Der Vegetarismus ist für die Artistin mehr als nur eine Ernährungsform. „Der Weltfrieden liegt in einer Tomate“, sagte sie einst auf ihrer Amerika-Tournee. Mehr denn je sieht sie sich nicht zuletzt dank der Fridays-for-Future-Bewegung mit dieser Aussage bestätigt. Viele Probleme würde es beim Verzicht auf Fisch und Fleisch ihrer Ansicht nach nicht geben. Die Menschen hätten weltweit genug zu essen, würden die Flächen statt für Futterpflanzen für Lebensmittel genutzt - und die Achtung für jedes Leben setzt sich ihrer Meinung nach auch in einem friedvollen Miteinander fort.

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