Kirchheim

Die Geschichte der Leute, die zu Uoso gehören

Jubiläum Manfred Waßner hat mit seinem Mittelalter-Vortrag in der Petruskirche die Feierlichkeiten zum Festjahr „1250 Jahre Jesingen“ eingeläutet. Von Andreas Volz

Kreisarchivar Manfred Waßner hat die mittelalterliche Geschichte Jesingens aufbereitet - unter anderem für die neue Ortsgeschich
Kreisarchivar Manfred Waßner hat die mittelalterliche Geschichte Jesingens aufbereitet - unter anderem für die neue Ortsgeschichte, die im Sommer erscheinen soll. Fotos: Markus Brändli

Im Jahr 769 tritt Jesingen ins Licht der Geschichte. Aus diesem Jahr stammt die erste Urkunde, auf der der Name des Dorfs an der Lindach auftaucht. Eigentlich hat sich diese Urkunde gar nicht erhalten, zumindest nicht im Original. Es gibt lediglich eine Abschrift, die 400 Jahre später entstanden ist - wie Kreisarchivar Manfred Waßner in seinem Vortrag über Jesingen im Mittelalter erläuterte. Die Abschrift hat sich im Lorscher Codex aus dem späten 12. Jahrhundert erhalten.

In der Originalurkunde, von der nichts mehr vorhanden ist, muss Jesingen wohl noch als „Huosinga“ oder „Uosinga“ beschrieben worden sein. Demnach wäre Jesingen der Ort, an dem die Leute wohnen, die zu „Uoso“ gehören. Jener Uoso, der die entsprechenden Gefolgsleute um sich zu scharen vermochte, könnte also durchaus der Ortsgründer gewesen sein, irgendwann im 5. oder 6. Jahrhundert.

Genaue Datierungen sind so schwierig wie eine Definition des Begriffs „Mittelalter“. Manfred Waßner spricht von einer „Hilfskonstruktion“, mit der die Historiker die Zeit zwischen der römischen Antike und der Neuzeit bezeichnen. Eckdaten gibt es viele, sowohl für den Beginn als auch für das Ende des Mittelalters. Die Epoche reicht in etwa von der Konstantinischen Wende oder von der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig bis hin zum Konstanzer Konzil, zu Kolumbus oder zu Luther.

Wenn Manfred Waßner also das Mittelalter für Jesingen von 769 bis 1453 ansetzt, haben die Jesinger in beiden Jahren nichts davon bemerkt, dass da eine Epoche begann oder zu Ende ging. Vorsorg­lich entschuldigt sich der Kreisarchivar denn auch, dass er Menschen von 769 und von 1453 über einen Kamm schert: „Wir rechnen sie zur selben Epoche, obwohl zwischen ihnen sogar mehr Zeit liegt als zwischen 1453 und heute.“

Fremd sind die Zeiten allemal, über die der Historiker an historischer Stätte berichtete - in der Jesinger Petruskirche: „Sie ist wohl das einzige Gebäude in Jesingen, das noch bis ins Mittelalter zurückreicht.“ Fremd sei das Mittelalter auch deshalb, weil die Menschen damals das Bildprogramm der Fresken in der Kirche auf Anhieb verstanden.

Bildsymbolik war wichtiger als Schriftlichkeit. Auch deswegen gibt es kaum schriftliche Zeugnisse aus dem frühen Mittelalter. Auf die Urkunde vom 1. Oktober 769, in der die Brüder Sulman und Hildrich dem Kloster Lorsch Besitzungen in Jesingen, Bissingen und Weilheim nebst elf Leibeigenen überschreiben, folgen noch einige weitere ähnlichen Inhalts. Danach bleiben nennenswerte Quellen aus - bis ins 11. Jahrhundert.

Die Archäologie hilft dennoch dabei, sich ein Bild von Jesingen zu machen: „Die Menschen lebten in Eindachhäusern gemeinsam mit ihrem Vieh unter demselben Dach.“ Die Wände waren aus Lehmflechtwerk. Geräumiger hatte es der Herr des großen Hofs, in etwa an der Stelle der heutigen Kirche. Die Häuser der „servi“, der Leibeigenen, umstanden dieses Gehöft. Eine Kirche gab es vielleicht, aber keine eigene Pfarrei.

Das Patrozinium des Petrus für die heutige Kirche hängt mit dem Kloster St. Peter zusammen, das die Zähringer Ende des 11. Jahrhunderts zunächst in Weilheim gründeten, schon kurz darauf aber in den Hochschwarzwald verlegten. Wie 400 Jahre zuvor ans Kloster Lorsch, gingen nun zahlreiche Schenkungen an St. Peter. In Jesingen gab es sogar eine eigene Propstei, die die Güter des Klosters im Stammgebiet der Zähringer im Neckargau verwaltete.

1453 beginnt die Jesinger Neuzeit

Auch wenn die Propstei im Zuge der Reformation in einen Pfleghof umgewandelt wurde, bestimmte das Kloster St. Peter bis 1806, wer in Bissingen oder in Weilheim protestantischer Pfarrer wurde. Jesingen hatte kirchenrechtlich schon früher andere Wege beschritten: Im Epochenjahr 1453 - in dem auch die Geschichte des oströmischen Reichs endet - kam der Ort endgültig an Württemberg. So gesehen, lässt Manfred Waßner das Mittelalter in Jesingen zurecht im Jahr 1453 enden, denn „württembergisch“ ist der Ort bis heute.

Die Fresken in der Jesinger Petruskirche erschlossen sich den Menschen im Mittelalter noch ohne weitreichende Erklärungen.
Die Fresken in der Jesinger Petruskirche erschlossen sich den Menschen im Mittelalter noch ohne weitreichende Erklärungen.
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