Coronavirus

Die Gourmets in Frankreich fallen weg

Corona Die Landwirte trifft ebenfalls die Viruskrise. Handelsströme brechen ab und bringen den Markt durcheinander. Grundnahrungsmittel sind aber gesichert. Von Iris Häfner

Die Landwirte bestellen derzeit ihre Felder.  Foto: Werner Feirer
Die Landwirte bestellen derzeit ihre Felder. Foto: Werner Feirer

Die Lage ist eher ruhig“, sagt Dr. Christian Marquardt, Amtsleiter Veterinär- und Lebensmittelüberwachung im Landratsamt Esslingen. Wenig Rückmeldungen hat er von den Bauern bekommen, sie bewirtschaften ihre Betriebe wie gewohnt. „Es gelten die gleichen Hygienevorgaben wie bisher, denn es gibt keinen Hinweis, dass das Coronavirus auf die Nutztiere übergreift. Die Ansteckung läuft über den Kontakt von Mensch zu Mensch“, sagt der Amtsveterinär. Die Milch wird beispielsweise so produziert, dass sie nicht mit Luft in Kontakt kommt. Direkt vom Euter geht es über die Melkmaschine und Leitungen in den Tank und dann in die Molkereien. Dort wird sie sterilisiert.

Die Bundesregierung hat die Landwirtschaft mittlerweile als systemrelevant eingestuft. Somit ist klar, dass die Bauern wie bisher weiterarbeiten können. Die Winterkulturen sind gut über den Winter gekommen. Siegfried Nägele, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Esslingen, hat schon den ersten Hafer gesät und die Düngung steht an. „Uns trifft die Virus-Pandemie so, wie alle anderen auch“, sagt er. Die überregionalen Warenströme sind in dieser Branche ins Schwanken gekommen und suchen sich neue Wege. „Die Restaurants sind zu, manche Händler weg, da fehlt ein Teil der Absatzkette. Auch der Nachschub ist teilweise schwierig“, erklärt Siegfried Nägele. Normale Lieferungen verschieben sich. „Edelteile von Tieren gehen in der Regel nach Frankreich direkt in die Restaurants - das sind halt die Gourmets“, sagt er. Die Italiener nehmen einen bestimmten Teil von der Milch und die Chinesen haben viel Schweinefleisch gekauft. Den Markt kann Siegfried Nägele nicht einschätzen, er ist global. „Das sieht man derzeit an den Tankstellen. Die Märkte sind durcheinander, die Preise brechen ein.“

Auch wenn der Bedarf derzeit groß ist, können die Landwirte in Deutschland die Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln wie Getreide, Milch und Fleisch versorgen. „Wir können produzieren. Es sollte jedem bewusst sein, dass wir hier vor Ort die Landwirtschaft haben“, so Siegfried Nägele. Ist der Transit belastet, stört das den sensiblen Markt. Im Landhandel könne es relativ schnell eng werden. „Wenn die Logistikunternehmen zumachen, wird‘s schwierig“, erklärt er. Die Landwirte benötigen beispielsweise nicht nur Saatgut und Düngemittel, sondern auch Ersatzteile. „Wichtig ist, dass die Logistik funktioniert, und zwar in beide Richtungen“, sagt Siegfried Nägele.

Die Coronakrise sieht er als Chance, dass nun die Menschen begreifen, dass nicht alles ständig ausgelagert und ins Ausland verlegt wird. „Plötzlich wissen die Leute wieder den Bäcker, Müller und Metzger im Ort zu schätzen, und sind froh darüber, in den Hofläden einkaufen zu können“, sagt er.

Das kann Katharina Kammerer vom Biolandhof Gruel in Owen bestätigen: „Bei uns spielt alles verrückt. Die Nachfrage ist riesig, sowohl im Großhandel als auch im Hofladen. Das kam so plötzlich, wir waren nicht darauf vorbereitet, haben es aber gerade noch so stemmen können.“ Dank zusätzlichem Personal läuft jetzt alles wieder in geordneten Bahnen. Katharina Kammerer sieht es als Chance, dass nach der Krise der ein oder andere Neukunde die Qualität der Bioprodukte weiterhin zu schätzen weiß. Dann hat Katharina Kammerer vielleicht auch Zeit, sie darauf aufmerksam zu machen, dass es sehr wohl einen Unterschied zwischen „Regional“ und „Bio“ gibt. „Ganz viele meinen, das wäre dasselbe“, ist ihre Erfahrung. Im Falle des Biolandhofs Gruel trifft es jedoch zu.

In den Hofladen sind viele Menschen gekommen, die bislang noch nie dort waren. Disziplin und Stimmung seien gut gewesen, die Leute hätten geduldig vor dem Laden gewartet, weil nur eine bestimmte Anzahl rein durfte. Der Biolandhof Gruel kann dank einer großen Lagerhalle viele eigene Produkte anbieten: beispielsweise Kartoffeln, Karotten und Rote Beete. Der Lauch wächst auf dem Acker, allerdings sind die Äpfel aus. Die neue Saison ist schon angelaufen, die ersten Salat-Jungpflanzen sind gesteckt - und müssen nur noch den Frost überleben.

Abstand gilt auch auf dem Reiterhof

Mehrere Anrufe hat Christian Marquardt von verunsicherten Pferdehof-Betreibern erhalten. Die Reiter haben das schöne Wetter nicht nur mit den Pferden genossen, sondern auch die Gesellschaft mit den zweibeinigen Stallkollegen.

„Auf dem Reitbetrieb gelten die gleichen Regeln wie anderswo auch - der Abstand muss eingehalten werden“, stellt Christian Marquardt klar. Ein Besitzer darf zu seinem Tier auf dem Hof, erst recht, wenn er am Stalldienst beteiligt ist.

„Das Tierwohl muss gewährleistet sein. Tiere verhungern lassen, geht nicht“, sagt er. Was aber nicht geht: das gemütliche Beisammensein im Reiterstüble oder auf der Stallbank. „Gemeinsame Ausritte fallen bis auf Weiteres flach“, so der Veterinär. ih

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