Kirchheim

Die „Linde“ wird fantastisch

Architektur Das Kirchheimer Mehrgenerationenhaus ist nicht mehr zu retten. Wie das neue Gebäude aussehen soll und was unbedingt reingebaut werden muss, das zeigen Nachwuchs-Planer anhand ihrer Modelle. Von Iris Häfner

Bei diesem Modell, das in Teamarbeit entstanden ist, stehen die Cocktails auf der Dachterrasse schon bereit. Die Außenrutsche lä
Bei diesem Modell, das in Teamarbeit entstanden ist, stehen die Cocktails auf der Dachterrasse schon bereit. Die Außenrutsche lässt sich auch als Murmelbahn nutzen. Fotos: Markus Brändli

Kinder an die Macht - so klingt Herbert Grönemeyers Lied seit Jahrzehnten aus sämtlichen Radiokanälen. Dem kann jeder zustimmen, der die Häuser der jungen, ambitionierten Architekten in der Kirchheimer Linde gesehen und erst recht bei deren Entstehen zugeschaut hat. Die Ideen sprudelten nur so aus den Kindern heraus und manifestierten sich in dreidimensionalen, bis ins Detail liebevoll gestalteten Modellen.

Mehrgenerationenhaus Linde, Architekturworkshop, Architektur Workshop für Kinder

Der Architekturworkshop im Mehrgenerationenhaus Linde brachte die Talente an den Tag. „Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern - unsere Linde ist sehr in die Jahre gekommen und ein Neubau ist unausweichlich! Besonders spannend finden wir, was euch Kindern beim Neubau wichtig ist und welche Ideen ihr habt“, lautete die Aufforderung, der die acht- bis elfjährigen Teilnehmer an zwei Tagen gerne gefolgt sind.

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Die Idee dazu hatte Jutta Ziller, Leiterin der Linde. Ihr ist es wichtig, was aus Kindersicht in die neue Linde rein muss. Und so wurde der Workshop richtig professionell, denn die Ideen sollen bei der tatsächlichen Planung berücksichtigt werden. Juan Pablo Escalona Rivera ist Architekt in Kirchheim und ein „Linde“-Kind. Er stimmte die Kinder auf ihre Aufgabe ein und erklärte ihnen, was Architektur ist, worauf es beim Bau und der Gestaltung ankommt, was Stabilität, Nützlichkeit und Schönheit für ein Gebäude bedeuten. Dem nicht genug: Auch der Kirchheimer Graffitikünstler Christian Pomplun war mit im Boot. Anne Lamparter, Leiterin des Projekts, musste die Kinder bei ihrer Arbeit sogar bremsen. Sie dachten nämlich auch an so profane Dinge wie Technikraum, Toiletten und andere Details, die zwingend zu einem Gebäude gehören.

Mit viel Liebe zum Detail wurde an den Fassaden, aber auch an den Aussenanlagen gearbeitet. Parkplätze für die scharfen Flitzer
Mit viel Liebe zum Detail wurde an den Fassaden, aber auch an den Aussenanlagen gearbeitet. Parkplätze für die scharfen Flitzer vor dem Haus durften selbstverständlich nicht fehlen.

Doch darum geht es in diesem Projekt nicht, um solche „Nebensächlichkeiten“ müssen sich die kreativen Kids nicht kümmern, das ist Sache der Profis. Die Kinder sollen vielmehr ihren Bedürfnissen und Ideen in einem 3-D-Modell Ausdruck verleihen - und dabei ihre Wünsche voll ausleben.

Die gehen auch flugs ans Werk. Mit Finnpappe - finnische Maschinenholzpappe - lässt sich wunderbar Häuser bauen. Das Material ist stabil und problemlos zu schneiden. So entstehen die Wände, Decken und Dächer und damit das Grundgerüst für das Modell, das dann mit entsprechenden Accessoires ausgeschmückt werden kann. Eierkartons sind ein ausgezeichneter Holzpaletten-Ersatz, mit denen sich gefahrlos arbeiten lässt. Von den großen Flaschen werden die gewünschten Farben in die einzelnen Vertiefungen gegossen und dann auf die Fußböden, Wände und Fassaden gestrichen. Klischeegemäß bevorzugen die Mädels rosarot und himmelblau, während die Jungs auf kräftige Farben setzen oder ganz darauf verzichten und die Holzoptik wirken lassen.

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An Tag zwei sind schon richtige Prachtbauten mit ausgearbeiteten Außenanlagen entstanden. Was sie wollen, wissen die Jung-Architekten ganz genau. Die einen bauen in die Höhe, andere in die Länge, einer realisiert eine besondere Form, indem er zwei Kubus-Elemente gewagt miteinander verbindet. Ein Junge legt Wert auf eine Tiefgarage samt großzügiger Einfahrt, auf der schon bunte Spielzeugautos fahren. Eine Boulderwand ist nicht nur ihm wichtig, auch andere „Kollegen“ sind anscheinend begeisterte Kletterer. Fußballplätze bereichern den Außenbereich ebenfalls nicht nur bei einem Modell, und auch Trampolins und Basketballkörbe gibt es öfter. Stuart hat in seinem Garten eine Kegelbahn - und an ein Büro hat er auch gedacht. Groß angesagt sind auch Schnitzelgruben. Das sind mit Schaumstoffquadern ausgelegte Becken, quasi eine andere Form des Bwällebads. Aufzüge wegen der Barrierefreiheit finden sich auch nahezu bei jeder neuen „Linde“.

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Luca und Anton haben von Anfang an im Team gearbeitet, was man ihrem Entwurf auf den ersten Blick ansieht. Sie haben nicht nur einen runden Aufzug, sondern auch eine kombinierte Rutsch- und Murmelbahn, die von innen nach außen und in einem eleganten Schwung um die Ecke führt. Auf der Dachterrasse gibt es eine Bar, auf der schon die Cocktails bereitstehen, drumherum dienen Flaschenkorken als Hocker. Luise legt Wert auf einen Musik- sowie Tanz- und Yogaraum, außerdem gibt es bei ihr auch noch ein rosa Atelier. Eine Turnhalle mit pinkfarbenem Boden stellt sich Sade vor. In ihrer „Linde“ besteht das Chai-Cafè, die Beratungsstelle für Flüchtlinge, weiter - und sie hat an einen Raum für Kleinkinder gedacht.

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Das Gebäude muss dem Nutzer dienen

Architektur kommt in Deutschland viel zu kurz. Dieser Ansicht ist Juan Pablo Escalona Rivera, Architekt in Kirchheim. Das ehemalige „Lindekind“ war deshalb „total begeistert“, als ihn Jutta Ziller bat, bei dem Workshop mit den Kindern mitzuwirken. Im Vordergrund stand für ihn, Kinder für Architektur zu begeistern. „Wir haben eine große Verantwortung, was Gescheites hinzustellen“, sagt er im Blick auf seine Arbeit.

Die drei Grundregeln Tragfähigkeit, Nutzen und Schönheit haben die Kinder schnell begriffen, auch, weshalb in schneereichen Gegenden Häuser ein Satteldach samt Dachvorsprung haben - und in der Toskana oder in Griechenland ganz andere Häuser gebaut werden.

Oberste Priorität hat für Juan Pablo Escalona Rivera der Nutzer des Gebäudes. „Alles andere ist falsch. Wenn es dann auch noch gut aussieht, hat der Architekt alles richtig gemacht“, sagt er. Als Negativ-Beispiel nennt er eine Gemeindehalle im Großraum Stuttgart, die von der Verwaltung an den Nutzern vorbeigeplant wurde. „Das war schließlich ein regelrechter Machtkampf. Wir haben den Entwurf dann komplett überarbeitet“, so der Architekt. Der ursprüngliche Plan landete daraufhin in der Tonne. „Das Wichtigste ist, zu hinterfragen. Es gibt kein Richtig und Falsch. Als Planer darf man sich nicht drüberstellen. Das Gebäude soll den Nutzern dienen, sie sollen sich darin wohl fühlen“, sagt er.

Gute Architektur ist zeitlos, egal welche (Dach-)Form ein Haus hat. „Das Gespür dafür muss geschult werden. In der Schweiz wird Architektur in der Schule gelehrt“, schaut er neidvoll auf die Nachbarn. Die meisten Menschen würden sich beim Autokauf viel mehr Gedanken machen als bei einem Hauskauf, wundert er sich.

Die Workshop-Kinder haben sich durch die Bank für ein Flachdach entschieden. „Das sind alles ganz tolle Arbeiten. Außen herrscht Strenge, innen das Chaos - und die Rutschbahn sprengt wiederum die Strenge“, ist Juan Pablo Escalona Rivera begeistert von den Ideen des Nachwuchses. ih