Kirchheim

Die Passion des Balladenkönigs

Konzert Der Chor an der Martinskirche führte unter der Leitung von Bezirkskantor Ralf Sach zur Todesstunde Jesu am Karfreitag Carl Loewes „Sühnopfer des Neuen Bundes“ auf. Von Juliane Kästner

Chor, Orchester und Solisten erzählten unter der Leitung von Ralf Sach die Leidensgeschichte Jesu in neun Szenen musikalisch nac
Chor, Orchester und Solisten erzählten unter der Leitung von Ralf Sach die Leidensgeschichte Jesu in neun Szenen musikalisch nach.Fotos: Markus Brändli

Das Karfreitagskonzert versprach den zahlreichen Zuhörern, die sich trotz des großartigen Frühlingswetters zum musikalischen Gedenken an die Todesstunde Jesu in der Kirchheimer Martinskirche eingefunden hatten, eine kirchenmusikalische Rarität: Das Passionsoratorium „Das Sühnopfer des Neuen Bundes“ des „pommerschen Balladenkönigs“ Carl Loewe entstand 1846 in der Tradition der großen Passionen Bachs, was insbesondere in den Chören und Chorälen hörbar wird. Darüber hinaus orientierte sich der Komponist natürlich an der romantischen Musik seiner Zeit - mit dem Streben nach Einfachheit, Anklängen an Beethovens Instrumentalstil und opernhafter Dramatik.

Unter Leitung von Bezirkskantor Ralf Sach musizierten der Chor an der Martinskirche und Musiker des Schwäbischen Kammerorchesters sowie der Stadtkapelle Kirchheim. In neun Szenen wurde die Leidensgeschichte Jesu erzählt und kommentiert. Dabei hatten die Solisten Christine Euchenhofer (Sopran), Cecilia Tempesta (Alt), Rüdiger Husemann (Tenor) und Burkhard Seizer (Bass) nicht nur Erzählerfunktion, sondern schlüpften in die Rollen der verschiedenen Protagonisten. Neben Judas und Pilatus traten weitere Personen vom Rand des Geschehens - wie die Frau des Pilatus, Maria Magdalena, Joseph von Arimathia und Nikodemus - auf, und gestalteten so die Handlung sehr empathisch und abwechslungsreich.

Die Einleitung bildete eine Szene von vier aus biblischen Berichten bekannten Personen, die Jesus suchen - und auch die Streicher wirkten zu Beginn etwas suchend. Zur Melodie von „Wie soll ich Dich empfangen“ erklang der erste Choral und stimmte auf ein sehr schönes Klangerlebnis ein.

Die verschiedenen Rollen erforderten nicht nur von den Solisten große Flexibilität, um die verschiedenen Charaktere zu verkörpern und Stimmungen wiederzugeben. Auch der Chor nutzte eine große Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten - von wunderbar sanften Tönen über frohen Lobgesang und angstvolle Ergriffenheit bis hin zum aggressiven „Ans Kreuz mit ihm“ und kaum zu steigernder Dramatik zum Schluss der Kreuzigungsszene - sodass die Stimmungen nicht nur hör-, sondern spürbar wurden. Die von Ralf Sach als „Wunderwerk der sanglichen Polyphonie“ gelobte Schlussfuge des ersten Teils war besonders gelungen.

Die fast verzweifelte und immer noch aktuelle Frage des Pilatus -„Was ist Wahrheit?“ - stand nach einem eindrücklich spannungsvollen Dialog der beiden Männerstimmen in der Mitte des Stücks im Raum und wirkte nach.

Im dritten Teil, der schon mit einer eindrucksvoll düsteren Instrumentalpassage begann, wurde der Kreuzweg Jesu in seiner Unerträglichkeit eindrucksvoll hörbar. Im Schlusschor schließlich klang ein hoffnungsvoller Ausblick auf Ostern an, und das anschließende Glockenläuten ließ das Publikum in ergriffener Spannung verharren.

So konnte die eindrucksvolle Gesamtleistung der Mitwirkenden und die immer wieder ergreifende und befreiende Botschaft der Passionsgeschichte in der Stille nachklingen.

Konzert in der Martinskirche am Karfreitag, Musik zur Todesstunde, Carl Loewes Passionsoratorium "Das Sühnopfer des neuen Bundes
Konzert in der Martinskirche am Karfreitag, Musik zur Todesstunde, Carl Loewes Passionsoratorium "Das Sühnopfer des neuen Bundes."
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