Lokale Kultur

Die Revolution frisst ihre Kinder

LTT gastiert mit Büchners „Dantons Tod“ in der Stadthalle

Kirchheim. Man schreibt das Jahr 1794. Der in der Volksmeinung „tugendhafte“ und „unbestechliche“

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Asket Robespierre (hier gespielt von David Liske) hat seine durch Tugend legitimierte Schreckensherrschaft („Terreur“) ausgerufen und wird dabei assistiert vom geifernd hetzerischen Bluthund und berechnend menschenverachtenden Drahtzieher Saint-Just (Patrick Seletzky). Der einst das Revolutionsgeschehen entscheidend mitbestimmenden Führungsfigur, dem redegewaltigen Volkstribun Danton (Martin Maria Eschenbach) ist über die Jahre der revolutionäre Elan abhanden gekommen. Er glaubt nicht mehr daran, dass willkürlich ausuferndes Blutvergießen der Königsweg zum Erreichen der Revolutionsziele „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und zu einem gerechteren Gemeinwesen ist: „Wo die Notwehr aufhört, fängt der Mord an – ich sehe keinen Grund, der uns länger zum Töten zwänge.“

Danton hat sich dem abwartend passiven, teils melancholisch todessehnsüchtigen Wohlleben und der Fleischeslust verschrieben. Seine Freunde und Gefolgsleute Hérault-Séchelles (Gotthard Sinn), Camille Desmoulins (Christian Beppo Peters), Philippeau und Lacroix (beide gespielt von Philip Wilhelmi) stören sich an Dantons Hedonismus und seiner resignierten, teils zynischen Passivität und mahnen ihn zum schnellen Handeln gegen den „Blutmessias“ und „Polizeisoldaten des Himmels“ Robespierre, doch vergebens. Überzeugt davon, dass man sich an ihm nicht vergreifen werde („Sie werden’s nicht wagen“), wartet Danton weiter, bis es zu spät ist.

Georg Büchner hat dieses Werk 1835 als Einundzwanzigjähriger innerhalb von wenigen Wochen als eine Auseinandersetzung mit der Frage geschrieben, mit welchen Mitteln und auf welchem Wege ein Unrechtsstaat wie der Absolutismus durch eine dem gesamten Volk gerecht werdende Republik auf der Grundlage der Revolutionsideale zu errichten sei. Er kommt dabei zu der Einsicht, dass dies mit Sicherheit nicht durch die vom Wohlfahrtsausschuss, vom Jakobinerklub und vom Revolutionstribunal in Gang gesetzte Tötungsmaschinerie zu schaffen ist. Dass er in seinem Stück Dantons Vornamen zu „Georg“ abwandelt, darf getrost als Hinweis darauf verstanden werden, dass er, das Revolutionsgeschehen betreffend, die skeptizistische Haltung seines Protagonisten teilt.

In seiner Inszenierung verzichtet Ralf Siebelt weitgehend auf Requisiten, augenfällige Knalleffekte und auf die sonst üblichen, oftmals die Schamgrenze überschreitenden Gags des Regietheaterbetriebs. Das Bühnenbild (Timo von Kriegstein) beschränkt sich auf ein kuppelartig gewölbtes Geflecht aus Stahlrohren, das in der Eingangsszene vom sich silhouettenartig abhebenden, Revolutionsparolen schreienden „Volk“ bestiegen wird und in der Selbsttötungsszene Dantons und seiner Freunde als eine Art Blutgerüst dient. Die Beleuchtung changiert zwischen kaltem Blaugrau oder grellem Weiß in den Kerkerszenen, Gelb und Rot dienen als Hintergrund für Robespierres flammende Reden und suggerieren Brandschatzung und Flammeninferno. Videoprojektionen, die achsengespiegelte Abbruchsprengungen von Gebäudekomplexen zeigen, sollen den Umsturz und die Pulverisierung des alten Systems symbolisieren – ein gelungener Einfall, der allerdings etwas überstrapaziert wird.

Was die Textfassung angeht, so nähert sich Siebelt dem gewaltigen Stoff – gezwungenermaßen und dem Spardiktat und überschaubaren Budget kleinerer Bühnen geschuldet – mit den Mitteln der Reduktion, indem er erhebliche, aber insgesamt vertretbare Textkürzungen vornimmt, denen insbesondere die für Zeit- und Lokalkolorit sorgenden Volksszenen – außer der erwähnten Eingangsszene – zum Opfer fallen. Der entfesselte Lynchmob („An die Laterne“; „Totgeschlagen, wer lesen und schreiben kann“) ist aber immer wieder über Lautsprecher aus dem Off zu vernehmen.

Darüber hinaus wurde das bei Büchner vorhandene Personaltableau von stark zwanzig auf lediglich noch acht handelnde Personen „eingedampft“. Auf der einen Seite kommevn zum Beispiel die nicht unwesentlichen „Dantonisten“ Legendre und Paris nicht mehr vor, auf der anderen werden Akteure mit bis zu drei Rollen betraut. Dies war für die – übrigens famose und ungemein wandlungsfähige – Jessica Higgins in den Rollen der Prostituierten Marion und der beiden Ehefrauen Julie und Lu­cile eine veritable Herkulesaufgabe, befand sie sich doch erkennbar in anderen Umständen. Zum Glück für das Differenzierungsvermögen des Zuschauers halfen hier wenigstens klar unterscheidbare Kostüme. Erstaunlich auch, dass die Rolle von Collot d’Herbois, einem Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und des Nationalkonvents, mit einer Frau, Hildegard Maier, besetzt wurde. Vielleicht sollte damit die etwas männerlastige Besetzungsliste ein bisschen ausgeglichen werden.

Mit beachtlicher Leistung warteten die beiden Antagonisten Eschenbach als Danton und Liske als Robespierre auf. Ersterer ist starken Stimmungsschwankungen unterworfen, die ihn bald auftrumpfend und höhnisch, bald in großer Niedergeschlagenheit mit Anflügen von Zynismus, dann wieder nahezu clownesk, aber auch, wie zum Beispiel in seiner Selbstverteidigungsrede vor dem Tribunal, betont kämpferisch und als glänzenden Rhetor erscheinen lassen. Sein Gegenspieler, vom Erscheinungsbild her eher sanft und mit oft leise zurückhaltender, kühl analysierender Diktion ausgestattet, kann bei Bedarf auch – wie zum Beispiel in der Eingangsszene – den „Einpeitscher“ geben.

Darin wird er noch übertroffen vom spindeldürren Patrick Seletzky als Saint-Just, der in seiner hasserfüllten Tirade gegen die Revolutionsgegner mit sich überschlagender Stimme fast den Nazipropagandisten Goebbels auferstehen ließ. Störend war hierbei, dass teils ohrenbetäubend in die Mikrophone geschrien wurde, andrerseits selbst in den vorderen Zuschauerreihen das gesprochene Geschehen auf der Hinterbühne, zum Beispiel bei den Kerkerszenen in der Conciergerie, kaum vernehmbar war.

Obwohl die Zuschauer für die etwas über zwei Stunden andauernde, von Text und Inhalt her anspruchsvolle Vorführung viel Konzentration aufbringen mussten, gab es für die sehr ansprechende Ensembleleistung zum Schluss anhaltenden Applaus, der nicht nur Höflichkeitsbeifall war.