Lokale Wirtschaft

Die Schrauben und der Glaube

Die 51-jährige Unternehmerin Bettina Würth war zu Gast in der Weilheimer Peterskirche

Einmal im Jahr, möglichst an einem schönen Sommerabend, lädt die Stiftung Peterskirche in Weilheim ihre Stifter und die Weilheimer Bevölkerung ein. Diesmal war Bettina Würth zu Gast, Tochter des „Schraubenkönigs“ Reinhold Würth. Pfarrer Peter Brändle schreckte vor heiklen Fragen nicht zurück.

Bettina Würth, der Tochter des „Schraubenkönigs“, beim Gespräch in der Peterskirche.Foto: Peter Dietrich
Bettina Würth, der Tochter des „Schraubenkönigs“, beim Gespräch in der Peterskirche.Foto: Peter Dietrich

Weilheim. Eigentlich hält Bettina Würth keine Vorträge mehr. Dass sie dennoch im roten Sessel Platz nahm, liegt an Brändles Freundschaft zu Martin Schäfer, Geschäftsführer bei der Firma Würth. Etwa 200 Zuhörer hatte Brändle erwartet, sie kamen. Dass Würth in Winterstiefeln kam, lag nicht am Wetter: Sie hatte einen blauen Zeh, deshalb passte ihr gerade kein anderer Schuh.

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Die 51-Jährige steht an der Spitze eines Unternehmens, das weltweit 65 000 Miterbeiter beschäftigt, es ist im Besitz von vier Familienstiftungen. Ist dieses Erbe mehr Last oder Lust? „Da ist sehr viel Lust dabei“, antwortete Würth, „Mein Vater hat ein tolles Unternehmen aufgebaut. Nach 30 Jahren bin ich in allen Bereichen vernetzt, das ist schön.“ Als Last empfindet es Würth, wenn sie versucht, ihre vielen Termine in eine Woche zu packen. „Wenn der Vater reinredet, kann auch das eine Last sein.“

„Ich bin sehr gläubig erzogen worden“, sagt Würth von sich. „Für mich war es immer klar, dass es einen Gott gibt.“ Bei ihren Werten spricht sie von Ehrlichkeit und Geradlinigkeit. Und von Selbstbewusstsein: „Man darf auch in Bescheidenheit stolz sein auf das, was man erreicht.“ Bei ihren vier Kindern habe sie versucht, das Selbstbewusstsein mit einer selbstkritischen Haltung zu verbinden.

Ja, sagt Würth, sie habe eine kurze Phase lang die Schrauben hinter sich gelassen. „Das war meine Sturm- und Drangzeit. Ich habe einen ähnlichen Sturschädel wie mein Vater. Es war einige Jahre besser, wenn wir uns aus dem Weg gingen.“ Sie hatte in Französisch eine Sechs, erwartete das Sitzenbleiben, ging an eine andere Schule. Sie wollte Erzieherin werden. Während einer USA-Reise ihrer Eltern verschwand die 18-Jährige zu einer Freundin nach München. Ihr Vorpraktikum beendete sie in einem sozial schwierigen Viertel. Mit den Erzieherinnen war sie sich jedoch nicht einig: Sie wollte die Kinder respektvoller behandeln. „Jetzt habe ich genügend ausprobiert“ sagte sie dann ihrem Vater und begann eine Ausbildung in seinem Unternehmen.

Die Pädagogik holte sie dennoch wieder ein, sie gründete Schulen in Künzelsau, Berlin und Sankt Gallen. „Wir haben kleine Klassen, keinen Frontalunterricht, jedes Kind hat seine mit dem Lehrer festgelegten Ziele.“ Bis zur achten Klasse gibt es keine Noten – aber Beurteilungen, ob die Ziele erreicht wurden. Anfangs ging Würth – das sagt sie selbst – die Sache etwas naiv an, es ging drunter und drüber. Dann gewann sie den Schweizer Schulgründer Peter Fratton als Leiter. „Nach zwei Wochen war Ruhe.“

Außerdem setzt sich Würth für Menschen mit Behinderung ein. „Wir müssen von ihnen lernen. Ich bin beeindruckt von ihrer Großzügigkeit und Liebe, wie sie jemanden ins Herz nehmen.“ Was bringt Würth aus der Gelassenheit? „Wenn man mir etwas versprochen hat und es nicht hält.“

Nach so viel Persönlichem war es Zeit für eine musikalische Pause. Neben der Organistin Gabriele Bender gestalteten Linda Friedel und Michael Riek mit Gitarre und Gesang – und sehr gekonnt – den Abend. Danach ging es weiter zu Finanzen und Politik: Kommt erst der Umsatz, dann die Moral? „Das sehe ich überhaupt nicht so. Ein unmoralisch erreichter Umsatz ist nicht unbedingt das, was ich mir vorstelle.“ Die Frage nach Mitarbeitern, die die Ziele nicht erreichen, konterte Würth geschickt: „Wie ist das bei Ihnen, wenn einer kann, aber nicht will?“ Ja, gab Brändle zu, „es gibt Situationen, wo es auch in der Kirche nicht geht“.

Wie ist das mit den höheren Steuern für Reiche, die Warren Buffett gefordert hat? Nach Würths Ansicht hat Deutschland keine Einnahme-, sondern ein Ausgabeproblem. Die Steuereinnahmen seien so hoch wie nie. Allerdings thematisierte sie dabei nicht, dass sich inflationsbereinigt und am Bruttoinlandprodukt gemessen ganz andere Zahlen ergeben und der Staat dadurch heute teilweise weniger Geld zur Verfügung als früher.

Was muss geschehen, damit eine Friseurin, die den ganzen Tag arbeitet, endlich von ihrem Verdienst leben kann? Hier hatte Würth keine zündende Idee. „Wenn ich es wüsste, würde ich es Frau Merkel schreiben.“

Warum, so fragte Brändle, solle die Weilheimer Peterskirche erhalten bleiben? „Weil auch die Psyche und Seele gepflegt werden sollten und Raum brauchen.“ Man brauche beides, die Schrauben und den Glauben, schlossen die Gesprächspartner. „Beides gibt Halt“, sagte Brändle. Das habe er schön gesagt, befand Würth, bevor der Abend draußen unter den Kastanien ausklang.