Kirchheim

„Die Solidarität ist unglaublich“

Krise Einzelhändler in Kirchheim lassen sich so einiges einfallen, um mit ihren Kunden in Kontakt zu bleiben und sie trotz Ladenschließungen mit Ware zu versorgen. Sie loben auch die Treue der Stammkundschaft. Von Andreas Volz

Der Abstand bleibt gewahrt - egal, ob Inge Eichler im „Leseladen“ eine Online-Lesung veranstaltet oder ob Joe Schempp auf dem Ra
Der Abstand bleibt gewahrt - egal, ob Inge Eichler im „Leseladen“ eine Online-Lesung veranstaltet oder ob Joe Schempp auf dem Rad Waren ausliefert. Fotos: Carsten Riedl

Was macht ein Laden, dem die Geschäftsgrundlage wegbricht, wenn er wegen der Pandemie längere Zeit geschlossen bleiben muss? Es kommen keine Kunden mehr, die Umsätze fehlen und sogar die Ware muss - je nach Branche - entsorgt werden. Trotzdem setzen Kirchheimer Einzelhändler selbst in der tiefsten Krise auf das Prinzip Hoffnung. Sie sagen sich: „Es kommt darauf an, was wir mit der Situation machen, und nicht darauf, was die Situation mit uns macht.“

Einzelhändler „in den Kirchheimer Nebenstraßen“ - in diesem Fall in der Welling- und in der Metzgerstraße - haben ihre Lage in einem Schreiben zusammengefasst: „Da die Läden von heute auf morgen schließen mussten, brach auch der Umsatz plötzlich weg. Die Mieten und die Gehälter müssen aber weitergezahlt werden, und lange halten die kleinen Läden das nicht durch.“ Dann kommt aber auch das Positive: „Es ist bewundernswert, wie die Menschen trotz der Krise anfangen zusammenzuhalten und sich gegenseitig aufzumuntern.“

Die Telefongespräche mit den Händlern laufen nach demselben Muster. Katja Piccolini-Schöner, die in ihrem Laden „Schöner’s“ Kleidung, Kosmetik und Wohnaccessoires verkauft, sagt zunächst: „Wir dürfen keine Kundschaft empfangen. Das ist verheerend und bringt uns Einzelhändler in die Bredouille.“ Danach schwenkt sie um und berichtet begeistert von der Treue ihrer Kunden: „Es ist toll, wenn sie nach Gutscheinen fragen. Wir Einzelhändler erleben gerade etwas ganz Großartiges - wie uns die Leute gerade jetzt unterstützen.“ Normale Umsatzzahlen lassen sich aber trotz aller kreativen Ideen nicht erreichen. Deswegen bleibt auch Katja Piccolini-Schöner nur die Hoffnung: „Ich denke, dass sich das alles in ein paar Wochen regelt und dass wir wieder einigermaßen gelockerte Öffnungszeiten haben.“

Plötzlich war alles ganz anders

Patricia Bukatsch verkauft seit 24 Jahren in „Land & Leben“ Einrichtung und Mode. Was jetzt gerade abläuft, hat sie so noch nie erlebt: „Von einer Minute auf die andere war plötzlich alles ganz anders.“ Auf einmal musste auch sie schauen, wie sie ihre Ware online anbieten kann. Nicht immer ist das eine Alternative: „Ich hatte auch viele frische Blumen im Laden. Einige davon fahre ich jetzt zu meinen Kunden, wenn ich ihnen eine Auswahl bringe.“ Mit der Mode geht Patricia Bukatsch ganz neue Wege: „Ich ziehe die Sachen einfach selbst an und stelle so immer wieder ein neues Outfit ins Netz.“ Auch sie ist begeistert von der Unterstützung durch die Stammkundschaft: „Es ist wirklich außergewöhnlich, wie die zu mir halten. Die Solidarität ist unglaublich.“

Karen Ziegler vom „Leseladen“ zeigt sich froh darüber, „dass wir schon immer einen Online-Shop haben“. Im Internet gibt es jetzt ein besonderes Vorleseangebot: Karen Zieglers Kollegin Inge Eichler liest an jedem Werktag zwei Geschichten, eine für Kindergartenkinder und eine für Grundschüler. Über die Homepage des „Leseladens“ lässt sich diese „Vorlesestunde auf youtube“ abrufen. Die Rückmeldungen sind ausgesprochen positiv. Was die Warenübergabe betrifft, liefert auch der „Leseladen“ aus. Es gibt aber zusätzlich das Modell „Abholung“: „Wir packen alles zusammen mit der Rechnung in eine Tüte und reichen die zum Laden raus.“

Genau das sind ja die Anfänge der Läden: Einst waren es Fensterläden, die man heruntergeklappt hat, um vom Haus auf die Straße zu verkaufen. Dieses Prinzip beschreibt Joe Schempp ganz aktuell: „Es ist klasse, zu verfolgen, was meine Mitstreiter tun. Irgendwie reißt jeder ein Fenster auf und schiebt eine Pizza durch.“ Er selbst hat sein Schaufenster von „Team Sportif“ in der Dettinger Straße ins Internet gestellt und liefert per Fahrrad aus: „Das macht Spaß. Die meis­ten Leute sind im Garten und haben Zeit. Man kann sich - mit gebührendem Abstand - richtig gut unterhalten.“ Er überlegt sogar, nach der Krise einen wöchentlichen Liefertag einzuführen. Sein Credo: „Man muss auch dieser Situation positiv begegnen und das Beste draus machen.“

Joe Schempp liefert auf dem Rad Waren aus. Foto: Carsten Riedl
Joe Schempp liefert auf dem Rad Waren aus. Foto: Carsten Riedl
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