Lokale Kultur

Die Verräumlichung von Zeit

Im Kirchheimer Kornhaus wurde die Ausstellung „Land, Stadt, Fragment – Kirchheim unter Druck“ von Anja Klafki eröffnet

Kirchheim. „Wenn hier der Albtrauf mit wunderbaren Farben dargestellt wird, dann ist das Herz angesprochen“, so Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in ihrer Begrüßung am Sonntag. Sie dankte

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Kai Bauer

dem Kunstbeirat Florian van het Hekke, dem Kurator der Ausstellung. Ihm und der Künstlerin Anja Klafki sei es gelungen, die Kulturarbeit in der Stadt Kirchheim mit der Arbeit an der Architekturfakultät der Hochschule für Technik in Stuttgart zu verbinden und damit zu bereichern.

„Die Besteigung der Teck“, frei nach Francesco Petrarca, ist ein Hörspiel, das die Künstlerin Anja Klafki 2014 produziert hat. Im äußeren Arkadenbereich der Galerie kann man den fiktiven Bericht des italienischen Kartografen, Natur- und Religionsphilosophen des Spätmittelalters in schwäbischer Mundart hören. Von dieser Klanginstallation wird die Aufmerksamkeit der Besucher durch rechteckige Öffnungen in der opaken Folie, mit der die Schaufensterscheiben zugeklebt sind, in den Ausstellungsraum geleitet.

Hier erwartet ihn ein eindrucksvolles Panorama aus zwölf großen, pastellfarbigen Druckfahnen, die in einem Halbkreis gestaffelt im Raum hängen und einen imaginären Rundblick über die Landschaft rund um die Teck vermitteln. Ihr Charakter als künstlerische Einzeldrucke ist nicht nur durch das dicke, handgeschöpfte Büttenpapier erkennbar. Auch sechs der verwendeten Druckplatten aus Kunststoff, denen man noch die Spuren der abgedruckten Motive ansieht, hängen wie eine transparente Raumfolie zwischen den Schaufenstern und dem installierten Panorama. Auf kleinen Druckplatten hinter den Durchblicken der Schaufensterfolie und in die Drucke eingearbeitet sind auch historische Stiche erkennbar, die das Motiv der Teck in Darstellungen vergangener Jahrhunderte zeigen. Diese Kombination macht einen Teil der Vielschichtigkeit dieser Rauminstallation aus: Der Besucher kann hier die Vermischung epochenspezifischer Sehweisen und Darstellungen der Landschaft beim Herumgehen im Ausstellungsraum als eine Verräumlichung von Zeit wahrnehmen.

Anja Klafkis zeitgenössischer Blick auf die Teck wird in seiner Historie als künstlerisches Thema im Ausstellungsraum gleichzeitig verortet, kontextualisiert und relativiert. Vor allem in Deutschland ist der Blick auf die Landschaft von den ersten Aquarellen Albrecht Dürers, den Gemälden der Romantiker bis hin zu den „schuldigen Landschaften“ eines Anselm Kiefer ein kultur- und naturphilosophisches Genre gewesen, das über die Darstellungsweisen hinaus von starker emotionaler Bewegung geprägt war. Von einer solchen Überhöhung oder gar Dramatisierung des Naturverlustes durch die deutschen Romantiker grenzt sich Anja Klafki jedoch eher ab. „Ich empfinde Respekt vor der Landschaft“ sagt die Künstlerin, „ich finde es schwierig, in diesen romantischen Naturbegriff abzudriften“. Ihr geht es eher darum, das heutige, von forst- und landwirtschaftlichen Betrieben geprägte Landschaftsbild in seinen Brüchen darzustellen. Diese Brüche finden ganz direkt Ausdruck in den Graten und Kanten, die ihre Druckplatten im Papier hinterlassen, dem übergangslosen Aneinandersetzen unterschiedlichster Flächen oder der Überlagerung mit grafischen Strukturen, die sie teilweise mit Techniken des Tiefdrucks, teilweise auch mit ganz eigenen freien Setzungen mehrerer, individuell geformter Druckplatten aus unterschiedlichen Materialien erzeugt. Dadurch erinnert ihre Arbeitsweise an das Prinzip der digitalen Bildbearbeitung, in der verschieden transparente Schichten übereinandergelegt werden und durch Überlagerung eine neue, differenzierte und räumlich dynamische Bildwirkung erzielen. Welche Auswirkungen die direkte handwerkliche Arbeit auf die Druckergebnisse hat, wird in Fotosequenzen aus dem Atelier der Künstlerin im hinteren Ausstellungsteil gezeigt.

Neben der Einbindung in den historischen Blick auf die Landschaft wird damit die unmittelbare, geplante und spontane Aktion der Künstlerin im Prozess der Bildfindung als weiterer Aspekt der Ausstellung vermittelt. In zahlreichen Zeichnungen, Notizen und einem kleinen Modell hat die Künstlerin in Zusammenarbeit mit dem Kurator Florian van het Hekke die Kirchheimer Ausstellung präzise vorbereitet. Die anspruchsvollen Möglichkeiten im Erdgeschoss des Kornhauses mit dem quer gestreckten Ausstellungsraum, den Schaufenstern, dem Arkadengang und damit der direkten Verbindung zum städtischen Leben in der Fußgängerzone haben die Künstlerin veranlasst, ihre bisherige, vorwiegend für die Wand produzierten Arbeiten, zu einer mehrdimensionalen Rauminstallation weiterzuentwickeln.

Mit „Land, Stadt, Fragment – Kirchheim unter Druck“ wird die Landschaft VOR der Stadt wieder IN die Stadt zurückgeholt. Die interessante Wirkung dieser wechselseitigen Einflüsse konnte man auch einem Gespräch zwischen zwei der zahlreichen Besucher bei der Eröffnung am Sonntag mithören: „Junge Kunst ist gut für alte Räume und umgekehrt!“