Kirchheim

Die Zeit rast davon

Kabarett Timo Brunke sucht mit seinem aktuellen Programm „Weiter, schneller . . . Huch!“ in der Kirchheimer Stadthalle nach Entschleunigung. Eine Rückkehr in seine „gute Stube“. Von Ulrich Staehle

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Wenn Timo Brunke in der Stadthalle auftritt, so kommt er sozusagen in seine gute Stube. Er erzählt dem erfreulich zahlreichen Publikum, unter dem Freunde und Bekannte sitzen, dass er im Jahr 1983 zum ersten Mal auf der Bühne der Stadthalle gestanden sei - als Fünftklässler. Dort hat er sein Abitur am Schlossgymnasium gefeiert und ein Stück über das Schlossgymnasium aufgeführt. Den Theaterbetrieb lernte er auch bei Theateraufführungen kennen. Der Kulturring hat ihn damals bei den Gastspielen als Kulissenschieber engagiert. Seinen ersten Auftritt als Bühnenkünstler hatte er im November 1993 in der Bastion. Also feiert er mit seinem jetzigen Auftritt sein fünfundzwanzigjähriges Bühnenjubiläum. Der Kulturring hat ihn nun mit seinem Programm „Weiter, schneller . . . Huch!“ eingeladen.

„Die Zeit rast - darf ich fragen, wohin?“, heißt der Refrain des ersten Songs und schlägt damit das Thema an. Brunke merkt, dass ihm die Zeit davonläuft. Er sehnt sich zurück in eine Zeit, in der die Zeit „noch ein Freibad und kein Handwaschbecken“ war, oder, in ein anderes Bild gepackt, wo die Zeit „noch‘n Stadtpark war und kein Pinkelgrünstreifen“. Er jagt deshalb „die Zeit aus dem Haus“. Doch ihm ist klar, dass dies ein erfolgloses Bemühen ist.

Was schafft Abhilfe? Er sucht in der antiken Götterwelt, ob der Stress, eine Folge der rasenden Zeit, durch einen Gott vertreten war. Was hat Brunke mit der Antike zu tun? Er verrät, dass er einmal Latein und sogar Griechisch gelernt hat. Die Suche nach einem Gott des Stresses bleibt erfolglos. Deshalb trägt er einen in hoher hymnischer Sprache formulierten Hymnus auf den unbekannten Gott vor. Allerdings mit der Pointe, dass er vor lauter Stress nicht dazu kommt, den Gott des Stresses gebührend zu preisen.

Wohin man schaut, überall herrscht dieser Gott. Für Brunke ist „der Nachbar das letzte wild lebende Tier“. Mit seinem „Herbstlaubbläser“ macht er einen Höllenlärm, statt wegen der wenigen Blätter einen still arbeitenden Besen einzusetzen. Stress macht auch eine fiktive Eisenbahnfahrt auf der neuen Strecke nach Ulm. Statt schöner Landschaften sieht der Reisende nur kurze Ausblicke, um gleich wieder in einen Tunnel abzutauchen. Und das alles wegen ein paar Minuten Fahrzeit weniger. So bruchstückhaft wie die optischen Eindrücke ist jetzt plötzlich die Sprache.

Was fördert wenigstens eine Entschleunigung der Zeit? Brunke gibt via Songs Ratschläge: „Bleib dran, aber locker.“ Besser noch, man soll die „Augenkamera“ einschalten, um „all die Dinge“ um uns herum aufzunehmen, auch die scheinbar nebensächlichen.

Doch der Drang nach Steigerung war schon immer da. Ikarus stürzte ab, weil er zu hoch hinaus wollte. Heute gibt es bei den Autos keine Luxusgrenze, es wird vergöttlicht. Brunke bietet einen köstlichen satirischen Hymnus auf eine Luxuskarosse im Stil von Goethes „Ganymed“.

Die Konstruktion der Welt

Stress entsteht dadurch, dass die Welt auf Fortschritt programmiert zu schein scheint. Das Bühnen-Ich sucht bei den Physikern eine Antwort auf die Frage nach der Entstehung und der Konstruktion der Welt. Die Vorlesung des Professors ist aber so von unverständlichen monströsen Fachbegriffen überhäuft, dass der Zuhörer nur „Bahnhof“ versteht.

So ganz ungetröstet entlässt Brunke die Zuhörer aber nicht - nicht zufällig hat er einmal Theologie studiert. In einer breiten Schlussnummer breitet er die Facetten seines Themas aus. Als Grundlage wählt er das Märchen vom Wettlauf des Hasen mit dem Igel. Der Hase zieht nach der Niederlage im Wettlauf alle Register der Leistungssteigerung und des Fortschritts, baut z. B. Autobahnen. Doch der Igel ist immer schon da. Erlöst wird der Hase schließlich durch die „Liebe“, die Liebe seiner Gattin.

Brunke ist im Grunde selbst ein Beispiel für Entschleunigung. Er bietet ausgefeilte Kunst mit seiner überragenden Sprachartistik. Er rhythmisiert sein Programm, indem er zwischen Rezitationen und Songs, die er mit dem Akkordeon gekonnt untermalt, abwechselt. Er rezitiert mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten auf einmalige Weise. Trotzdem hat er keine große Karriere angestrebt, sondern bleibt als „Familienmensch“ in der Region, tritt auch noch in Schulen auf und hoffentlich einmal wieder in seiner guten Stube, der Stadthalle.

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