Lokale Kultur

Dieter, der Tiger, ist weg!

AKB-Theatergruppe präsentiert ihr erstes Theaterstück in der Aula der Alleenschule

Dieter, der Tiger, ist weg!
Dieter, der Tiger, ist weg!

Kirchheim. Premierenstimmung in der Aula der Alleenschule: Rund 120 Zuschauer fiebern der Aufführung des Stückes „Der gestohlene Tiger“ der AKB-Theatergruppe Kirchheim

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Monika Riemer

entgegen. Auf der Bühne stehen acht Schauspieler mit und fünf Mitstreiter ohne Behinderung – und ein Tiger.

„Hätten wir gewusst, dass die Knights in der benachbarten Sporthalle ein Spiel haben, hätten wir vielleicht einen anderen Termin gewählt,“ sagt Günter Zogelmann, Regisseur der Theatergruppe des AKB (Aktionskreis für Menschen mit und ohne Behinderung). Aber weitere Theaterfans hätten ohnehin keinen Platz mehr gehabt. Etliche der Zuschauer müssen sogar stehen. – Beste Voraussetzungen also für eine Theaterpremiere.

Für die Gruppe, die sich seit fast sechs Jahren alle zwei Wochen für eine Stunde zum Theaterspiel trifft, ist es die erste richtige Aufführung. Um alle Akteure passend zu ihren Fähigkeiten und Neigungen in das Stück zu integrieren, haben sie das Theaterstück gemeinsam entwickelt. Und wie bei jeder Theatergruppe gibt es im Vorfeld fürchterliches Lampenfieber, erzählt Mitinitiator Hans Brücker. Vorab sei verraten: Alles geht gut, sogar ein bisschen besser als gut.

Aber nun, Vorhang auf! Denn die Schauspieler treffen sich bereits am Bahnhof in Kirchheim, um einen Ausflug in die Stuttgarter Wilhelma zu unternehmen. Der Bahnhof und alle weiteren Bühnenbilder bestehen aus an eine Leinwand geworfenen Fotos und wenigen Requisiten.

Zunächst spielt sich die Truppe warm mit typischen Szenen eines Ausfluges. „Auf welches Tierle freut ihr euch denn am meisten?“ Jeder nennt sein Lieblingstier: „Löwe! Fledermaus! Affen! Spinne!“ Da ist die Freude groß, dass sich Mitspieler und Publikum vor der Spinne grausen.

In der Wilhelma gibt es immer etwas zu sehen. Dann kündet eine Durchsage die Fütterung der Tiger an. Und mit sicherem Abstand beobachten die Besucher, wie ein großer Plüschtiger Fleischstücke aus Stoff vertilgt. Das Tigervesper macht Hunger, und weil in den Rucksäcken neben dem Vesperbrot so viele Süßigkeiten sind, bekommen auch die Zuschauer etwas ab. Doch dem Idyll droht Ungemach: Die Durchsage verkündet den Ausbruch von Dieter, dem Tiger. „Tiger ausgebrochen? Ganz sicher?“, fragt der Kommissar, ein Abbild von Colombo im Trenchcoat. Seine Assistentin lächelt kess ins Publikum, bevor sie sich mit der Lupe auf Spurensuche begibt.

Szenenwechsel: Colombo brütet vor dem heimischen Fernseher mit einer Flasche Wein über dem Fall mit dem fehlenden Tiger. Seine Tochter, Lehrling in der nahen Metzgerei, stört ihn kurz, weil sie seine Erlaubnis für den Discobesuch braucht. Vater zeigt sich kulant und die Party beginnt, mit Glitzer, vibrierenden Bässen und gewagten Tanzeinlagen.

Aber auch wer die Nacht zum Tag macht, muss am nächsten Morgen wieder in der Metzgerei stehen. Und so verkaufen die Tochter und ihre Kollegen nach Aufschnitt und Fleischsalat unglaubliche 20 Kilogramm Fleisch an einen Kunden. Als sie dies in der Mittagspause dem Vater und seiner Gattin erzählt, erkennt Letztere messerscharf einen Zusammenhang zwischen Fleisch und Tiger. Also legen sich Colombo und seine Assistentin im Kühlhaus auf die Lauer und „kucken, was passiert“. Des Rätsels Lösung sitzt im Sessel und sieht aus wie Siegfried oder Roy. Dessen Tiger Dieter, vor Jahren an die Wilhelma ausgeliehen, konnte bloß auf diesem Weg zurück zum alten Besitzer. So einfach ist das manchmal.

Was sich vielleicht als Handlung etwas konfus liest, hat seinen Hintergrund. Hans Brücker erklärt: „Texte auswendig zu lernen, funktioniert bei den wenigsten Akteuren. Wir haben wichtige Elemente wie rhythmische Musik, Tanzszenen und den Tiger. Die Handlung haben wir drum herum gestrickt.“ Die Schlussszene entstand sogar erst wenige Wochen vor der Aufführung. Diese Rechnung ist aufgegangen: Viele komische Szenen sind ungeplant im Spiel entstanden, mit dem Charme des Improvisationstheaters.

So hat das Vergnügen der Zuschauer in erster Linie mit der mitreißenden Begeisterung der Darsteller mit Behinderung zu tun. Sie spielen Theater, aber die Gefühle sind echt, die Freude am Spiel sowieso, und das Publikum kann gar nicht anders, als sich anstecken zu lassen.