Kirchheim

Drei Pianisten heizen ein

Konzert Wem der Winter auf das Gemüt schlägt, für den gab es in der Bastion die perfekte Medizin: Boogie-Woogie – gespielt von Frank Muschalle, Günther Straub und Chase Garrett Von Monika Läufle

Drei Mann an einem Klavier: Die Boogie-Woogie-Pianisten begeistern in der Bastion.Foto: Monika Läufle
Drei Mann an einem Klavier: Die Boogie-Woogie-Pianisten begeistern in der Bastion.Foto: Monika Läufle

Der Winter hatte die Stadt fest in der Hand. In der Bastion war davon nichts zu spüren. Wem vor dem Konzert, stapfend durch den Schnee, noch kalt war, dem wurde gleich beim ersten Stück warm. Ohne große Reden setzten sich die drei Musiker an die zwei Klaviere und zeigten, wie viel Boogie-Woogie in den Klavieren steckt. Das Publikum ließ sich vom ersten Takt an anstecken. Da wippten die Füße, da zuckten die Schultern, da trommelten die Finger, da wackelte der Kopf - stillhalten konnte keiner.

Frank Muschalle scherzte: „Mit dem ersten Stück haben wir bewiesen, dass wir alle angereist sind.“ Muschalle ist ein international gefragter Boogie-Woogie-Pianist und seit fast 20 Jahren regelmäßig Gast in der Bastion. Mitgebracht hatte er zwei weitere Pianisten der Boogie-Szene. Selbstverständlich war nicht, dass alle rechtzeitig auf der Bühne standen. Der eine musste sich durch Schneemassen kämpfen, der andere den Atlantik überqueren. Günther Straub kam aus Österreich angereist, Chase Garrett war von St. Louis eingeflogen.

Abgesehen von diesem ersten „gemeinsamen Beweis“ standen in der ersten Hälfte die solistischen Beiträge im Vordergrund. Nach der Reihe präsentierte jeder Musiker eine Auswahl von Boogie-Woogie-, Swing- und Blues-Stücken. Gespielt wurden Stücke aus den 20er- und den 50er-Jahren, bekannte und selbst komponierte. Und weil Muschalle „alte Schnulzen“ liebt, war auch dies im Repertoire.

Jeder der Musiker hatte seine eigene musikalische Handschrift, seine eigene Spielphilosophie. Der eine spielte sauber und streng, der andere mit mehr Schalk im Nacken. Garrett, der als amerikanischer Shootingstar der Szene gilt, sang sogar bei einigen Stücken. Alle drei Pianisten kamen hervorragend beim Publikum an. Immer wieder gab es während der Stücke Zwischenapplaus und begeisterte Zwischenrufe. Nach jedem Stück applaudierte das Publikum laut und lange, sodass sich jeder Applaus wie ein Schlussapplaus anhörte. Die Musiker hatten sich darauf geeinigt, auf eine elektrische Verstärkung zu verzichten. Die Oberrahmen der Klaviere waren entfernt worden, was die Klaviere lauter machte und zudem einen Blick auf das Innenleben erlaubte. Das wiederum zeigte eindrucksvoll, mit welcher Geschwindigkeit die Musiker in die Tasten schlugen, da man die Hammerköpfe vor- und zurückschnellen sah.

Gut zu hören war auch, wie die Musiker den Takt mit den Füßen vorgaben. Die Musiker wippten dabei so kräftig mit den Füßen, ach was, mit dem ganzen Bein, dass man sich fragte, wie sie es schaffen, nicht dauernd an der Unterseite der Tastatur anzustoßen und ohne blaue Flecke am Knie am nächsten Tag aufzuwachen.

Der zweite Teil des Abends war den Duos gewidmet. Wieder wechselten die Musiker reihum, sodass jeder mit jedem spielte. Gegenseitig stachelten sich die Pianisten an. Da wippten die Füße höher und schneller als zuvor. Zum Finale spielten alle drei wieder gemeinsam. Natürlich ließ das Publikum die Musiker nicht ohne Zugabe gehen. Dazu präsentierten die Pianisten ihre Variante von „Die Reise nach Jerusalem“. Einer saß auf dem Klavierstuhl und spielte, der nächste stand daneben und wartete auf seinen Einsatz. Unvermittelt wurden die Plätze getauscht. Beim Wechsel durfte das Spiel nicht unterbrochen werden, und das Stück musste übergangslos weitergehen. Auch das meisterten die Musiker grandios. Den Abend beendeten sie, indem sie alle auf demselben Klavierstuhl sitzen blieben und damit bewiesen: ein Klavier hätte gereicht. Das Publikum feierte sie dafür.

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