Kirchheim

„Du bist ein Wunder“

Stimmung Lieder und Kurzfilme, die bewegen – die ganz besondere Vesperkirchenkultur in der Thomaskirche Kirchheim kam bei Gästen wie Mitwirkenden super an. Von Sabine Ackermann

Seine Begrüßung zugunsten der vielen Programmpunkte hält Diakon Uli Häußermann bewusst kurz: „Lassen Sie sich überraschen und mitnehmen.“

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Als ob das die Initialzündung war, peilt ein männliches Chormitglied im Laufschritt plötzlich die Bühne an und sorgt für Erheiterung, als er die Kehrtwende macht, als er merkt: Wir sind ja noch gar nicht dran. Besser kann man seine Liebe und Verbundenheit zum „Chor ohne Barrieren“ nicht ausdrücken. „Ja!“, „Dazugehören“, „Mittendrin“ oder „Sie wollen dabei sein“, auf das ein „Sie sollen dabei sein“ folgt.

Es braucht nicht viel, wenn Barbara und Hartmut Ibsch gemeinsam für Drehbuch, Regie und Schnitt zuständig sind. Inklusion heißt der Film zur Einstimmung - so klar und deutlich ihre Aussagen, so freundlich lachend die dazugehörigen Gesichter. Die realen Bilder aus Filmszenen zur ersten Kirchheimer Vesperkirchenkultur bringen es in einer Minute auf den Punkt - das Ehepaar hat einen ganz besonderen Blick für Menschen, egal ob mit oder ohne Handicap. „Du bist ein Wunder“ - nach reiflicher Überlegung stand dieser Titel fest, vier Worte, die sich filmisch und gesanglich wie ein roter Faden durch die liebevoll organisierte Veranstaltung ziehen.

Und dann hat der „Chor ohne Barrieren“ endlich seinen Auftritt. Was für fröhliche Menschen, der Spaß und die Leidenschaft fürs Singen stehen bei jedem Ton im Vordergrund. Berührungsängste? Quatsch. „Ich bin da und du bist da“, schmettern sie mit Stimme und Begeisterung, fordern gemeinsam mit ihrer Chorleiterin die etwa 80 bis 90 Zuschauer zum Mitmachen auf. Schier unmöglich, sich den vor Lebensfreude sprühenden Darbietungen zu entziehen - allen voran das Energiebündel Andrea Wahl, die mit ihrem dynamischen Singkreis stetig auf Augenhöhe ist und alles rauskitzelt. Gut gelaunt heißt es „Kanon-Singen macht Spaß“, und auch die Ethno-Stücke aus Westafrika wie „Göttin des Ozeans“ oder indianisch anmutende Töne kommen prima an. Gerade die exotischen Klänge animieren die Zuschauer zum Mitmachen. Es wird nach Herzenslust gesungen und getanzt. Verstecken nutzlos, die Chormitglieder finden alle, und gelegentlich wird gedrückt und geknuddelt.

Ein kleines Manko: Leider liegen keine Texte zum Mitsingen aus und die etwas trist wirkende Beleuchtung passt nicht wirklich zu der fidelen Gesangsgruppe. Gleichfalls schade, dass man Besucher unter 50 mit der Lupe suchen muss.

Der inklusive Charakter blitzt als Kerngedanke sowohl in den insgesamt sechs Ibsch-Kurzfilmen als auch in den vielfältigen Liedern auf. Klug durchdacht, der stetige Wechsel von Augenkino und Ohrenschmaus - wobei vieles irgendwie fließend ineinander übergeht.

„Vorhang auf für Laura“ - bei der Zeitreise vom „Urknall bis zur Gegenwart“ ging es um ein Theaterprojekt der Bodelschwingh­schule und der Albert-Schäffle-Schule in Nürtingen. Ein Besuch auf dem Viehmarkt im Oman oder das oberlustige „Aipmylo“ - was richtig gelesen „Olympia“ heißt - offenbaren die vielseitige Kreativität der Filmmacher. Was für eine herzerfrischende und schräge Idee, gewöhnlichen Wassersport „normaler“ Menschen unterschiedlichen Alters mit Poolnudeln, Schwimmbrettchen oder Köpper im Dettinger Hallenbad in Olympische Disziplinen umzumünzen.

Der Basler „Morgestreich“ - auch bekannt unter „Die drey scheenschte Dääg“ - ist eine völlig andere Fasnacht, in der Masken, Trommeln, Pauken und Konfetti eine Rolle spielen. „Entstehen - Vergehen“ - ungewöhnlich, nachdenklich und spannend zugleich der Versuch, mittels einer am Computer geschaffenen Figur, die als Animation durch reale Szenen geistert, dem Sinn des Lebens nachzuspüren. Und last but not least gab es noch eine genervte Filmemacherfrau, die in „Mensch Mann!“ das Publikum zum „Zeugen eines Stoßseufzers“ macht. „Das ist was ganz anderes, locker und nett“, findet Helga-Margarethe Kraft aus Weilheim, und Johann Steffl aus Ohmden lobt: „Bemerkenswert, wie das Ehepaar Ibsch das rüberbringt.“ Beide gehören zum Mitarbeiterstamm der Vesperkirche.

Filmemacher-Ehepaar Hartmut und Barbara Ibsch, Chorleiterin ­Andrea Wahl und der Pianist Michael Holder (von links) zeigten sich
Filmemacher-Ehepaar Hartmut und Barbara Ibsch, Chorleiterin ­Andrea Wahl und der Pianist Michael Holder (von links) zeigten sich glücklich über die Resonanz. Fotos: Sabine Ackermann

Über die Programmgestalter

Der „Chor ohne Barrieren“ ist 2014 aus einem Kooperationsprojekt der Lebenshilfe und der Musikschule entstanden und begeistert unter der Leitung von Andrea Wahl mittlerweile bei acht bis zehn Auftritten pro Jahr. Die über 30 Sängerinnen und Sänger - je zur Hälfte mit und ohne Behinderung - im Alter von 11 bis Mitte 70 waren im März als „Vorzeigeprojekt“ zu einem Auftritt ins Paul-Löbe-Haus in Berlin eingeladen.

Gemäß dem Motto „Musik verbindet“ laden die Kooperationspartner Menschen mit und ohne Handicap jeden Dienstag von 17.30 bis 18.30 Uhr zum gemeinsamen Musizieren mit dem Chor ein. Weitere Infos gibt es unter der Nummer 0 70 21/9 70 66-16.

Wer den „Chor ohne Barrieren“ noch mal hören möchte, hat am Samstag, 16. Februar, Gelegenheit dazu. Das Kirchheimer Mitmachkonzert beginnt um 18 Uhr im Alten Gemeindehaus in Kirchheim. Der Eintritt ist frei.

Das Ehepaar Barbara und Hartmut Ibsch aus Kirchheim haben mit ihren selbst gedrehten und geschnittenen Filmen schon viele Preise im Amateurbereich gewonnen. Darüber hinaus engagiert sich Barbara Ibsch ehrenamtlich bei der Lebenshilfe und beim gemeinnützigen Verein „buefet“. ack