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Durchwachte Nacht spannender Erzählungeninfo

Iris Lemanczyk und Tino präsentieren ihren ersten gemeinsamen Erzählband „Stern über Afrika“

Iris Lemanczyk hat mit ihrem Kollegen Tino das Buch „Stern über Afrika“ geschrieben.Foto: Jean-Luc Jacques
Iris Lemanczyk hat mit ihrem Kollegen Tino das Buch „Stern über Afrika“ geschrieben.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Wer einmal vom Afrika-Bazillus infiziert wurde, muss damit rechnen, von diesem faszinierenden Kontinent nie wieder loszukommen. Das gilt für die in Kirchheim geborene Kinder- und Jugendbuchautorin

Iris Lemanczyk genauso wie für ihren Kollegen Tino, der sich von seinem bürgerlichen Familiennamen getrennt hat, weil Kinder den sich – seiner Meinung nach – ohnehin nicht merken könnten.

Die gute Idee, gemeinsam ein Buch zu schreiben, war beim Blick auf ihre vielen Gemeinsamkeiten schnell geboren. Die Umsetzung des Projekts hat sich dann aber doch etwas hingezogen. Da die gemeinsame Arbeit beiden rückblickend viel Spaß machte und das Ergebnis des jetzt in Buchform vorliegenden „Testlaufs“ zweifellos überzeugen kann, ist es durchaus möglich, dass sie noch weitere Erinnerungen über ihre Erfahrungen in Afrika zusammentragen und gemeinsam publizieren werden.

Nicht auszuschließen ist, dass sie sich vielleicht für einen möglichen Folgeband auch überlegen könnten, was sie sich und vor allem ihren jungen Leserinnen und Lesern über Indien zu erzählen hätten, das sie ebenfalls beide schon intensiv bereist haben – wie auch viele andere inte­ressante Ecken auf der Erdkugel.

In ihrem beim Berliner Horlemann Verlag erschienenen Buch mit dem Titel „Stern über Afrika“ präsentiert die bekannte Kirchheimer Autorin Iris Lemanczyk gemeinsam mit ihrem in Augsburg geborenen und in Karlsruhe lebenden „Lieblings-Kinderbuchautor Tino“ eine Geschichtssammlung, die durch eine geschickt gestrickte Rahmenhandlung überzeugend realitätsnah zusammengehalten wird und die neugierigen Leser zunächst auf eine Safari nach Kenia entführt.

Dass ein Pick-up von einem Nashorn angegriffen wird, geschieht auch dort natürlich nicht alle Tage. Dass ein Auto nach einer rasanten Fahrt abseits der Piste irgendwann mit irreparablem plattem Pneu und ohne weiteres Reserverad strandet, ist dagegen absolut alltäglich.

Für den Fahrer des Safari-Trucks, Joseph Omondi, ist es eigentlich nichts Ungewöhnliches, dass er wieder einmal in der Wildnis nächtigen und darauf hoffen muss, am nächsten Morgen Hilfe zu bekommen und einen neuen Reifen organisieren zu können. Langweilig kann es dieses Mal nicht werden, denn neben Akim und Nango sind auch noch Juli, Francois und Michael an Bord. Sie nutzen daher die unfreiwillig unter dem faszinierenden Sternenhimmel Afrikas verbrachte Nacht dafür, sich gegenseitig lauter selbst erlebte Geschichte aus unterschiedlichen Ländern eines Kontinents „zu schenken“, in dem das Erzählen eine lange Tradition hat und daher auch entsprechend hohes Ansehen genießt.

Den beiden weit gereisten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren gelingt es dabei sehr gut, unterschiedlichste Facetten dieses voller Widersprüche und Kontraste steckenden Kontinents in eine stimmige Handlung zu packen, die weit weg ist von den in Hochglanzbildern transportierten Afrika-Klischees, die oft das genau deshalb nicht immer gut funktionierende Zusammenleben von Europäern und Afrikanern bestimmen.

Die geschickt gleich am Anfang platzierte Erzählung aus Marokko spielt genau mit diesen auf beiden Seiten reichlich vorhandenen Vorurteilen und Ressentiments, die es wert sind, immer wieder ins Bewusstsein gerückt zu werden, ohne in sperrige Gebrauchsanleitungen für den Umgang miteinander zu münden.

Die „Im Labyrinth von Fes“ spielende Geschichte von „Tino“ ist ein gelungener Einstieg in die Welt der kursierenden Vorurteile, die das stolze Frankreich noch immer mit seiner einstigen Kolonie Marokko eng verbindet. Trotz der geringen Entfernung ist aber auch schon in Marokko alles ganz anders als in Europa.

In „Bahr bela ma – Schriftzeichen im Wüstenbild“ befasst sich Iris Lemanczyk einmal mehr mit dem für die Zukunft Afrikas so ungemein wichtigen Thema Bildung. Während hierzulande einmal mehr hitzige Diskussionen darüber geführt werden, ob nun G 8 oder G 9 die bessere Lösung ist, hat der afrikanische Kontinent ganz andere Sorgen.

Hier muss die schwere Frage gelöst werden, wie Bildung und die darauf angewiesenen Zielgruppen überhaupt zusammengebracht werden können. Wie das im Einzelfall jeweils aussehen kann, hat Iris Lemanczyk in ihrem höchst erfolgreichen Erstling „Mein Lehrer kommt im Briefumschlag“ schon facettenreich vorgestellt. In „Stern über Afrika“ erzählt sie jetzt aktuell die Geschichte eines Tuareg-Mädchens, das in der Abgeschiedenheit der großen Wüste praktisch keine Chance hat, in einer zudem von Männern dominierten Welt ihren Bildungshunger zu stillen, sich zuletzt aber doch über das Geschenk eines unbezahlbar wertvollen regulären Unterrichts freuen kann.

Abenteuerlich geht es dann auf dem rauschenden Sambesi „Zwischen Flusspferden und Elefanten“ zu, die in ihrer Gefährlichkeit meist völlig falsch eingeschätzt werden. Auch wenn den mächtigen Elefanten zu Recht immer größter Respekt entgegengebracht wird und sich Safari-Teilnehmer gemeinhin auch immer ganz besonders stark vor Raubkatzen und Giftschlangen fürchten, kommen tatsächlich Jahr für Jahr in Afrika mehr Menschen durch Flusspferde ums Leben als durch irgendeine andere Tierart.

Mit den tödlichen Folgen gnadenloser Hetzjagden befasst sich das Kapitel „Hasenjagd“, das fragwürdige Jagdszenen in Namibia beleuchtet und den „heroischen Kampf“ zwischen hoppelnden Hasen und den sie per vierradgetriebenem Auto verfolgenden Häschern beschreibt.

Ein besonders düsteres Kapitel schlägt Tino mit der von Kindersoldaten handelnden Geschichte „Lauf. Akim!“ auf, die die Leser – in einer für die Zielgruppe Kinder- und Jugendliche angemessenen Form auch mit den Gräueln von Krieg und Vertreibung konfrontiert.

Mit „Eine Flötenakazie für Serah“ führt Iris Lemanczyk die jungen Leser wieder nach Kenia zurück. Bevor dort die Rahmenhandlung der gestrandeten Geschichtenerzähler mit einem Überraschungsbesuch endet, erzählt sie aber noch die authentische Geschichte der schweren Kindheit und Jugend einer später sehr erfolgreichen kenianischen Langstreckenläuferin, die nie aufgegeben hat und eines Tages als wahres Laufwunder entdeckt und entsprechend gefördert wurde.

Stern über Afrika – Iris Lemanczyk & Tino. Horlemann Verlag, Berlin.

112 Seiten, broschiert. 9,90 Euro.

ISBN 978 - 3 - 89505 - 353 - 8.

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