Kirchheim

Ein bisschen Harlem in Kirchheim

Konzert Bernd Lhotzky sorgte für einen jazzigen und entspannten Abend in der Bastion. Bei seinem Konzert spannte er einen musikalischen Bogen von Cole Porter über Wagner bis zu Eigenkompositionen. Von Monika Läufle

Bernd Lhotzky gilt als einer der besten Harlem-Stride-Jazzpianisten.Foto: Monika Läufle
Bernd Lhotzky gilt als einer der besten Harlem-Stride-Jazzpianisten. Foto: Monika Läufle

Ein Mann, ein Klavier, ein Hocker - mehr braucht es nicht. Das bewies Bernd Lhotzky in der Bastion. Der Jazzpianist trat auf die Bühne, ließ lediglich ein kurzes „Hallo“ hören und fing ohne weitere Umschweife an zu spielen. Das Stück „You‘d be so nice to come home to“ von Cole Porter hatte er extra als Anfangsstück ausgesucht, erzählte er im Anschluss. Er war vor sieben Jahren schon einmal für einen Auftritt nach Kirchheim gekommen. Da es ihm hier so gut gefallen hatte, wählte er ein Stück, in dem es ums Nachhausekommen geht.

Wagner und Jazz?

Auf dem Programm standen Stücke von den Pionieren des Harlem Strides, eines Musikstils, der im New York der 20er- und 30er-Jahre sehr populär war und es Lhotzky angetan hat. Heute gilt der 49-Jährige als einer der kompetentesten Vertreter dieses Stils. Man brauchte ihm nur zuzusehen, um das zu glauben. Bei ihm sah das Klavierspielen so mühelos aus, sodass man leicht vergessen konnte, welch anspruchsvolle Technik dahintersteckt. Mal wanderten seine Finger sanft über die Tasten, dann hüpften sie, und dann zeigte er, was mit dem Ausspruch „in die Tasten hauen“ gemeint ist. Die entspannte und unaufgeregte Art des Pianisten schwappte schnell auf das Publikum über. Zwar hätten gut und gerne noch mal so viele Zuschauer in die Bastion gepasst, doch die Begeisterung der rund 40 Gäste machte die leeren Sitze wett. Die Zuhörer wippten und schnippten fleißig mit, lachten bei den Anekdoten, lauschten aufmerksam und spendeten begeistert Applaus.

Dass man jedes Stück jazzig spielen kann, bewies er, als er ein Wagner-Stück anstimmte. Die ersten Takte spielte er klassisch brav, bevor er eine Jazz-Version da­raus machte. „So würde ich Wagner gern öfter hören“, meinte einer der Zuhörer. Ebenfalls einen jazzigen Anstrich verlieh er dem Stück „Somewhere over the rainbow“. Das Stück wurde für den Film „Der Zauberer von Oz“ geschrieben und ist bis heute, 80 Jahre, nachdem der Film in die Kinos kam, immer noch sehr beliebt. Dabei wäre das Lied von den Filmproduzenten fast abgelehnt worden, wusste Lhotzky zu berichten. Die Begründung: zu kitschig. „Uns ist es gerade kitschig genug“, schmunzelte er. Auch eine eigene Komposition brachte er mit. Diese war, wie er zugab, aus der Not heraus geboren. Als ihm einfiel, dass seine Frau am kommenden Tag Geburtstag hatte, war es zu spät, noch etwas zu kaufen. Um nicht mit leeren Händen dazustehen, komponierte er über Nacht ein Lied für sie. Ihr schien es zwar gefallen zu haben, im Jahr darauf wünschte sie sich dennoch etwas nicht Selbstgemachtes, erzählte er mit verschmitztem Lächeln.

Lhotzky ging beim Spielen ganz in seiner Musik auf. Nicht selten schloss er die Augen und summte mit. Wie sehr er seine Musik liebt, trat auch in anderen Momenten des Konzerts zutage, etwa, wenn er Anekdoten von den von ihm gespielten Komponisten erzählte und beim Erzählen selbst da­rüber lachen musste. So gab einer von den Harlem-Strides-Pio­nieren den Barpianisten in den 20er- und 30er-Jahren den Tipp, vor einem Auftritt eine Büchse Sardinen zu essen. Der Grund: Durch das Öl würde man mehr Alkohol vertragen, sodass man Whiskey statt Bier trinken könne. Der Vorteil: Weniger Flüssigkeit heißt, weniger aufs Klo zu müssen, was die Gefahr minimiere, dass ein anderer Pianist den Platz besetzt. Diese Gefahr bestand in der Bastion nicht. Ganz im Gegenteil: Am Tag darauf trat Lhotzky gleich nochmals in der Bastion auf. Dieses Mal nicht alleine, sondern als vierköpfige Swing-Formation.

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