Lokale Kultur

Ein „Concerto“ zum guten Schluss

Kirchheims Stadtmusikdirektor Harry D. Bath verabschiedet sich nächsten Samstag in den Ruhestand

Kirchheim. Nach 38 Jahren am Pult der Kirchheimer Stadtkapelle verabschiedet sich Harry D. Bath in den

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Andreas Volz

Ruhestand. Am Samstag, 24. März, dirigiert er mit dem „Concerto“ in der Kirchheimer Stadthalle sein Abschiedskonzert. Beginn ist um 19.30 Uhr. Im Mittelpunkt des Programms stehen fünf Sätze aus Johan de Meijs Komposition „Herr der Ringe“.

Als Harry D. Bath im Januar 1974 sein Dirigentenamt von Musikdirektor Hermann Weber übernommen hatte, wurde er im Teckboten vorgestellt als „der 26-jährige blonde Musiker mit dem offenen Blick und dem englischen Akzent in seinem sonst recht ordentlichen Deutsch“. Vom blonden Haar ist 38 Jahre später nicht mehr sonderlich viel geblieben. Aber den englischen Akzent hat er sich bis heute bewahrt, er ist eines seiner Markenzeichen. Schwierigkeiten hatte er nie damit. Weder habe er sich als Engländer in Deutschland Anfeindungen ausgesetzt gesehen, berichtet er, noch habe er sich in England dafür verteidigen müssen, dass er Deutschland zu seiner Wahlheimat erkoren hat.

Der Beruf war es einst, der ihn nach Deutschland geführt hatte. Die Liebe war es, die ihn bleiben ließ. Musik bestimmte das Leben von Harry D. Bath schon von Kindesbeinen an. Nur die Instrumente wechselten im Lauf der Zeit. Anfangs spielte der „Pompey“ aus Portsmouth Akkordeon. Mit 15 kam er dann an ein musikalisches Internat. Militärmusik war angesagt, und da sind vor allem Blasinstrumente gefragt. Von der Klarinette stieg Harry Donald Bath schnell auf die Oboe um. Sie wurde zu seinem eigentlichen Instrument während seiner Ausbildungszeit. Inzwischen aber hat er die Oboe längst gegen das Saxofon eingetauscht.

Nach dem Studienabschluss an der „Royal Military School of Music, Kneller Hall“ kam Harry D. Bath als Militärmusiker nach Osnabrück. Von dort führte ihn eine Konzertreise nach Wernau, und Wernau sollte die entscheidende Weichenstellung bringen. Dort lernte er seine Frau Marianne kennen, und dort begann seine Musikerkarriere außerhalb der militärischen Laufbahn. Dazu musste er sich erst einmal selbst freikaufen, um seinen Vertrag nach insgesamt neun Jahren vorzeitig beenden zu können.

Ein paar Jahre später hat er sich doch noch einmal der Militärmusik gestellt, bei einer Externenprüfung am „Associate Royal College of Music“ in London. Von den Externen fallen etwa 90 Prozent bei der Prüfung durch, erzählt Harry D. Bath, der seinerseits das harte Examen auf Anhieb und mit Bravour bestanden hat. Eine Aufgabe bestand darin, die Kapelle der Grenadier Guards zu dirigieren. Das Stück, das er dirigieren sollte, bekam er erst wenige Minuten vorher zu sehen.

Die Grenadier Guards sind eines der königlichen Leibregimenter mit mehr als 350-jähriger Tradition. – Eine nicht ganz so lange, aber dennoch beeindruckende Tradition hat auch die Stadtkapelle Kirchheim aufzuweisen. Immerhin besteht sie in dieser Form schon seit 1832, also seit 180 Jahren. „Ich bin seit damals erst der achte Dirigent, und der zweite seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Das Einreihen in Traditionen hat Harry D. Bath, der sich seit 1991 auch mit dem Titel eines Kirchheimer Stadtmusikdirektors schmücken darf, aber nicht daran gehindert, auch neue Wege zu beschreiten. Zunächst einmal hat er gleich 1974 damit begonnen, eine schlagkräftige Jugendkapelle aufzubauen. Noch heute wundert er sich über den Erfolg der ersten Werbeaktion: „Ich hätte vielleicht mit zehn Kindern gerechnet, aber da kamen gleich beim ersten Mal 65 Kinder.“ Vier davon sind bis heute ununterbrochen dabei.

Nach und nach hat Harry D. Bath damit begonnen, die Mitglieder der Jugendkapelle in die Stammkapelle zu übernehmen. Das war nicht immer ganz leicht für altgediente Musiker, sich mitunter vom jungen Nachwuchs überflügelt zu sehen. Ebenfalls nicht ganz leicht war für einige die Umstellung, die Harry D. Bath 1987 nach einem Wertungskonzert in Tübingen vorgenommen hat: von der herkömmlichen Blasmusik zur sinfonischen Blasmusik.

Außer seiner Tätigkeit in Kirchheim hat Harry D. Bath auch diverse andere Musikkapellen geleitet: Wernau, Notzingen-Wellingen, Dettingen/Erms, Walddorfhäslach oder auch das Landesblasorchester Baden-Württemberg. Deshalb legt er den Taktstock auch noch nicht endgültig aus der Hand, wenn das Abschiedskonzert nächsten Samstag über die Bühne gegangen ist. Ähnliches gilt auch für seine Lehrtätigkeit an der Musikschule, die von Anfang an zu seinen Kirchheimer Dienstverpflichtungen gehört hat. Auch hier wird er nicht abrupt aufhören, sondern etliche Schüler weiterhin unterrichten.

Die Verantwortung am Pult der Stadtkapelle gibt er nach 38 Jahren gerne weiter, betont Harry D. Bath, zumal die Nachfolge zu seiner Zufriedenheit geregelt ist. „Fast alle, die einen Namen hatten, sind Schlange gestanden“, freut er sich über diese besondere Anerkennung für seine Arbeit und für die Stadtkapelle. Das Rennen habe schließlich Marc Lange aus Heilbronn gemacht, ohne dass sich Harry D. Bath in das Auswahlverfahren groß eingemischt hat. Trotzdem hat er die Suche nach seinem Nachfolger genau beobachtet. Und er ist mehr als zufrieden. Sein lapidarer Kommentar zu Marc Lange ist zugleich das größtmögliche Lob: „Das ist ein guter Mann.“

Was Harry D. Bath von seiner Tätigkeit am eindrücklichsten in Erinnerung bleibt, das sind die Reisen mit der Jugendkapelle. Viele völkerverbindende Freundschaften seien dabei entstanden. Von einer Reise in die USA hat er eine nette Anekdote mitgebracht: In einer kirchlichen Schule für Mädchen in Ohio gab die Kapelle ein beeindruckendes Konzert, unter anderem mit einem besonderen Klarinettensolo. Am Ende wollte der Dirigent noch ein Gastgeschenk überreichen und fragte die Mutter Oberin höflich: „Dürfen wir Ihnen zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Abend noch etwas hierlassen?“ Von hinten schrie eines der begeisterten Mädchen: „Den Klarinettenspieler!“

Nächsten Samstag wird Harry D. Bath nicht nur einen Klarinettenspieler auf der Bühne der Stadthalle zurücklassen, sondern die Jugendkapelle mitsamt der Stammkapelle.