Kirchheim

Ein Kapitel geht zu Ende

Schluss Weil der Mietvertrag nicht mehr verlängert wurde, muss Karin Pflüger die Kirchheimer Postplatz-Apotheke aufgeben. Über deren 60-jährige Geschichte kann eine Mitarbeiterin der ersten Stunde berichten. Von Andreas Volz

Für Karin Pflüger (links) und ihre Mitarbeiterin Hilde Gutberlet geht mit der Schließung der Postplatz-Apotheke in Kirchheim zug
Für Karin Pflüger (links) und ihre Mitarbeiterin Hilde Gutberlet geht mit der Schließung der Postplatz-Apotheke in Kirchheim zugleich auch das Berufsleben zu Ende. Foto: Carsten Riedl

Am Schalttag endet ein Stück Kirchheimer Geschichte: Die Postplatz-Apotheke schließt ihre Pforten - gut 60 Jahre nach der Eröffnung. Apothekerin Karin Pflüger hätte zwar gerne noch ein paar Jahre weitergemacht, aber sie hatte jetzt keine andere Wahl: „Der Mietvertrag ist Ende Dezember ausgelaufen. Er ließ sich nur um zwei Monate verlängern.“ Deshalb ist am Samstag Schluss, dann sind auch diese zwei Monate vorbei. Zur weiteren Verwendung von Gebäude und Grundstück sagt Karin Pflüger lediglich: „Das Haus steht wohl zum Verkauf.“

Die Arbeit wird ihr fehlen, meint die Apothekerin, die ihren Beruf 18 Jahre und sieben Monate lang selbstständig am Postplatz ausgeübt hat: „An die Zeit ohne Apotheke und ohne meine Kunden muss ich mich erst gewöhnen.“ Richtig hart werde es, wenn tatsächlich der tägliche Betrieb und der tägliche Umgang mit den Leuten - vor allem mit den Stammkunden - fehlen. „Es tut mir leid, meinen Beruf nicht mehr ausüben zu können. Aber mit über 60 Jahren ist es auch legitim, aufzuhören.“

Sich bewusst zu machen, dass alles irgendwann einmal endet, ist ein wichtiges Mittel, die aufkommende Wehmut zu bekämpfen. „Wir sind alle ersetzbar“, sagt Karin Pflüger deswegen immer wieder, bevor sie neuerlich in Erinnerungen schwelgt: „Ich war gerne in den Räumen hier.“ Spätestens wenn sie zur Tür hereingekommen ist, war sie voll da - das heißt, voll bei der Arbeit, voll in ihrem Element. Alles andere war in dem Moment vergessen.

Jetzt geht ein Kapitel zu Ende, auch für Karin Pflüger persönlich: „So manche Nacht habe ich hier mit Nachtdienst verbracht“, erzählt sie und lässt den Blick durch ihre Apotheke schweifen, die es nicht mehr lange geben wird. „Besonders leid tut mir‘s, dass ich dann nicht mehr dazugehöre zu der Gemeinschaft hier in der unteren Max-Eyth-Straße. In all den Jahren war das hier eine wirklich schöne Zusammengehörigkeit.“

Mitten im Gespräch kommt dann wieder die Erinnerung an die Realität: Eine Stammkundin kommt, und Karin Pflüger fragt pflichtgemäß, ob sie die Kundendaten löschen soll oder ob sie sie an eine andere Apotheke weitergeben darf. Löschen ist aber nicht immer so schnell möglich: Für die unterschiedlichsten Unterlagen gelten die unterschiedlichsten Aufbewahrungsfristen. Jede einzelne Rechnung muss bis zu zehn Jahre später noch vorgelegt werden können. Die längste Frist gilt für Arzneimittel, die dem Transfusionsgesetz unterliegen: In diesem Fall muss die Dokumentation 40 Jahre lang aufbewahrt werden - wo auch immer. Nur eines ist sicher: An der Stelle, an der es 60 Jahre lang diese Apotheke gab, werden die Dokumente auf keinen Fall verwahrt. Das wäre nur möglich, wenn der Betrieb an gleicher Stelle weitergehen könnte.

Seit 1964 mit an Bord

Fast von Anfang an ist Hilde Gutberlet eng mit der Apotheke verbunden: 1964 hat sie mit knapp 17 Jahren ihre Lehre als Helferin begonnen. Den Goldenen-Adler-Saal gab es damals nicht mehr, das Stadtkino war aber schon da. Interessant ist, wie eng die Geschichte der Apotheke mit der Geschichte der Verkehrsinfrastruktur verbunden ist: „Als hier noch der Bahnhof war, sind viele unserer Kunden mit dem Zug gekommen.“

Eine weitere gravierende Veränderung war die Umgestaltung der unteren Max-Eyth-Straße zur Fußgängerzone vor etwa zehn Jahren. Langjährige Stammkunden, die immer mit dem Auto vorgefahren waren, blieben dauerhaft weg. Dafür kamen plötzlich viele neue Kunden zu Fuß. „Dadurch hat sich 30 bis 40 Prozent unserer Kundschaft ausgetauscht“, schätzt Apothekerin Karin Pflüger.

Schräg gegenüber lag viele Jahre lang das alte „Fass“. Hilde Gutberlet erinnert sich auch daran noch gut: „Da sind wir oft rübergegangen. Zum Mittagessen gab es damals Essensmarken von den Chefs.“ Einer ihrer prägendsten Chefs war sicher der legendäre Eo Kröger: „Von ihm habe ich viel gelernt. Er war ein toller Mensch, und es war eine wunderbare Zeit, mit ihm zusammenzuarbeiten.“ Es war die Zeit, als Eo Kröger im „Nebenberuf“ ganz andere Legenden nach Kirchheim geholt hat, in die Bastion - Legenden wie Reinhard Mey oder Hannes Wader.

Die heutige Arbeit in der Apotheke habe nicht mehr viel mit ihrer Anfangszeit zu tun, stellt Hilde Gutberlet fest: „Früher war es mehr Apotheke, heute ist es nur noch Verkauf.“ Die Zeiten, in denen man noch selbst Pillen oder Teemischungen hergestellt hat, sind längst vorbei: „Das wäre heute ja auch viel zu teuer.“ Was auch abgenommen hat, ist das Rätselraten über den Inhalt handgeschriebener Rezepte. Die gibt es kaum noch. Auch da kommt Wehmut auf - trotz der Erleichterung, die Computer und Drucker auf diesem Gebiet gebracht haben.

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