Kirchheim

Ein Leben zwischen Fels und Gondel

Theater Die WLB setzt in der Kirchheimer Stadthalle einen Seethaler-Roman dramaturgisch um.

Kirchheim. Robert Seethaler gehört zu den Autoren, deren Bestsellerstatus nicht mit qualitativen Abstrichen erkauft ist. Jüngst mit einer Elegie auf Gustav ­Mahler hervorgetreten, kultiviert er eine ebenso einfache wie kunstvolle Prosa. Seine Texte rühren an, ohne kitschig zu sein. Sie handeln von Außenseitern, in denen Leser sich wiederfinden können. Eine solche fragile Balance von Poesie und Schlichtheit in einen dramaturgischen Bogen zu überführen, ist ein Kunststück für sich. Eines, das der Württembergischen Landesbühne in ihrer Adaption von Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“ vollauf gelungen ist.

Bei der Wiederaufnahme der Theaterreihe des VHS-Kulturrings nach der Zwangspause konnten die Besucher in der Kirchheimer Stadthalle einen beglückenden Theaterabend erleben. Schon das Bühnenbild schien den Geist von Seethalers Prosa zu atmen. Links ein Fels, rechts eine Seilbahngondel. Mehr braucht es nicht, um die Pole zu markieren, zwischen denen sich das Leben von ­Andreas Egger bewegt, dem das Stück nachspürt.

Um 1900 geboren, verbringt Egger eine lieblose Kindheit auf einem Bergbauernhof. Seine Körperkraft ermöglicht ihm eine bescheidene Unabhängigkeit als Handlanger, bevor er sie für den florierenden Seilbahnbau in den Dienst des Fortschritts stellt. In Marie lernt er die Liebe seines Lebens kennen, die ihm jäh durch ein Lawinenunglück wieder entrissen wird. Trotz seines physischen Defekts - infolge der Misshandlungen in jungen Jahren zieht Egger ein Bein nach - findet er sich als Soldat am Kaukasus wieder und gerät in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die Nachkriegsgesellschaft bleibt dem Heimkehrer fremd, obschon auch er sich inmitten des Wirtschaftswunders einzurichten weiß. Die strömenden Bergtouristen sichern ihm ein Auskommen als Fremdenführer. Seinen Lebensabend bringt er in einfachsten Verhältnissen zu. Und obwohl Egger manchmal eine ihm unbegreifliche Sehnsucht anwandelt, kann er in Ruhe auf sein Leben zurückblicken: „Vieles war unerreicht geblieben oder ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war noch da.“

Ihn interessiere der Kern des Daseins, sagt Seethaler. Ziehe man an einer Biografie all dasjenige ab, das nicht wirklich die Seele berühre, bleibe nichts als das pure Leben: „Da geht es immer nur um dasselbe: ums Überleben, um Liebe, um Kraft, um Tod.“ Und so, wie sie Seethalers Text einen szenischen Körper bereiteten, wussten die drei Schauspieler auch diese existenziellen Parameter in die Darstellung zu heben. Christian A. Koch, Cathrin Zellmer und Wolfram Karrer, mit seinem Akkordeon fungierte Letzterer zudem als Bühnenmusiker, gaben der äußeren wie der inneren Biografie Eggers Kontur. Dabei folgten sie dem ästhetischen Ideal des Romans, szenische Episoden mit kurzen, präg­nanten Strichen zu zeichnen, und enthielten sich eines psychologisierenden Zugriffs. Die Intention von Marcus Grube, der gemeinsam mit Stephanie Serles für die Dramaturgie verantwortlich zeichnet, die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erfahrbar zu machen, ging auf. Eggers stoisch duldender Charakter stand als derjenige Fels auf der Bühne, an dem die Wogen des Fortschritts sich brechen und dessen Unerschütterlichkeit den Zeitgeist infrage stellt. Eine Aufführung, deren Substanz nachwirkt und vom Kirchheimer Publikum mit herzlichem Applaus belohnt wurde.Florian Stegmaier

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