Kirchheim

Ein Leben zwischen großem Abenteuer und Kleintierzucht

Neuerscheinung Karl Buck hat nach umfangreichem Quellenstudium eine „bebilderte Biografie“ Wolf Hirths verfasst.

Kirchheim. Karl Buck legt wieder ein umfangreiches Werk zur Geschichte des Segelflugs vor: Zehn Jahre nach „Luftfahrt an der Teck“ ist sein Band „Wolf Hirth - Rennfahrer, Segelfliegerlegende, Flugzeugkonstrukteur, Unternehmer“ erschienen. Das Buch ist ein Muss für alle, die dem Segelflug verbunden sind. Aber auch unabhängig von technischen und fliegerischen Details ist das Leben Wolf Hirths spannend genug, um ein größeres Lesepublikum anzusprechen.

Die Geschichte der Luftfahrt verzeichnet viele Todesopfer, auch unter Wolf Hirths Fliegerkameraden. Er selbst dagegen übersteht sechs Flugunfälle, teils mit schweren Verletzungen. Dazu kommen ein schwerer Autounfall 1946 und der Motorradunfall von 1925, der ihn das linke Bein kostet. Erstaunlich, dass Wolf Hirth sich anschließend ohne Bedenken sofort wieder auf Motorräder und in Flugzeuge setzt. Erstaunlich auch, dass er am 25. Juli 1959 zwar bei einem Absturz in Dettingen ums Leben kommt, dass aber die Ursache dafür nicht das Fliegen ist, sondern ein Herzinfarkt, den er während seines letzten Flugs erleidet.

Viele Preise und Rekorde hat Wolf Hirth errungen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war er auf fast allen Kontinenten unterwegs - mit Motor- und Segelflugzeugen. 1930 löst er Verkehrsstaus in New York aus, noch bevor er seinen angekündigten Segelflug über Manhattan antritt. 1934 geht es nach Brasilien und Argentinien. Ziel der Expedition, zu der noch eine weitere Fliegerlegende gehört - Wolf Hirths einstige Flugschülerin Hanna Reitsch -, ist es, den Segelflug auch in Südamerika voranzubringen, ihn aber vor allem unter tropischen Bedingungen zu testen.

1935 reist Wolf Hirth mit der transsibirischen Eisenbahn in Richtung Japan, wo er für einige Monate als Segelfluglehrer aktiv ist und ganz eigene Erfahrungen mit einer völlig anderen Mentalität sammelt. Einen seiner Flugschüler schleppt er mit seiner Klemm in die Lüfte und erklärt ihm zuvor: „Nach dem Ausklinken bleibst du so lange oben, bis ich wieder gelandet bin.“ Spontan entscheidet sich Hirth, die Umgebung im Flug zu erkunden. Rund vier Stunden bleibt er weg. Und sein Segelflugschüler? Hält sich genau an die Vorgabe und wartet darauf, dass Wolf Hirth landet. Der Lehrer zieht folgendes Fazit am Ende der Anekdote: „Unfreiwillig hatte er mit mehr als vier Stunden Flugzeit einen neuen japanischen Dauerflugrekord aufgestellt.“

Wolf Hirth war nicht nur ein Pionier beim Bau von Segelflugzeugen und beim Erproben des Segelflugs. Er war auch ein Pionier der Wetterbeobachtung: Wolkenformationen und deren jeweilige Bedeutung für die Thermik hat er in der Praxis erforscht und beschrieben. Es ging ihm nicht darum, sein Wissen für sich zu behalten. Er wollte es an alle anderen Flieger weitergeben.

Weniger geschickt scheint er mitunter als Kaufmann gewesen zu sein. Immer wieder gerät sein Naberner Betrieb in Zahlungsschwierigkeiten. Seinem Kirchheimer Geschäftspartner Martin Schempp gelingt es dagegen, das gemeinsame Unternehmen besser durch unsichere Zeiten zu steuern.

Karl Buck spart auch Rüstungsaufträge im „Dritten Reich“ oder Zwangsarbeiter in der Produktion nicht aus. Selbst die berühmt-berüchtigte „Natter“ hat ihren Platz im Buch. Andererseits geht es aber auch um Wohnwagenbau, um Geflügelzucht und Gemüseanbau - um sich irgendwie zu versorgen und über Wasser zu halten. Wolf Hirths Leben zeigt also die unterschiedlichsten Bandbreiten auf.

Die „bebilderte Biografie“ besticht gerade durch die Vielfalt einmaliger Bilddokumente. Der Text dagegen hätte eine professionelle Korrektur verdient gehabt. Das Buch ist für 29,50 Euro erhältlich, unter anderem am Schalter des Teckboten.Andreas Volz

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