Kirchheim

Ein Lied versinkt

Komponist Matthias Kaul probt Neue Musik mit Musikern in Kirchheim

Ein Lied versinkt
Ein Lied versinkt

Kirchheim. Mit dem Geigenbogen die Fahrradspeiche streichen? Ein Albtraum für jeden Violinlehrer. Komponist Matthias Kaul bringt ungewöhnliche Ideen nach Kirchheim

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zum nächsten Probenzyklus mit. Im Liederorchester findet er die jüngsten Streicher der Musikschule vor. Seine Komposition erfordert Fantasie und Offenheit für Experimente, auch beim Orchesterleiter Takashi Otsuka. Nicht nur die Schüler lernen noch, wenn Matthias Kaul seine Kompositionen erklärt.

„Orchester mit Fahrrad“ heißt das Werk und wird am 8. Oktober in Kirchheim uraufgeführt. Es ist Teil der Gesamtkomposition, die Matthias Kaul im Auftrag des Netzwerks Neue Musik Baden-Württemberg für das Projekt „Spurensuche“ anfertigt, das von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert wird.

Wer hat schon je das Privileg genossen, mit dem Komponisten selbst zu proben? Die meisten weilen doch nicht mehr unter den Lebenden. Und für den Schöpfer des Werks ist es eine einzigartige Möglichkeit, die Interpretation seiner Musik zu beeinflussen.

Prompt nimmt ein Mädchen während der Probe die Geige wie eine Gitarre in die Hand. Inspiriert Neue Musik? Ganz offenbar. Die Notation auf ihrem Notenpult bietet ein ungewohntes Bild. Da findet die junge Musikerin Kringel und Pünktchen mit Zeitangaben, keine Achtel, Pausenzeichen oder Triolen. „Das ist super“, ruft Nadja begeistert. Sie ist nicht die Einzige – in der Nachmittagsprobe im Schlössle sieht man rundum strahlende Gesichter.

Mit dem Kirchheimer Chor „Happy Voices“, der zuletzt mit dem „Historical“ begeisterte, probt Matthias Kaul als Nächstes. Neue Musik ist den Sängern gänzlich unbekannt, auch Chorleiter Robert Kast kennt sie nur aus dem Studium.

Die Happy Voices beginnen mit dem Einsingen. Für die Interpretation von Kauls Werk benötigen sie wirklich jede Facette ihres körpereigenen Instruments. Dann erklingt „What a wonderful world“ mehrstimmig, und dies zunächst sehr harmonisch. Bis am Ende das Konzept des Komponisten greift: „Es soll der Effekt entstehen, dass das Lied in den Klängen der anderen versinkt.“ Der Chor, der üblicherweise schön und sauber singt, muss nun Dissonanzen aushalten, sie alle müssen aus der Komfortzone heraus. Matthias Kaul will die zweite Ebene sichtbar machen und erklärt geduldig immer wieder, worauf die Sänger achten müssen: Stimmen halten mitten im Song an, Vokale und Konsonanten bleiben stehen, schwirren heimatlos durch die Luft und verlieren sich. Kaul arbeitet mit Bildern, um seine Vorstellung zu erklären – wie ein Tsunami sollen die Klänge immer größer werden. Am Ende schwebt eine Stimme auf dem Klangteppich. „Man darf einfach nicht mehr zurück in den Song“, erläutert Robert Kast seinen Sängern die Taktik.

Für den Improvisationsteil hat er sich neue Methoden überlegt, er hält Kärtchen hoch als Dirigat. Auch für ihn: ungewohnte Arbeit. Jetzt klingen Pfeiftöne auf einmal „nach undichten Fenstern“ und ein glissando wird hörbar als „Energieverlust“. Matthias Kaul nickt zufrieden.

Die Proben mit dem Querflötenensemble Attraverso der Musikschule gestalten sich ähnlich. Hier wird mit Tönen, Worten, Gesten und Klängen gearbeitet. Die zwölf Musikerinnen legen sich ins Zeug, eine gut zehnminütige Improvisation zur Zufriedenheit des Komponisten erklingen zu lassen. Hoch konzentriert vertieft sich auch Sabine Märkle, die den Taktstock führt, in die Regieanweisungen des Komponisten. Matthias Kaul wünscht sich mehr experimentelle Klänge, fordert dazu auf, mal den Trompetenansatz für die Flöte einzusetzen. „Sehr erfrischend“ findet er das. Nachdem ausführlich an den Klängen gearbeitet wurde, gehen Kaul und die Querflötistinnen die Sprache an. Unzählige Möglichkeiten breitet Kaul vor ihnen aus, und die werden nun zum spannenden Experimentierfeld für jede Einzelne. Am Ende der Probe wird hörbar, sichtbar und spürbar, was Neue Musik bedeutet.