Kirchheim

Ein Urgestein der Bonner Republik

Nachruf Am vergangenen Samstag ist der langjährige Kirchheimer CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Anton Stark verstorben. Er wurde 88 Jahre alt. Von Andreas Volz

Anton Stark im Alter von 80 Jahren, als er im Gespräch mit dem Teckboten auf 25 Jahre als Abgeordneter zurückblickte.Foto: Jean-
Anton Stark im Alter von 80 Jahren, als er im Gespräch mit dem Teckboten auf 25 Jahre als Abgeordneter zurückblickte.Foto: Jean-Luc Jacques

Er war 25 Jahre lang „Unser Mann in Bonn“: Von 1965 bis 1990 hat der CDU-Politiker Dr. Anton Stark den hiesigen Wahlkreis als Bundestagsabgeordneter vertreten. 1989 kündigte er an, nach sieben Legislaturperioden auf eine weitere Kandidatur zu verzichten. Er bleibt somit ein Urgestein der Bonner Republik, denn über den Umzug des Bundestags nach Berlin stimmte das Parlament erst 1991 ab. Als Zeuge vieler wichtiger politischer Ereignisse ist Anton Stark nun verstummt: Am Samstag ist er im Alter von 88 Jahren verstorben.

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Geboren wurde Anton Stark am 23. August 1929 in Dirgenheim, einem späteren Teilort von Kirchheim am Ries, als 15. Kind eines Landwirts und Bürgermeisters. In Tübingen und Bonn studierte er Philosophie, katholische Theologie, Volkswirtschaft und Jura. 1959 promovierte er über den Begriff des „Sozialen Rechtsstaats“. Bevor er in den Bundestag einzog, war er als Rechts- und Sozialreferent für den Landesbauernverband in Stuttgart sowie als Anwalt tätig.

Als Anton Stark am 19. September 1965 erstmals gewählt wurde, erhöhte er das Erststimmenergebnis der CDU im Wahlkreis von 39,7 auf 50 Prozent. Absolute Mehrheiten waren für ihn seither Standard. Sein erster Wahlkampf stand unter dem Motto „Frischer Wind nach Bonn“: Mit 36 Jahren gehörte der Abgeordnete damals zu den „Jungspunden“. Ende 1965 berichtete er im Teckboten über seine Erfahrungen „als Neuling im Bundestag“.

Über die Arbeitsbedingungen klagte er heftig: „Hier sind zumeist zwei Kollegen in einem Raum untergebracht, der nicht viel mehr als 10 qm groß ist und in dem für zwei Abgeordnete ein Telefon zur Verfügung steht.“ Manche Abgeordnete müssten ihre Korrespondenz selbst erledigen - „wegen der hoffnungslosen Überlastung des Schreibdienstes des Bundestages“.

Vier Jahre später wurde es besser: 1969 war das neue Abgeordnetenhochhaus „Langer Eugen“ am Rhein bezugsfertig - benannt nach dem Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier, gebürtig aus Kirchheim. Anton Stark lobte Gerstenmaier 1965 ausdrücklich, weil er in seiner Eröffnungsrede zum 5. Deutschen Bundestag in Aussicht gestellt hatte, dass sich die „unzumutbaren Arbeitsbedingungen bald ändern werden“.

1965 war Ludwig Erhard Bundeskanzler, kurz darauf gefolgt von Kurt Georg Kiesinger in der ersten großen Koalition. Diese Zeiten hat Anton Stark als MdB ebenso hautnah miterlebt wie die ersten 13 Oppositionsjahre der CDU von 1969 bis 1982 - unter den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Beim ersten konstruktiven Misstrauensvotum - 1972 unter Rainer Barzel - war er ebenso dabei wie zehn Jahre später beim Sturz Helmut Schmidts durch Helmut Kohl.

„Langsam wird mir die Arroganz der Macht zu viel."
Anton Stark griff die Macht in Gestalt von Kanzler Kohl
mit diesen Worten 1989 direkt an.

Die „Jungfernrede“ ließ erstaunlich lange auf sich warten. Erst im März 1967 bringt der Teckbote eine Notiz über die erste Bundestagsrede des Abgeordneten, der seinen Wohnsitz ein Jahr zuvor von Stuttgart nach Kirchheim verlegt hatte. Lobend hervorgehoben wird ein besonderes Talent Anton Starks: dass er seine Rede über die soziale Sicherung in der Landwirtschaft „völlig frei gehalten“ hatte.

Stark im Kampf gegen Kohl

Vor allem in der Familien- und in der Rechtspolitik machte er sich stark: Viele Jahre war er Vorsitzender des Rechtsausschusses. Gegen Ende seiner Karriere setzte er 1989 in der CDU-Fraktion eine Erhöhung des Kindergelds durch - gegen den Willen Kohls. Wenige Jahre zuvor wollte er Helmut Kohl noch den Rücken stärken, indem er Lothar Späth öffentlich vorwarf, den Kanzler zu wenig zu unterstützen. Das hat Philipp Jenningers Schwager vor der Bundestagswahl 1987 erstmals einen Gegenkandidaten aus den eigenen Reihen im Wahlkreis eingebracht: seinen späteren Nachfolger Elmar Müller. Zu seinem 80. Geburtstag wird er aber im Teckboten zitiert, dass der damalige Streit „längst vergessen und abgehakt“ sei.

Dasselbe galt für einen anderen Streit, der vor 30 Jahren für Furore sorgte: Im Kirchheimer Café Moser war es 1988 zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Anton Stark und Helmut Palmer gekommen. Palmer entschuldigte sich später schriftlich dafür, dass er Stark „mit der linken Hand eine leichte Ohrfeige gab, die mehr symbolischen Charakter hatte“. Bild titelte damals: „Remstal-Rebell schlug CDU-Politiker k.o.“ Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen. Der Zeitzeuge Anton Stark kann allerdings auch dazu nicht mehr befragt werden.