Lokale Kultur

Eine Stadt mit vielen Facetten

Irene Ferchl las auf Einladung des Literaturbeirats „Geschichten aus Stuttgart“

Kirchheim. Irene Ferchl – das ist eine literarische Institution. Sie ist freie Publizistin und bekannt als Gründerin und Chefredakteurin des „Literaturblatts für Baden-Württemberg“.

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Ulrich Staehle

Die Hefte, die alle zwei Monate erscheinen, informieren über das literarische Leben im Land. Besonders wertvoll ist die umfassende Terminsammlung. Was immer in Sachen Literatur geschieht, im „Literaturblatt“ ist es angekündigt. Und das seit zwanzig Jahren.

Diesmal konnte Irene Ferchl sich selbst ankündigen. Im wunderbaren Saal des Kornhauses las sie in einer sonntäglichen Matinee aus dem von ihr herausgegebenen Sammelband „Geschichten aus Stuttgart“. Mit akribischem Fleiß hat sie Gedichte und Prosa, Romanpassagen und Essayistisches über Stuttgart gesammelt, insgesamt 80 Texte von 73 Autoren. Speziell für die Kirchheimer Lesung hat sie vier Textpakete geschnürt.

Das erste enthielt Geografisches: Stuttgarts Lage, seine Straßen und der Neckar. Über die Neckarstraße hat sich Samuel Beckett, ja, der Dramatiker Beckett, geäußert. Er hielt sich mehrmals in Stuttgart auf, um in seinen Fernsehproduktionen Regie zu führen. Seiner Meinung nach ist in der Neckarstraße nichts los und war noch nie was los. – Wohingegen die Königsstraße um die Jahrhundertwende für den damaligen Landeskonservator Eduard Paulus ein Kommunikationszentrum war, das er in einem Gedicht mit einem Schuss Ironie beschreibt. – Dem Norddeutschen Helmut Heißenbüttel („Eindrücke und Einsichten“) fällt vor allem an der Lage Stuttgarts auf, dass ihn die „Wanne“ daran hindert, sich mit dem Fahrrad zu bewegen. Er räumt aber ein, dass sich durch die Wannenform prächtige Ausblicke und schöne Spazierwege ergeben. Peter Härtling („Fernweh-nahgerückt“) lernt von einer Zugbekanntschaft, dass der Bau des Hafens eine Öffnung zur Welt bedeute.

Im zweiten Paket waren Texte zur Eisenbahn gebündelt, ein wahrhaft schwäbisches Thema. Natürlich befassten sie sich mit der Geschichte der Eisenbahn, nicht mit der heiß diskutierten Zukunft. Hochinteressante Details über den Bau des Stuttgarter Bahnhofs verrät der Architekt Paul Bonatz. Nach dem Krieg, 1922, herrschte Materialknappheit, vor allem betraf es den Stahl, der als Reparationsleistung beschlagnahmt wurde. – Etwas zum Schmunzeln gab es bei einem Text der in Esslingen geborenen Anna Schieber. Die als Pietistin etikettierte, damals viel gelesene Schriftstellerin erzählt mit erstaunlicher Ironie von den religiösen Skrupeln einer einfachen Bauersfrau aus dem Remstal: Die Eisenbahn ist Teufelswerk, das hat sie von ihrem Stundenbruder erfahren, und sieht sich auf den Knien liegend im dunklen Rosensteintunnel auf einer Fahrt in die Hölle.

Entgegenkommenderweise hatte Irene Ferchl in das dritte Paket Texte gepackt, die einen Bezug zu Kirchheim haben. Die Söhne von Hermann Kurz besuchten die Kirchheimer Lateinschule. Im Landesexamen wurden diese Kenntnisse geprüft. In seiner Erzählung „Die beiden Tubus“ beschreibt er anschaulich die Atmosphäre am Prüfungsort Stuttgart aus der Sicht der Prüflinge und ihrer Begleitmannschaft.- Berühmter als ihr Vater wurde Isolde Kurz, die ein Jahr in Kirchheim gewohnt hat, bis ihr Vater eine Stelle in Tübingen bekam. Die ersten sechs Jahre wuchs sie in Stuttgart auf. In ihren Lebenserinnerungen beschreibt sie einen „unvergesslichen Jammer“: Sie meint als etwa vierjähriges Kind in einer Steinfigur auf dem Schlossplatz ihre Mutter zu erkennen und ist todunglücklich, dass das „Mamele“ nicht zu ihr heruntersteigt.

Ottilie Wildermuth verlegt man eher nach Tübingen. Doch sie hatte verwandtschaftliche Beziehungen zu Kirchheim und verfasste „Die alten Häuser Kirchheims“. Nach der Schulzeit verbrachte sie ein halbes Jahr mit einem „Universitätskursus“ in Stuttgart. Das „Studium“ bestand für höhere Töchter natürlich aus Koch-, Näh- und Tanzkursen und aus Französisch- und Musikunterricht. Am fruchtbarsten war aber für Ottilie Wildermuths späteres Leben die Vernetzung mit der literarischen Welt, vor allem der freundschaftliche Kontakt mit Gustav Schwab.

Schließlich kamen geborene Stuttgarter zu ihrem gewichtigen Wort. Carl Theodor Griesinger, ein Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der wegen seiner allzu demokratischen Gesinnung 1848 auf dem Hohenasperg inhaftiert wurde, porträtiert in seinen „Silhouetten aus Schwaben“ die „geborene Stuttgarterin“. Sie ist niveauvoll und gebildet. Doch der Horizont geht lediglich bis zum Stadtrand. Nur innerhalb der Stadtgrenzen ist sie sich ihres Lebensgenusses sicher.

Als vorgezogene Zugaben gab es gereimte „Rausschmeißer“ von Ringelnatz und dem Theaterkritiker Alfred Kerr. Ringelnatz kam zu Gastspielen nach Stuttgart. Die beiden Fremdlinge sind von den Bäckereien und dem Weingenuss, nicht aber von der politischen Ausrichtung der Stuttgarter beeindruckt.

Einen weihevollen Abschluss gab es mit Ausschnitten aus zwei Hölderlingedichten, aus der Elegie „Stutgard. An Siegfried Schmid“ und „Auf einer Haide geschrieben“. Letztere siedelt Irene Ferchl nicht an der Teck, sondern an der Stuttgarter Gänsheide an.

Nunmehr konnten sich die in erfreulicher Anzahl gekommenen und aufmerksam mitgehenden Zuhörer ein Bild machen von Stuttgart in der Literatur. Es ist vielschichtig und bietet alle Facetten vom engstirnigen bis zum weltläufig gebildeten Schwaben. Die Kessellage wird als beengend oder als abwechslungsreich empfunden.

Um Irene Ferchl beim Lesen kurze Pausen zu gönnen und den Genuss an den Texten zu steigern, kam Wilma Heuken mit ihrem Akkordeon zum Einsatz. In aller Ruhe und Souveränität umrahmte sie die Lesung mit zwei selbst komponierten Walzern, der erste mit dem passenden Titel „Torbogen“, und streute immer wieder kurze „italienische Polkas“ ein. Ihre Fähigkeit, „Text und Ton“ zu verbinden, genauso wie französische Musik mit der östlichen, erweckte Neugier auf die Musikerinnen der Gruppe „Three Times a Lady“, deren Mitglied sie ist.