Lokale Kultur

Eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte  . . .

Jugendbuch-Autor Jochen Till begeisterte gemeinsam mit seinem „Vorleser“ Linus König in der Kirchheimer Stadtbücherei

Autorenlesung für ältere Schüler in der Stadtbücherei Kirchheim, mit dem Jugendbuchautor Jochen Till. Er wird von einem befreund
Autorenlesung für ältere Schüler in der Stadtbücherei Kirchheim, mit dem Jugendbuchautor Jochen Till. Er wird von einem befreundeten Schauspieler begleitet, der seine Texte interpretiert

Kirchheim. Es gibt Menschen, die können zwar gut schreiben, sind dann aber doch nicht so in ihrem Element, wenn es darum geht, ihre

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Wolf-Dieter Truppat

eigenen Texte einem größeren Publikum vorzulesen und Geschmack auf vergnügliche Lektüre zu machen. Da sich bekannte Autoren dessen oft gar nicht richtig bewusst sind, halten sich sprachgewaltige „Schreibtischtäter“ fälschlicherweise oft auch für perfekte Entertainer.

Wie man mit einem selbstkritischen Blick auf eigene Stärken und eventuelle Schwächen deutlich besser aufgestellt sein kann, zeigt der erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautor Jochen Till schon seit Jahren. Eines ist dabei immer garantiert: Man wird von einem geschulten Sprecher bestens unterhalten und erfährt zugleich aus erster Hand viel Interessantes über den Literaturbetrieb, viel Kurioses über Jochen Tills eigene Schul- und Studentenzeit und Erstaunliches über den langen Weg zu einem wohl von sehr vielen seiner Wegbegleiter nie für möglich gehaltenen Erfolg.

Auch wenn Jochen Till gerne damit kokettiert, dass er nicht lesen könne – zumindest nicht laut und vor großem Publikum – konnte er auch bei seinem jüngsten Gastspiel im Vortragssaal der Kirchheimer Stadtbücherei wieder belegen, dass er sich perfekt in die von ihm geschaffenen und oft bewusst etwas überzeichneten Personen und in sein Publikum hineindenken kann.

So wurde die angekündigte Lesung immer wieder zum spontanen freundschaftlichen Konkurrenzkampf zweier routiniert improvisierender Unterhaltungs-Profis. Der Schauspieler Linus König las ausgewählte Passagen und lebte die oft ungewöhnlichen Charaktere Jochen Tills überzeugend vor, der seinerseits auch einmal eine Rolle übernahm, um im gelungenen Rollenspiel mit seinem Sparringspartner die hohe Qualität seiner authentischen Dialoge überzeugend zu vermitteln.

Statt allein auf Lesereisen zu gehen und Gefahr zu laufen, der Langeweile der Alltagsroutine zu erliegen, ist Jochen Till sehr gerne mit Linus König gemeinsam unterwegs. Sein „Vorleser“ hat schließlich nicht nur schauspielerische Begabung und ist entsprechend professionell sprachlich geschult. Er hat ein eigenes Theater, kennt sich in den Büchern von Jochen Till genauso gut aus wie der Autor selbst und ist eine perfekte Ergänzung, um gemeinsam den Kontakt zum Publikum herzustellen. Da das Duo perfekt aufeinander eingespielt ist, kann auch dann keine Langeweile aufkommen, wenn die Besucher nicht ganz so wissbegierig sind und anfangs noch keine zündenden Fragen kommen.

Um ihre Besucher aus der Reserve zu locken, ist den beiden höchst unerschrockenen und meist auch sehr unernsten Darstellern jedes Mittel recht. Zur Not spielen sie sich die Bälle eben einfach selber zu. Auf jeden Fall haben sie viel Humor und ganz offensichtlich großen Spaß dabei, sich gegenseitig nicht allzu ernst zu nehmen und sich auch nicht zu wichtig vorzukommen. Ohne sich anzubiedern, verstehen sie es von Anfang an sehr gut, eine altersbedingt zu erwartende Distanz zum Publikum erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Auch wenn es sehr locker und entspannt zugeht, haben die beiden Profis ihr Publikum aber voll im Griff und setzen klare Grenzen beim Umgang miteinander. Wenn keine Fragen gestellt werden, drohen sie mit über 200 Gedichten aus 20 Jahren, allesamt „furchtbar depressiv“ und teilweise „richtiggehend schrecklich“. So weit musste es nicht kommen. Die Gedichte spielten erwartungsgemäß eine eher untergeordnete Rolle.

An ausgewählten Beispielen wurde vielmehr gezeigt, wie Jochen Till schreibt und vor allem auch über welche jugendrelevanten Themen. 24 Stunden im Leben eines verliebten Jungen, der partout kein Mann werden will, ein wilder und zugleich cooler Partysommer oder eine Auszeit im fernen Australien zählen genauso dazu wie der fliegende Wechsel vom Hotel Mama in eine WG, die durchlittenen Eifersüchteleien der Mitglieder einer Punkband oder auch die in amüsanter Fortsetzung präsentierten amourösen Leiden in einem Ferienlager.

Die Bandbreite überzeugt, und Mädchen wie Jungs fühlen sich und ihre Welt in den vielen vorgestellten Büchern gut repräsentiert. Sie spüren aber auch sehr schnell, dass der Autor sie vor allem auch deshalb sehr gut versteht und sich in sie hineindenken kann, weil er offensichtlich selbst sehr unkonventionell und jung geblieben ist. Eigentlich wollte er ja eine astreine Karriere als Punkmusiker hinlegen, hatte sich dann aber unglücklicherweise in ein Mädchen verliebt, das voll auf Bücher abfährt. Um sie zu beeindrucken hatte er tatsächlich sein erstes Buch geschrieben, konnte damit aber nicht verhindern, dass sie sich dann schnell wieder aus den Augen verloren.

Trotz verlängerter Schulzeit, bei der ihn vor allem die achte und die elfte Klasse besonders intensiv +beschäftigt hatten, schaffte Jochen Till doch noch das Abi. Sein direkt sich anschließendes sprach- und literaturwissenschaftliches Studium, das ihm neben Einblicken in die Disziplinen Anglistik, Amerikanistik und Germanistik vor allem viel Freizeit und Lebenserfahrung, aber trotz vieler Semester keinen Abschluss einbrachte, hat Jochen Till es inzwischen längst geschafft, seine lange eher verborgenen Fähigkeiten überzeugend unter Beweis zu stellen.

Mit seinem kuriosen Lebenslauf konnte er nicht nur Neugierde wecken für seine auf der Grundlage eigener Erfahrungen geschriebenen Bücher. Er machte auch Mut und konnte an seinem eigenen und nicht immer ganz geradlinigen Werdegang aufzeigen, dass auch verschlungene Karrierewege zu vielleicht ganz unerwarteten Zielen führen können. Auch wenn er schon lange das „Schwabenalter“ überschritten hat, ist Jochen Till aber offensichtlich noch immer nicht richtig vernünftig und wohl auch nie „richtig erwachsen“ geworden.

Sein guter Draht zu den in gleich zwei eineinhalbstündigen Sitzungen gemeinsam mit Linus König bespaßten Acht- und Neuntklässlern der Werkrealschule Lenningen und der Kirchheimer Freihof-Realschule beeindruckte – und das lag ganz bestimmt nicht nur an seiner Frisur, mit der er sofort in einer Verfilmung seines Lieblings-Comics „Tim und Struppi“ brillieren könnte.