Lokale Kultur

Einem Tabuthema behutsam genähert

Sigrid Klausmann-Sittler begleitete drei Kinder aus Wohngruppen der Stiftung Tragwerk mit der Kamera

Wenn Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder Unterstützung brauchen, ist das ein schwieriger Schritt. Erst recht, wenn die Entscheidung fällt, das Kind in einer betreuten Wohngruppe unterzubringen. Dies ist noch immer ein Tabuthema. Doch die Dokumentarfilmerin Sigrid Klausmann-Sittler hat mit ihrer Produktion „Da-Heim“ gezeigt, dass die Vorurteile nichts mit der Realität zu tun haben.

Filmpremiere des Films "DaHeim" von Sigrid Klausmann-Sittler, im Alten Gemeindehaus Kirchheim, Film zum Thema Heimerziehung, u.a
Filmpremiere des Films "DaHeim" von Sigrid Klausmann-Sittler, im Alten Gemeindehaus Kirchheim, Film zum Thema Heimerziehung, u.a. mit Kindern der Stiftung Tragwerk,

Kirchheim. Die Stiftung Tragwerk hatte für die rund 150 geladenen Gäste der Filmpremiere im Alten Gemeindehaus am Kirchheimer Alleering den roten Teppich ausgerollt. Unter den Gästen befanden sich auch Ministerialdirektor Jürgen Lämmle, Amtschef im Sozialministerium, und Heike Baehrens, Vorstandsmitglied der Stiftung Diakonie Württemberg. Letztere zählte zu den Geldgebern des Projektes. Auch Barbara Ziegler-Helmer, Jugendamtsleiterin des Landkreises, saß im Publikum, ebenso Prinzessin Maria von Sachsen-Altenburg, das bekannte Charity-Gesicht des gleichnamigen Vereins. Es war ein großes wie prominentes Publikum, das tiefe Einblicke in das Leben von drei jungen Menschen erhielt, die in einer der Wohngruppen der Stiftung Tragwerk untergebracht sind.

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Sigrid Klausmann-Sittler räumte in ihrer 65-minütigen Dokumentation mit dem Titel „Da-Heim“ gründlich mit Vorurteilen auf. Ganz nah ist der Zuschauer dabei, wenn Tatjana, genannt Tady, wieder Kontakt zu ihrer Mutter sucht. Diese hatte ihre damals zwölf Jahre alte Tochter im Drogennebel vernachlässigt und schließlich verlassen. Tatjana fand in der Wohngruppe der Stiftung Tragwerk eine Familie. Hier durfte das Mädchen erstmals Kind sein, anstatt sich und die Mutter zu bekochen. Im Film sieht man außerdem den fröhlichen und vor Energie strotzenden Brian, der die tollsten Tricks mit dem Diavolo präsentiert – der aber auch vom einen auf den anderen Moment explodiert, brüllt, um sich tritt und schlägt, Schwierigkeiten mit Nähe hat und Berührungen anfangs nur schwer zulässt. Man sieht, wie er behutsam von seinen Betreuern wieder an die Schule und Strukturen herangeführt wird. Die Zuschauer lachen aber auch mit Dominik, dem Lockenkopf, der in der Wohngruppe zurück in die Spur fand und erfolgreich den Hauptschulabschluss macht.

Behutsam erzählt Sigrid Klausmann-Sittler diese Geschichten. Sie erlaubt Einblicke in das Gefühlsleben dieser jungen Menschen. Nie aber ist der Film voyeuristisch. Mit großem Respekt geht die Dokumentarfilmerin mit den ihr anvertrauten Protagonisten um. Ihr gelingt es, die Arbeit der Stiftung Tragwerk transparent zu machen und mit verstaubten Vorurteilen aufzuräumen. Denn der Zuschauer darf Tatjana, Brian und Dominik dabei begleiten, wie sie in den Wohngruppen aufgefangen werden, wie sie Stabilität zurückgewinnen und Zukunft finden.

Erzählt wird die Geschichte in berührenden, schönen Bildern, die Kameramann Jean Christophe Blavier einfühlsam eingefangen hat. Nur selten blitzt durch, dass eben manche Szene inszeniert ist. Zum Beispiel, wenn Tady sich mit ihrer Bezugserzieherin zur Teestunde aufs Sofa setzt oder sich am Kirchheimer Schloss mit ihrer Mutter ausspricht, dann spürt man kurz, dass es eben nicht ein Gespräch ist, wie es Mutter und Tochter ungestört geführt hätten.

Für Manfred Sigel, Vorstand der Stiftung Tragwerk, hat der Film damit genau das erreicht, was als Idee vor eineinhalb Jahren hinter dem Projekt stand: das Tabuthema „Heimerziehung“ aufzubrechen und die Arbeit in den Wohngruppen zu zeigen.

Das größte Kompliment aber machten der Dokumentarfilmerin die Protagonisten. „Irgendwie komisch“ sei es schon, vor so vielen Menschen die eigene Geschichte zu hören, fand Tady, die mit der Band „The Change“ – ebenfalls ein Projekt der Stiftung Tragwerk – am Premierenabend auch als Sängerin auf der Bühne stand. „Ich glaube aber nicht, dass ich damit etwas Falsches gemacht habe“, sagte sie.

Sigrid Klausmann-Sittler, die mit ihrem Ehemann, dem bekannten Schauspieler Walter Sittler, zur Premierenfeier gekommen war, freute sich sichtlich darüber, vor allem bei „meinen Helden“ den richtigen Ton getroffen zu haben. „Ich habe großen Respekt vor euch“, bedankte sie sich für die Offenheit, mit der sich Tatjana, Dominik und Brian auf das Filmabenteuer eingelassen haben. Vor der Lebensleistung dieser drei jungen Menschen zieht sie den Hut. Dass sie ihr ans Herz gewachsen sind, spürt man. Und das ist vielleicht der Schlüssel zu einem Film, dem man ein breites Publikum wünscht.

Die Stiftung Tragwerk ist bereits in Verhandlung mit verschiedenen Fernsehsendern. Außerdem will sie selbst den Film noch öfters zeigen und ihn dem Kirchheimer Publikum zugänglich machen.