Kirchheim

Einfach nur Mensch sein zählt

Integration Yakub Kambir ist in Kirchheim geboren und aufgewachsen. Jetzt hat der 45-Jährige über seine türkischen Wurzeln gesprochen. Von Katja Eisenhardt

Gemeinsam für ein gutes und respektvolles Miteinander: Yakub Kambir (links) und Willi Kamphausen setzen sich für eine offene, in
Gemeinsam für ein gutes und respektvolles Miteinander: Yakub Kambir (links) und Willi Kamphausen setzen sich für eine offene, interkulturelle Gesellschaft ein.Foto: Katja Eisenhardt

Der Festsaal des alten Kirchheimer Krankenhauses ist gut gefüllt. Der Integrationsrat hat an diesem Abend zu einem Vortrag mit Yakub Kambir geladen. Der Titel: „In was für einer Gesellschaft möchte ich leben? Erfahrungen eines Kirchheimers aus Ötlingen mit türkischen Wurzeln.“ Er wolle kein Quoten-Türke sein, stellt Yakub Kambir gleich zu Beginn klar: „Es wäre schön, wenn dieser Zusatz mit den türkischen Wurzeln nicht nötig wäre, also dieser Unterschied zu anderen Kirchheimern gar nicht erst gemacht würde“, betont der 45-Jährige, der in Kirchheim geboren und aufgewachsen ist und nach beruflichen Stationen im Ausland und deutschlandweit mit seiner Familie inzwischen wieder in seiner Geburtsstadt lebt.

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Im Team des Integrationsrats habe man überlegt, wie man das, was die Kirchheimer unter Inte-gration verstehen, erfahren könnte: „Yakub Kambir kann aufgrund seiner eigenen Biografie aus einer jahrzehntelangen Erfahrung heraus berichten“, schildert Moderator Willi Kamphausen, wie die Idee zum Gesprächsabend entstand. Beide kennen sich schon lange, unter anderem über Kamphausens guten Kontakt zu den Kirchheimer Moscheen: „Das sind überzeugte Muslime, ich bin überzeugter Christ. Deswegen verstehen wir uns so gut“, sagt Willi Kamphausen und bekommt dafür bestätigenden Applaus vom Publikum.

Jeder im Saal hat bei seiner Ankunft eine blaue und eine rote Karte zur Abstimmung erhalten. Die erste Frage an das Publikum handelt um die aktuellen gesellschaftlichen Strukturen - ob diese gut seien oder ob doch die Zukunftssorgen überwiegen. Die Farbe rot, die für Antwort B und somit die Sorgen steht, dominiert deutlich. Yakub Kambir begibt sich auf Ursachensuche und lässt die Zuhörer an seiner eigenen Kindheit und Jugend in der Isolde-Kurz-Straße teilhaben. „Wir waren ein kunterbunter, internationaler Haufen. Meine Freunde kamen und kommen aus unterschiedlichen Ländern. Trotz unserer unterschiedlicher Religionen und Kulturen haben wir uns einfach gemocht und tun es bis heute. Es spielt keine Rolle woher man kommt, sondern was für ein Mensch man ist.“

Da sei es doch völlig nebensächlich, ob jemand aufgrund seines Glaubens beispielsweise kein Schweinefleisch esse: „Ein Vegetarier oder Veganer wird doch auch nicht ausgeschlossen. Das sind eben andere Gewohnheiten.“ Grundsätzlich gehe es in Bezug auf Religion und Kultur um das menschliche Miteinander, um die Offenheit gegenüber anderen, anstatt nebeneinanderher zu leben. Negative Geschehnisse, wie die zahlreichen Angriffe auf Moscheen „machen einen betroffen und nachdenklich“, fügt er hinzu. Ebenso wie die Tatsache, dass der Islam häufig mit dem Islamismus gleichgesetzt werde: „Sehen diejenigen, die das miteinander verknüpfen, in mir als gläubigem Muslim dann auch einen potenziellen Terroristen?“, fragt Kambir und zieht als Vergleich das Thema Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche heran: „Das würde ja dann auch bedeuten, dass Christen Pädophilie tolerieren. So eine Aussage fühlt sich nicht gut an, oder? Diese Pauschalisierung ist auf beiden Seiten falsch.“

Mit Blick auf die anstehenden Wahlen würde er sich auf kommunaler Ebene über eine größere Zahl von Menschen unterschiedlicher Herkunft im Gemeinderat freuen, betont Yakub Kambir. Der Wille dazu dürfe aber kein reines Lippenbekenntnis sein: „Das Thema muss ernst genommen werden. Das fängt schon damit an, dass die potenziellen Kandidaten nicht ganz hinten auf die Listen gesetzt werden.“

Ebenso wünschen sich viele im Publikum, nicht nach ihrem Aussehen beurteilt zu werden: „Es ist traurig, dass man immer noch erstaunt gesagt bekommt, wie gut man doch deutsch spreche, nur weil man nicht so aussieht, als sei man hier geboren und habe die deutsche Staatsbürgerschaft“, so die Erfahrungen.