Lokale Wirtschaft

Energie nicht mit dem Bade ausschütten

Zwei Architekten haben ein Gerät erfunden, das die Wärme aus dem Abwasser zurückgewinnt

„So etwas gibt es doch bestimmt schon.“ Wenn Ernst ­Bärenstecher und Erhardt ­Wächter von ihrer Erfindung erzählen, ist die Reaktion fast immer die gleiche. Doch die beiden Architekten sind tatsächlich die ersten, die Energie aus warmem Abwasser zurückgewinnen.

Ernst Bärenstecher (rechts) und Erhardt Wächter wollen mit ihrer Erfindung einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.Foto: Roberto B
Ernst Bärenstecher (rechts) und Erhardt Wächter wollen mit ihrer Erfindung einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen/Kornwestheim. Als Architekten und Bauträger haben Ernst Bärenstecher und Erhardt Wächter schon Hunderte von Wohnungen gebaut. Dabei haben sie in den vergangenen Jahrzehnten hautnah mitbekommen, wie die energetischen Standards immer anspruchsvoller geworden sind: „Bei Dämmung, Fenstern und Dach werden heute unheimlich große Anstrengungen unternommen, um die Wärme im Haus zu halten“, erzählt Bärenstecher. Gleichzeitig fließen jedoch große Mengen Energie in Form von warmem Wasser ungenutzt durch den Abfluss. „Das tut einem in der Seele weh“, sagt Wächter. Die beiden Architekten, 56 und 57 Jahre alt, haben ausgerechnet, dass die Energie, die auf diese Weise in Deutschland vergeudet wird, der Stromproduktion von acht Atomkraftwerken entspricht.

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Schon seit zehn Jahren treibt die beiden, die seit 1999 ein gemeinsames Büro in Kornwestheim betreiben, deshalb der Gedanke um, wie man das warme Wasser, das aus Badewannen, Waschmaschinen und Geschirrspülern in die Abflussrohre fließt, für die Energiegewinnung nutzen kann – und zwar, bevor es sich in der Kanalisation mit kaltem Abwasser mischt. In Bärenstechers Waschküche in Berkheim starteten die beiden erste Versuche, inzwischen ist ihre Erfindung fertig und zum Patent angemeldet. Wobei der sogenannte Thermosplitter kein technisches Wunderwerk, sondern lediglich eine Kombination gängiger Komponenten sei, wie die beiden Erfinder betonen.

In dem Gerät, das im Heizungskeller ans Abflussrohr angeschlossen wird, fließt das Abwasser, das übrigens keine Fäkalien enthält – das Wasser aus der Toilette geht durch separate Rohre direkt in den Kanal –zunächst durch einen Filter. Gleichzeitig misst ein Sensor die Temperatur. Ist das Wasser kalt, fließt es weiter in die Kanalisation. Handelt es sich jedoch um warmes Wasser, wird automatisch eine Pumpe in Gang gesetzt, die das Abwasser in einen Wärmetauscher pumpt und damit den Trinkwasserspeicher heizt. So lasse sich mindestens 50 Prozent der eingesetzten Energie zurückgewinnen, behaupten die beiden Erfinder. Und das Wasser, das mit 29 Grad die Badewanne verlassen hat, fließt am Ende nur noch mit einer Temperatur von 11 Grad in den Kanal.

Ein durchschnittlicher Haushalt könne mit dem Thermosplitter zwischen 200 und 300 Euro pro Jahr sparen, schätzen die Erfinder. Das Gerät, das nach ersten Schätzungen inklusive Montage etwa 1 000 Euro kosten soll, werde sich also schnell amortisieren. Und wie groß wäre erst das Sparpotenzial in Schwimmbädern, Sporthallen oder Hotels, wo viele Menschen oft und ausgiebig duschen?

Jetzt brauchen die beiden Tüftler nur noch einen Hersteller, der ihren Thermosplitter in Serie produziert, denn dass sie ihre Erfindung nicht alleine auf den Markt bringen können, steht für die beiden fest: „Wir sind ja Architekten und keine Sanitärtechniker“, sagt Wächter.

Angesichts des offensichtlichen Nutzens sollte man meinen, dass sich die Industrie um die Innovation reißt, doch weit gefehlt. Bis jetzt haben Bärenstecher und Wächter nur Absagen kassiert. „Firmen wie Bosch bekommen vermutlich täglich 20 Briefe von irgendwelchen Spinnern, da ist es schwierig, Gehör zu finden“, sagt Wächter.

Das dürfte nun aber einfacher werden, denn kürzlich haben die Tüftler den dritten Platz beim renommierten Artur-Fischer-Erfinderpreis belegt. „Das hilft uns sicher“, sind sie überzeugt. Im Oktober werden sie ihre Innovation auch auf der Erfindermesse in Nürnberg präsentieren. Und wenn sich am Ende trotzdem kein Produzent findet? „Dann bauen wir eben selbst ein paar Prototypen und bauen sie in den Häusern unserer Freunde ein“, sagt Erhardt Wächter. Denn im privaten Umfeld gebe es schon jede Menge Kaufinteressenten: „Wir könnten allein in unserem Bekanntenkreis sofort 30 bis 40 Geräte verkaufen.“