Kirchheim

„Es gibt sehr wohl einen Ärztemangel“

Gesundheit Auf dem Papier ist Kirchheim gut mit Hausärzten versorgt. Einen Arzt zu finden, ist trotzdem schwierig.

Symbolbild Medizin
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Kirchheim. Es mangelt an Ärzten. Das ist zumindest das Gefühl, das viele Menschen rund um die Teck haben. Nachdem nun zwei Ärztinnen quasi über Nacht ihre gerade erst übernommene Praxis wieder zugemacht haben, hat sich dieser Eindruck noch verstärkt.

Dabei liegt der Raum Kirchheim zumindest statistisch gesehen mit seiner Zahl an Hausärzten über dem Schnitt. „Kirchheim ist mit 103 Prozent gut versorgt“, teilt Swantje Middeldorff, Pressereferentin der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, mit. Fürs kommende Jahr lägen zudem neue Anträge vor. „Die Versorgung wird dann bei über 110 Prozent liegen“, so Middeldorff. Damit ist die Maximalzahl an freien Hausarzt-Sitzen erschöpft.

Dass viele Patienten trotzdem Schwierigkeiten haben, einen Termin zu bekommen oder einen Hausarzt zu finden, weiß sie aber ebenso gut wie die Mediziner selbst. „Die neue Generation von Ärzten arbeitet nicht mehr so wie die alte“, so Middeldorff. Vorwerfen könne man das keinem: „Es ist legitim, nur 40 statt 60 Stunden pro Woche arbeiten zu wollen.“ Entsprechend weniger Patienten kann ein Arzt behandeln.

Das bestätigt Dr. Oliver Erens, Presseprecher der Landesärztekammer: „Eine Arztstelle alter Prägung wird heute von zwei bis drei Personen versehen“, sagt er. Die Ärztekammer habe so viele Mitglieder wie noch nie - und trotzdem verstärke sich das Gefühl des Mangels. Ein weiterer Faktor: „Die Medizin wird weiblicher“, so Erens. Damit sie genügend Zeit für ihre Familie haben, wollen viele Frauen nur in Teilzeit arbeiten. „Sie überlegen es sich zweimal, ob sie sich niederlassen wollen oder ob sie lieber angestellt tätig sind“, sagt er und spricht damit ein weiteres Problem an. „Überall hören Ärzte auf“, sagt Dr. Thomas Löffler, stellvertretender Vorsitzender der Ärzteschaft Nürtingen und Moderator des hausärztlichen Qualitätszirkels in Kirchheim. Junge Mediziner zu finden, die eine Praxis übernehmen, sei schwer - besonders dann, wenn es sich um Einzelpraxen handle.

Ein Grund dafür ist, dass die Bürokratie zunimmt. „Die Abrechnungssysteme sind komplexer geworden“, so Löffler. Dazu kommen Qualitätsmanagement, Zertifizierungen und Co. „Die Ärzte verbringen fast mehr Zeit mit formalen als mit fachlichen Fortbildungen.“ Aus seiner Sicht spielen aber auch noch weitere Faktoren hinein. „Die Bevölkerung wird immer älter, es gibt mehr chronische Krankheiten und immer aufwendigere Therapiemöglichkeiten“, sagt Dr. Thomas Löffler. Das mache die Behandlung zeitintensiver. Aus den veränderten Rahmenbedingungen zieht er den Schluss: „Es gibt sehr wohl einen Ärztemangel.“

Aber auch Lösungen sind in Sicht. Zum einen nimmt die Zahl der Gemeinschaftspraxen zu, in denen sich mehrere Ärzte die bürokratischen Belastungen teilen. Zum anderen werden immer mehr Medizinische Versorgungszentren (MVZ) gegründet, die als Gesellschaft oder Genossenschaft verwaltet werden, und in denen Ärzte in Teil- und Vollzeit angestellt werden.

Nicht zuletzt tut sich auch bei der Ausbildung etwas. „Die Allgemeinmedizin hatte lange Zeit an den Universitäten keinen richtigen Stellenwert“, sagt Dr. Oliver Erens. Das habe sich durch Bestrebungen der Politik und der Ärztekammer geändert. Auch die Weiterbildungsmöglichkeiten hätten sich verbessert. Deshalb würden sich mehr Studenten für den Zweig entscheiden. Alles in allem dauere es aber, bis sich das in der Praxis niederschlage. „Zu spüren wird das erst in fünf Jahren sein“, so Oliver Erens. Bianca Lütz-Holoch

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