Kirchheim

Es summt immer seltener

Insektensterben Den Bienen fehlt zusehends die Nahrungsgrundlage. Das liegt nicht nur an den Pestiziden, sondern auch an den versiegelten Flächen. Bis zu 75 Prozent ging der Bestand an Wildbienen zurück. Von Iris Häfner

Die Bienen sind in aller Munde, ihr Produkt - der Honig - sowieso. Immer mehr breitet sich die Sorge aus, dass es so wenig summt und brummt in Feld und Flur. „Die Honigbienen sind noch am wenigsten bedroht, da die Imker sich um das Wohlergehen ihrer Bienenvölker kümmern“, sagt Doris de Craigher von der Landesanstalt für Bienenkunde der Uni Hohenheim, die mit den Imkern in der Region zusammenarbeitet. Die Varroamilbe ist derzeit immer noch die Hauptbedrohung für die staatenbildenden Insekten. Ohne Behandlung dagegen geht jedes Bienenvolk daran zugrunde.

Mittlerweile eine Rarität: blühende Wiesen. Hier fühlen sich die Bienen aber sehr wohl. Fotos: Dieter Ruoff
Mittlerweile eine Rarität: blühende Wiesen. Hier fühlen sich die Bienen aber sehr wohl. Foto: Dieter Ruoff

Pestizide oder Pestizidkombinationen können die Bienenvölker beeinträchtigen, so die Expertin. „Flugbienen, die beim Nektar- oder Pollensammeln damit in Kontakt kommen, können geschädigt werden oder belasteten Nektar oder Pollen in ihr Volk bringen, sodass die Bienenbrut damit gefüttert wird. Daran sterben die Bienenvölker aber nicht“, erklärt die Expertin.

Bienenschädliche Pestizide dürfen nur abends nach Ende des Bienenflugs ausgebracht werden. Die Landwirte halten sich weitgehend an die Vorgaben. Das bestätigt auch Siegfried Nägele aus Bissingen, Vorsitzender des Kreisbauernverbands. „Wir warten den optimalen Zeitpunkt ab, auch um die Dosierung so gering als möglich, aber so hoch wie nötig zu halten. Pflanzenschutzmittel sind teuer, schon aus diesem Grund geht man sorgfältig damit um“, sagt er. Er spritzt bei Nacht bis 23 Uhr, fährt zum Schutz der Insekten ein Feld notfalls an zwei oder drei Abenden an, damit bis Sonnenaufgang das Mittel von der Pflanze aufgenommen ist und den Bienen nichts passiert. „Dann heißt es wieder: Jetzt müssen die Bauern auch noch jede Nacht fahren. Das machen wir nicht zum Spaß oder um die Leute zu ärgern“, sagt Siegfried Nägele. Früher gab es auf dem Hof seiner Familie auch Bienenvölker, ein Herz für die Summer hat der Honig-Liebhaber deshalb immer noch. Siegfried Nägele setzt sich für Blühstreifen ein. Das sind Flächen, oft an Wegesrändern, die nicht mit Ertrag bringendem Getreide eingesät sind.

Bienen finden weniger Nahrung

„Das Überleben von Wildbienen und anderen Insekten stand bis jetzt deutlich weniger im Fokus, weil es keine wirtschaftlichen Interessen gibt, und sie auch viel schwerer zu erfassen sind“, erklärt Doris de Craigher. „Sowohl die Artenanzahl als auch die Biomasse an Insekten hat in den vergangenen Jahren dramatisch abgenommen“, zitiert sie den Nabu. Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen hat gezeigt, dass in einigen Gebieten die Biomasse von Fluginsekten um bis zu 75 Prozent zurückgegangen ist. Die Ursachen dafür sind noch nicht abschließend geklärt. Einfluss haben jedoch immer größer werdende Ackerflächen mit derselben Pflanze. „Der Rest der Welt lacht uns mit unseren kleinen Schlägen aus. Da ist von der südwestdeutschen Puppenstube die Rede. Im Norden und Osten Deutschlands, aber vor allem in Kanada oder der Ukraine herrschen ganz andere Dimensionen“, sagt Siegfried Nägele.

Foto: Dieter Ruoff

Immer früher werden die Wiesen gemäht, sodass keine Blumen mehr zum Blühen kommen. „Man muss die Zusammenhänge erkennen und sich die Folgen bewusst machen“, so der Landwirt. Rund um die Teck sei die Welt jedoch noch einigermaßen in Ordnung. Doch auch hier nimmt die Versiegelung zu und damit Lebensraum für Tiere ab. Er nimmt die Haus- und Grundstücksbesitzer mit in die Verantwortung. „Statt grasbewachsener Feldwege gibt es zunehmend Betonpisten, die Straßenränder werden fast steril gepflegt, naturbelassene, aber offen gehaltene Flächen werden weniger. Viele Vorgärten haben sich in Steinwüsten verwandelt, in denen Insekten keinen Lebensraum mehr finden“, prangert Doris de Craigher an. Ihr ist aber auch bewusst, dass viele Menschen gar keine blütenbesuchenden Honig- oder Wildbienen in ihrem Garten haben wollen und deshalb eine entsprechende, für diese Insekten unattraktive, Bepflanzung wählen.

Foto: Dieter Ruoff

Tipps für einen insektenfreundlichen Garten

Biene
Symbolbild

Anregungen Es gibt noch Refugien, wo die Insektenwelt noch vielfältig vertreten ist. „Jeder kann in seinem Garten Lebensräume erhalten oder wieder schaffen. Dazu zählt etwa das Aufstellen von Wildbienenhotels“, erklärt Doris de Craigher.

Sie hat noch weitere Tipps parat: einen Komposthaufen anlegen, das Laub im Herbst zwar zusammenrechen, aber bis zum wärmeren Frühjahr auf einem Haufen liegen lassen, denn unter den Blättern versuchen viele Insekten zu überwintern.

Einheimische Blüh- oder Kulturpflanzen anpflanzen und nicht überall auf einem „englischen“ Rasen bestehen“, ist ein weiteres Anliegen von Doris de Craigher

„Wichtig ist auch, nicht jedes Insekt, das man nicht kennt als ekelig oder als Bedrohung zu empfinden und umzubringen, denn alle haben einen sinnvollen Platz im Naturgefüge“, sagt die Insektenexpertin. Sie freut es, dass viele Schulen sich diesbezüglich engagieren: „Es ist wichtig, Kinder nicht ausschließlich in Medienkompetenz oder Ähnlichem zu bilden, sondern ihnen auch die natürlichen Grundlagen des Lebens zu vermitteln - zum Beispiel, dass die Milch nicht aus dem Tetrapack und der Honig nicht aus dem Glas kommen.“ ih

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